, von all ' diesen Lächerlichkeiten selbstverständlich keine Spur . Aber dafür ein unverdorbenes Auge voll naiver Spürkraft , einen waldfrischen Sinn für versteckte Schönheit und Wahrheit , einen kecken Bestimmungsmut , ohne Flausenmacherei . Ich kann mir nicht helfen , mein verehrter Doktor und Studienlehrer a.D. , abgesehen von unserem modischen , koketten , salonfähigen Wissenschaftlernachwuchse sind mir unsere gelehrten Häuser , sonderlich die Philologen , Rabbiner , Apotheker , Archäologen und verwandte Haarspalter , Geistespillendreher und Gehirnpflasterstreicher immer wie Halbmänner vorgekommen , ausnehmend gelungene Exemplare wie keifende , zänkische alte Weiber , und die vollendeten Fachtroddeln wie Hexen auf nächtiger Haide . Da hab ' ich mich oft gefragt : warum überträgt man diese männerverwüstenden Wissenschaften nicht lieber den Frauen ? Die Wissenschaften würden ihre widerwärtigen Eigenschaften ablegen und gewiß nicht schlechter dabeifahren ... Und nun lerne ich diese Archäologin von natürlichen Talentes Gnaden kennen ! Am ersten Tag war ihr Pompeji ein Stilleben , das sie nur von der malerischen Seite reizte . Am zweiten Tag war ' s ihr ein Kuriositäten-Kabinet , ohngefähr wie das bayerische Nationalmuseum in der Maximilianstraße : sie guckte in dieses Kästchen , in jenes Fensterchen , beäugelte da einen alten Waschtrog , dort eine vorsintflutliche Kochmaschine , hier eine mörderische Bartscheere , dort eine stimmungsvolle Klystierspritze u.s.w. Am dritten Tag streckte ihr archäologisches Spezialinteresse ganz herzhaft die Fühler aus . Nun geben Sie Acht , mein verehrter Doktor : wir schlendern durch eine uralte , krumme , enge Geschäftsgasse , sagen wir die Sendlingergasse von Pompeji - wir bleiben stehen , zur Linken irgend ein alter Schnapsladen , zur Rechten eine Bäckerei , und wie wir so mitten in der Gasse stehen zwischen den tiefausgefahrenen Geleisen im Lavablockpflaster , deutet mein kleiner genialer Kamerad mit der Spitze des Sonnenschirms auf eine Skulptur im Pflasterstein ( ich hatte schon meinen Stiefel daraufgesetzt ) und fragte mit Augen , Mund und Geste : » Was ist das ? « Und aus mir antwortete schlagfertig , sachgemäß und höflich eine Stimme : » Das ist ein Phallus . « Und sie darauf : - - - Ich erlasse ein Preisausschreiben mit einer Prämie von tausend Mark für jedes Wort und fordere das gesamte belletristische und psychologisierende Deutschland auf , das Zwiegespräch sich auszudenken und ehrlich und druckfähig niederzuschreiben , das sich an meine Antwort : » Das ist ein Phallus « an Ort und Stelle zwischen Flora Kuglmeier und mir geknüpft hat - und wer das Richtige trifft , der soll sofort den Preis baar ausbezahlt erhalten . Da sollen einmal unsere vielbeliebten idealistischen Familienromanziers die Probe auf ihren Scharfsinn und ihre Lebenswahrheit machen . » Das ist ein Phallus , « sagte ich . Und sie darauf : - - - Dann ich : - - - Dann sie : - - - Und so weiter in Rede und Gegenrede mit ganz kurzen Pausen . Dauer des Gesprächs etwa sechs Minuten . Es war Vormittags zwischen Neun und Zehn . Wir waren allein . Nur fünfzig Schritte von uns die Nasenspitze eines Aufsehers an der Straßenkreuzung . Der Himmel wolkenlos , von idealer Bläue . Über dem Vesuv ein leichtes , weißes Dampfwölkchen . Die Luft morgendlich frisch , seeduftig , reingewaschen , ozonsatt . Die ganze Natur reckte sich vor Wohlgefühl . ( In Parenthese muß ich Vergessenes mit zwei Worten gutmachen : ich habe noch nichts über die Farbe ihrer Augen , über den Klang ihrer Stimme und über das Tempo ihres Ganges gesagt , was auch von einer Archäologin zu wissen nützlich und angenehm ist . Augen , die man immer auf sich gerichtet sieht , in tiefster Einsamkeit , in dunkelster Nacht , im heimlichsten Traum , die mit einem gehen durch die geräuschvolle Menge am hellen Tag und die vom Himmel grüßen , wenn am Abend die ersten Sterne leuchten . Nun raten Sie ihre Art und Farbe . Und die Stimme ? Das Klangbild zu dem Farbenbild der Augen , im Klang übersetzte Seele . Nun wissen Sie die Stimme . Und der Gang ? B-dur-Sonate von Schubert erstes Motiv , dann Chopin Präludium in H-moll assai lento , dann - aber Sie verraten gewiß nichts ? - das üppige Geschlängel , wenn Kundry den reinen Thoren zum Kusse an sich zieht . Lassen Sie sich diese Sätze einmal vom Hofkapellmeister Levi nacheinander vorspielen - ich horte , Sie hätten Ihre Musikscheu hinlänglich überwunden , seit Sie in den poetischen Diensten des musikliebendsten Monarchen stehen ? - und verwandeln Sie die Klangfiguren zur rhythmischen Plastik eines auf zwei gesunden Beinen schwebenden Frauenleibes . Unsinn ! Als ob Sie sich in Ihrem ganzen Leben so etwas undefinirbar Schönes vorstellen könnten ! ) Und der besprochene , als Symbol der Fruchtbarkeit u.s.w. in den Pflasterstein vor dem Bäckerladen gemeißelte Phallus versetzte uns mit einem Schlag mitten in das blühende Reich römisch-griechischer Archäologie . Wir bogen in die nächste Gasse ein , wohin uns die enorm lange Nasenspitze des Aufsehers als Wegweiser - verführte . Es war nämlich , wie sich bald herausstellte , eine sogenannte verrufene Gasse . ( In Parenthese : falls Ihre Müdigkeit oder Schamhaftigkeit Sie veranlaßt , hier die Lektüre abzubrechen , so bitte ich Sie , die folgenden Blätter ins Feuer zu werfen , damit nicht einer der unschuldsvollen Jünglinge , die in Ihrer Arbeitszelle , genannt » Tempel der schmerzensreichen Weltliteratur « , studierenswegen verkehren , Schaden an seiner reinen Phantasie oder Tugend nehme . Ich habe vorgebaut - die Verantwortung fällt auf Ihr sündiges Haupt , wenn diese Blätter Unheil stiften . ) Eine sogenannte verrufene Gasse . In der heiter vorsorglichen Venusstadt Pompeji nichts Auffallendes . Nicht einmal in München , das den h. Benno zum Schutzpatron hat . ( Neue Parenthese : Sie kennen doch gewiß auch die historische Antwort , die König Ludwig I. auf das Gesuch gab , in der guten und braven Stadt München ein neues - Bedürfnishaus zu errichten ? Man baue , meinte der königliche Pessimist