sprengte , ward sie ein Kind . Hatte sie bisher älter geschienen , als sie war , nun schien sie jünger ; ihre Wangen färbten sich gleich Maienrosen , die stillen Augen leuchteten in meerdunklem Glanz , sie bewegte sich rascher , die leise Stimme tönte klangvoll aus der Brust heraus ; sie lächelte fröhlich wie noch nie . Denn wann hätte das Nachtgespenst der Sorge standgehalten vor der Liebe erstem Morgenstrahl ? Jener Nebel , der jach vor Lydias Augen aufgestiegen war , hatte sich unter dem Verlobungssegen gesenkt ; auch ihres Vaters Krankheit sah sie in einem heitereren Licht ; ein Widerstrahl ihrer Freude fachte seine Kräfte an , sie war sein liebstes , sein eigenstes Kind , er hoffte für sie und sie für ihn . So lebte sie Tage und Tage im reinsten Äther des Glücks . - Zehn Tage im reinsten Glücksäther ! - wie viele Menschen sind es , die auf sie zurückblicken ? War das Brautpaar verpflichtet , sich dem Großvater Mehlborn als solches vorzustellen ? Max hatte nein gesagt , Lydia ja , und ein Bräutigam von kaum zwei Wochen gibt nach . Bruder Martin erbot sich , an Stelle des kranken Vaters das junge Paar » zu chaperonnieren « . So zog man bei hellem Sonnenschein aus , um eine Stunde später unter einem drohenden Gewitter heimzukehren . Amtmann Mehlborn war , wie füglich hätte erwartet werden können , beim ersten Kleeschnitt auf dem Felde gewesen , Leutnant und Doktor von Hartenstein hatten ihre Karten abgegeben ; der letztere , da seine Braut über derartige gesellschaftliche Utensilien nicht verfügte , nachdem er unter die seine gekritzelt hatte : » und Lydia von Hartenstein . Verlobte . « Irgendwelche herzliche oder auch nur höfliche Erwiderung wurde , mit gutem Grunde , nicht erwartet . Trotz des erwünschten Verfehlens empfand Max heute doppelt , weil auch aus einer Art von Scham vor seiner Braut , das Widerwärtige dieses Familienbezugs . Er kam daher während des Heimwegs auf seine neuliche Behauptung zurück , daß derlei aufgenötigte Verhältnisse nicht nach hohen sittlichen oder gemütlichen Werten zu bemessen seien . » Kannst du im Ernst das Band zwischen mir und diesem alten Manne Liebe nennen , Lydia ? « fragte er , und da sie nicht augenblicklich eine Antwort gab , gab er sie selbst , indem er fortfuhr : » Im besten Falle wäre es ein Blutszwang , im schlechtesten Heuchelei , und selber das , was du als Tugend oder dergleichen Willensakt anführen möchtest , hieße gerade darum nimmermehr Liebe , die ja die Freiheit selber ist . Und wäre es mein leiblicher Vater , wenn ich ihn nicht lieben könnte , ohne daß er mein Vater ist , dann verdiente mein Gefühl zu ihm diesen Namen nicht . « Lydia schwieg auch jetzt , die Augen sinnend zu Boden gesenkt ; der ehrliche Martin aber erwiderte : » Nimm es mir nicht übel , Max , aber das finde ich am Ende doch ein bißchen stark . Da wäre ich ja nicht besser als ein Hund oder Pferd , die wohl einem Herrn anhängen , aber keinen Vater und keine Mutter kennen . Sind uns denn die Anverwandten für nichts und wieder nichts vom lieben Gott gegeben ? Und wenn dein Großpapa den Spieß nun umdrehte und sagte : mein Herr Enkelsohn ist gar nicht nach meinem Geschmack , ich werde mir einen Erben suchen , der mir gefällt ? « » Würde ich seine Geschmacksrichtung durchaus in der Ordnung finden , « entgegnete lachend Max , » wenn auch die Folgerung auf das Pflichtgebiet anders gezogen werden muß für den , welcher das Leben gibt , und dem , welchem es willenlos gegeben wird . Auch das Tier sorgt für seine Brut . Beruhige dich indessen , Freund ; keinem Bauer , richtiger ausgedrückt , keinem Ungebildeten fällt es ein , sich einen fremden Erben zu suchen , wenn ihm der natürliche auch noch so wenig zusagte . Das ist es ja eben , was ich Blutszwang , item der Liebe Gegensatz genannt habe . « » Ich würde es ganz anders nennen , Max . « » Und wie , Bruder Leutnant , wenn es beliebt ? « » Das richtige Wort fällt mir nicht gleich ein . Aber würde ich denn , nämlich gar nicht etwa bloß , weil ich es geschworen , sondern ganz von Natur , nicht mehr an meiner Fahne hängen , weil ein siegreicher Feind sie in Fetzen gerissen hätte ? « Lydia drückte ihrem Bruder mit einem zustimmenden Blicke die Hand , und das war das erste Zeichen des Widerspruchs , das sie sich gegen ihren Verlobten gestattete . Unter Donner und Blitz erreichten sie das Haus . Sidonie war mit den beiden jüngeren Cousinen nach der Pfarre gegangen , dagegen eine Briefsendung der Mutter aus der Schweiz eingetroffen als Antwort auf die Verlobungsanzeige von seiten des Propstes und der Kinder . Mütterliche Freude hatte die Verbindung mit einer Familie , die ihr so fremdartig gegenüberstand , Frau Brigitten ja nicht erwecken können ; schlechthin Einspruch dagegen zu erheben war indessen unstatthaft , und zu pflichtmäßig aufrichtig , um einen Anteil , den sie nicht empfand , mit Phrasen abzufertigen , behandelte sie das Verhältnis eingänglich von einer Seite , die bisher , geflissentlich oder nicht , unberührt geblieben war , von der praktisch häuslichen . » Du hast , mein Sohn , « so schrieb sie unter anderem , » mit dem Leben bisher getändelt wie ein Kind . Nun baue ich darauf , daß das , was du dein Glück nennst , den Ernst des Mannes in dir reifen und dich für die erste Menschenpflicht , die einer der Gesamtheit nutzbringenden Tätigkeit , tüchtig machen werde . Wenn deine künftige Gattin dir in diesem Sinne eine Gehülfin wird , dann , aber auch nur dann , wirst du wie den Zweck der Ehe mit ihr erreichen , so das Glück der Ehe durch