sich Rother unwirsch und hörte hinter sich das lachende Urtheil : » Ganz grün . Kennt nicht die Welt . « Doch am nächsten Tage überwand er all seine Schwäche und machte sich nun wirklich gen Pimlico , South Belgravia , auf , wo Krastinik wohnen sollte . Ein gelbgrauer braustiger Nebel lastete über den zahllosen rothen Schornsteinen , die wie zackige Drachenkämme aus dem Meere Londons auftauchen . Rother fragte einen Arbeiter nach dem Weg , der an dem Eisengitter eines Hauses lehnend seine Thonpfeife schmauchte . » Ah , ein Foreigner ? « machte dieser mit geringschätzigem Schmunzeln und setzte ihm in herablassendem Ton auseinander , wohin er sich zu richten habe . Er fand das Haus , die Nummer . II. Krastinik hatte sich fast ganz von der Welt zurückgezogen . Zu Weihnachten verbrachte er ein paar Wochen bei einem Verwandten Dorringtons auf dem Lande , um den üblichen Plumpuding und Puter in altenglischer Weise zu genießen . Aber selbst die Jagd behagte ihm nicht mehr . Alles Weltliche langweilte ihn . Eine ungeheure Revolution durchtobte alle Fibern seines Innern , gestaltete ihn um , stellte seine ganze frühere Weltanschauung auf den Kopf . Jener namenlose Ekel vor allem Aeußerlichen ergriff ihn , der so oft den Idealisten wie eine Art Mieselsucht befällt . Eine verzehrende Sehnsucht , dem Idealen nachzustreben , im Reich des Geistes sich heimisch zu machen , durchfieberte sein ganzes Denken . » Ich bin ein Dichter ! « dies Hochgefühl wurde ihm an sich noch keineswegs zum Hochgenuß , weil er seine bisherige Bedeutungslosigkeit sich ehrlich gestand . Sollte er auf Pump bei der Unsterblichkeit leben , wie mancher windige Geselle ? Nein , einlösen wollte er den Wechsel , den er auf sich selbst gezogen . Nachholen galt es , was er versäumt , da er seine ganze Jugend vergeudet , den schönsten Theil seines Lebens verpraßt und verschwendet , ohne seinen wahren Lebensberuf auch nur zu ahnen . Nun er denselben erkannte und erkor ( konnte die Phrenologie denn lügen ? ) , wollte er Herz und Nieren nur diesem einem Ziele weihen . Er stand spät gegen Mittag auf , von Schlaflosigkeit und Träumen dichterischen Schaffens gepeinigt . Morgens im Bette wälzte er tausend Pläne ; selbst das Aufstehen und sich Ankleiden als etwas Physisches störte ihn . Er schlang sein Frühstück hinunter , und ohne der Wirthin Zeit zu lassen , seine Stube aufzuräumen , machte er sich an die Arbeit , las und schrieb . Gegen Abend wanderte er weit hinaus in die City , um sein Dinner irgendwo aufzustöbern , da im Westend nur wenige Restaurationen liegen . Auch brauchte er einen langen Spaziergang , um die Säfte der stockenden Maschine zurechtzurütteln . Oft langte er zu spät an , da nach 8 Uhr dort nichts Warmes mehr zu bekommen , und mußte sich mit Ueberbleibseln begnügen . Oder er wanderte wieder ins Westend zurück , um in einer Conditorei ( wie man dies nur in England kennt ) ein französisches Ragout oder die üblichen Hammelrippchen zu bestellen . Seine unnatürliche Lebensweise verschlimmerte sich derartig , obschon er nur selten vom Theater oder aus Gesellschaften heimkehrte , daß er manchmal erst gegen 11 Uhr Nachts , ja noch später , sein » Mittagsbrot « einnahm . Er magerte sichtlich ab und Dorrington , der sich wiederholt bemühte , ihn seinem Einsiedlerleben zu entreißen , erschrak jedesmal , wenn er ihn wiedersah . Jede Nacht genoß der Graf beim Heimkehren das Vergnügen , am Belgrave Road durch eine Kette von Nachtwandlerinnen , welche die ganze Breite des Weges sperrten , der Freiheit eine Gasse zu brechen . Auch wußte er einzelne handgreifliche Verehrerinnen abweisen , die mit ihrer gewöhnlichen Angriffstaktik den krummen Griff ihres Regenschirms in seiner Achselhöhle festhakten . Er aber schritt , unangefochten von fleischlichen Regungen , in einsamer Majestät durch all den Schmutz hindurch , halb erhaben halb lächerlich , ein Ritter von der traurigen Gestalt . Bis um Mitternacht geschlossen wurde , irrte er im Hyde Park oder St. James ' Park hin und her . Der Regen sickerte durch Moos , Farnkräuter und tropische Gewächse . Das silberne Boot des Mondes durchfurchte die Wolken , die sich burgähnlich in zackigen Umrissen am trüben Horizonte ballten . Die Giebel von Bukingham Palace umwob der nächtige Trauerflor . Im melancholischen Wasser spiegelten sich spukhaft die Sterne . Auf den sammetweichen Wiesen , deren Smaragdgrün der funkelnde Morgenthau des Frühlings wie mit Demanten besät , wo Hammelheerden behaglich wiederkäuend geweidet , wo ihm oft das sonnenstaubdurchrieselte Laub der Eichen ein rosiges Antlitz mit goldigem Haar als englisches Ideal seiner Träume heraufgezaubert hatte - dort lagerten jetzt über geschmolzenem Schnee schwarz und schwer immer tiefere Schatten . Bleierne Müdigkeit lastete auf dem Einsamen . Manchmal fuhren seine Finger über sein bleiches vornehmes Gesicht in seltsam mechanischem Takt - dann war ihm , als ob er träume , als ob er sein vergangenes nutzloses Leben nur geträumt . War er Kavalier , Dandy , Offizier gewesen ? War er nicht stets ein einsamer Grübler wie jetzt , ein verkappter Dichterdenker incognito ? Immer verhaßter wurde ihm sein bisheriges Leben - sollte er in dasselbe zurückkehren , wenn sein Urlaub abgelaufen ? Konnte er das noch , selbst wenn er wollte ? Aber was dann ! Vermögen hatte er ja nicht , ein jüngerer Sohn . Wovon leben ! Er hatte sich von seiner Appanage soviel zusammengespart , um diese Reise machen zu können . Davon konnte er vielleicht noch bis Herbst hier leben . Sein Urlaub , den er auf unbestimmte Zeit » gesundheitshalber « genommen , um dessen Verlängerung er erfolgreich eingekommen war , gestattete ihm das . Aber was dann ! Er schien sich der Beklagenswertheste der Menschen . Als ihn einmal eine Nachtwandlerin , die am Park-Laue entlang pirschte , manierlich und ohne Zudringlichkeit fragte , was die Uhr sei - vielleicht , um einen Austausch schöner Seelen anzuknüpfen , vielleicht auch nicht -