krause Bart , der überdies mehr als eine sehnige Furche an Hals und Unterkiefer verhüllen mochte , aus dem zu schließen , was im oberen Gesichte in milderen Farben zutage trat . Die geistige Jugend und gemütliche Rüstigkeit , die trotzdem dasselbe Gesicht und dessen Augen belebten , konnte er selber nicht verstehen und anrechnen , und so fand er sich von dem nächtlichen Spiegelbild weder erbaut noch aufgemuntert . » Sei es ! « sagte er , indem er rasch den Leuchter wegstellte und sich in einen der Lehnstühle warf , » ich hab das ja wissen können , und daß ich Alter ein Gesell bin , gehört ja gerade zu der Frage , die mich bewegt ! Noch muß ich wirken und schaffen , und noch brauch ich einen Mund voll Frühlingsluft , welche das Herz erneuert ! - Die gute Marie ! von Untreue im banalen Sinn ist ja nicht die Rede ! Bessere Leute als ich haben ihre Jahre mit der Frauenfreundschaft , Neigung , nenne man es Liebe , verschönt und erweitert ; und hat sie nicht im voraus schon gelacht , und wie lieblich gelacht , als ich zum ersten Mal von der schönen Myrrha erzählte ? Die Myrrha ! Wird sie mich dulden können ? fühlen können und wollen , was sie mir zu sein vermag ? Hier ist ein Schicksal im Spiele , das so oder so vorübergehen wird ! Es vernünftig zu lenken , ist meine Sache , es wird bald getan sein , wenn es nicht ist , was ich wünsche - und wenn es ist , so soll der Pfad eben und sonnig bleiben und niemand straucheln ! « Er verlor sich in süßen Träumen vom Genusse einer jugendlichen Neigung des seltenen Geschöpfes und von einem Verkehre , der ein erfreuliches Schauspiel für die Menschen darbieten würde , weit entfernt , Ärgernis zu erregen ; und in unbestimmter Zukunft sah er Myrrhas Leben , befreit von den unheimlichen Banden , in denen er jetzt gefangen war , wohlgeordnet dahinfließen an der Hand eines ihrer würdigen Mannes . Nicht einen Augenblick fielen ihm seine unglücklichen Töchter ein , deren Liebesphantasie er so klar , wenn auch menschlich zu beurteilen wußte , noch weniger der Unterschied zwischen ihrem und seinem Alter und noch weniger derjenige zwischen ihrer damaligen Lage und der seinigen . Und noch weniger ahnte er , wie klar jetzt zutage trat , daß die guten Mädchen die Eigenschaft , solchen » fixen Ideen « anheimzufallen , von niemand anderem als von ihrem Vater ererbt hatten , und welch tragikomischen Anblick es bot , den armen Mann die Tatsache so sehr nachträglich nach rückwärts hin illustrieren zu sehen ! Und weiter bedachte er keineswegs , wie solch ideales Liebesverhältnis eines weisen älteren Mannes als Hauptsache ein mit ungewöhnlichem Geiste begabtes weibliches Wesen voraussetzt , während er von Myrrhas innern Zuständen noch gar keinen Begriff hatte oder dieselben zusammenphantasierte . Und das war wieder um so bedenklicher , als es darauf hinauslief , es walte auch hierin eine Selbsttäuschung vor und die schöne Neigung beruhe lediglich auf einem sinnlichen Anreiz . Alles das war dem guten Martin Salander in seiner jetzigen Seelenlage unbewußt , aber darum nichtsdestominder vorhanden in ihm , wie außer ihm , und drückte die Seele , wie wenn er an alles dächte ; denn sie war doch immer daheim , wie eine gut gewöhnte Hausfrau . Er fiel daher , als er um Mitternacht endlich das Lager suchte , in einen unerquicklichen Schlaf , in welchem die Seele unwirsch herumfuhr wie ein Poltergeist . Davon erwachte er am Morgen mit schwerem Herzen , und als er den Druck verspürte und ihm ein tiefer Seufzer entfuhr , sagte er : » Aha , da haben wir ' s ! Eine Leidenschaft ! Eine Leidenschaft ! Ach du lieber Gott ! Wie hat das noch an mich kommen müssen ! « Und so hielt er den Rumor des alten Gewissens für den Anbruch eines späten Liebesfrühlings und litt Liebesschmerzen , wie ein junger Mensch , doch mit dem Kummer eines bejahrten Vaters , der sich voll Sorgen für die Seinen niederlegt und mit Seufzen den Tag erwachen sieht . Dazu ward er in kurzer Zeit mit Verwunderung inne , wie jung er sich vor diesem unglückseligen Abenteuer gefühlt , und wie er jetzt täglich an seine Jahre denken müsse , während er noch nie so nötig hatte , sie zu vergessen , und zwar nicht allein wegen der unbequemen Leidenschaft , sondern auch wegen des allgemeinen Weltlaufes . Der Sommer wurde mit jeder Stunde geräuschvoller , sozusagen üppiger durch eine ungeheure Zahl größerer und kleinerer Feste , Anlässe , Gesamtreisen , Vereinsausflüge und Begehungen aller Art bis in den Herbst hinein in allen Himmelsrichtungen ; es war , als ob das ganze Volk wanderte , unter allen Vorwänden , Dorfschaften und städtische Nachbarschaften , Häuflein von Greisen , welche fünfzig , sechzig , siebzig Jahre alt geworden , und Hunderte von Kinderschulen mit flatternden Fähnchen , von denen zuweilen eine an der Sonne lagerte , bis die Vorsteher aus dem berühmten Bierhause kamen , in das sie geschwind untergetreten . Ein unkundiger Fremder hätte fragen können , wer eigentlich in diesem Lande im Sommer arbeite , außer etwa den Wirtsleuten , weil er nicht bedachte , daß ihrer noch genug da waren , die zu Hause blieben und etwas schafften , und daß auch von denen , die wanderten , manche vor und nach genug taten , um sich die Freude gönnen zu dürfen , wie denn auch immer neue Züge sich auf den Wegen kreuzten und bald wieder verschwanden . Wenn man jedoch sich der Klagen über schlechte Zeiten und stetig wachsende Volksnot erinnerte , so begriff auch der Einheimische nicht recht , wo sie alle das Geld hernahmen , das sie verjubelten . Scharen katholischer Wallfahrer , die zwischen den weltlichen Lustfahrern sich bewegten , konnten ihn aber belehren , daß früher noch mehr im Volke