Im Dorfe hörte man das Schellengeläute der zum Brunnen getriebenen Kühe , und die Ziegen eilten von den Bergen ihren Ställen zu . Aus den nahen Scheuern duftete das Heu wie reifes Obst , alles war in schönstem Frieden und schien sich gesättigt zur Ruhe begeben zu wollen . Dorothee kam nur langsam vorwärts , wie schnell sie sich anfangs heimmachen wollte . Waren ihr auch Angelikas Reden größtenteils unverständlich geblieben , so hatten sie ihr Herz doch mit einer ganzen Reihe quälender Gedanken belastet . Hansens Mutter und der stolzen Verwandtschaft war nicht einmal Angelika gut genug gewesen , und nun sollte sie , die Magd , an den Platz , während der treue Knecht daheim lag ! Einem von ihnen beiden geschah nicht recht , oder es mußte aus den jetzigen Verhältnissen noch ganz anderes erwachsen , als man augenblicklich vermuten konnte . Auch der Vorwurf wegen dem Bruder gab dem Mädchen zu sinnen . Es hätte doch schon damals etwas tun können bei Hansen , wenn es jetzt soviel bei ihm galt . Ums bare Geld hätte er auch einen anderen Stellvertreter für sich bekommen . Durfte sie den Hansjörg opfern für die allerdings zahllosen Wohltaten , die nur sie erhielt ? Während sie stand und sann , trugen zwei Mütterchen die mit dürrem Buchenlaub gefüllten Bettsäcke nicht weit von ihr vorüber . » Mein Ältester « , sagte die eine Laubsackträgerin , ohne die unfreiwillige Lauscherin zu bemerken , » hielt sich auch mit aller Kraft an einem Dornstrauch fest , als vor einem Jahr droben am Üntscherspitz das Bergheu unter seinen Füßen wegzurutschen begann . « » Das wohl « , entgegnete die andere , » aber Dorothee hält sich im Fallen an anderen Menschen fest und reißt sie mit in den Abgrund der Schande . Hans ist mit ihr ins Gerede gekommen . Nun hält er sie für die Unglückliche , und da will der gute Bursche sie beide durch eine Verbindung retten . Bei ihm ist ' s nur Mitleid und Trotz gegen die Leute , und aus Dummheit und Eigensinn ist noch nie viel Gutes entstanden . « Gefühlvolle Menschen , deren Einbildung sich beständig in einem engen Kreise bewegt , pflegen noch mehr als andere jedem Gegenstand , jedem Erlebnisse die Farbe ihrer augenblicklichen Stimmung zu leihen . Alles lebt , liebt , jubelt und weint mit ihnen , und der unbedeutendste Vorgang wird auf diese oder jene Art in Zusammenhang mit ihrem Leben gebracht . Es geschah , um sie zu mahnen , aufzumuntern oder das Künftige anzudeuten . Hätte Dorothee die beiden Mütterlein zu anderer Zeit so reden gehört , so wäre sie dadurch allenfalls an andere närrische Schwätzereien derselben erinnert worden ; jetzt aber waren es nicht etwa kurzweg die und die , sondern ein höheres Wesen hatte jene wenigen und doch so inhaltsschweren Worte durch sie gesprochen . Wie hätte sich alles so gut treffen , sie gerade diese Worte hören müssen , wenn daraus nichts Wichtiges werden sollte ? War wirklich sein Entschluß nur aus Trotz entstanden , oder hatte er sie wahrhaft gern ? Das erste konnte sie nicht glauben , und wenn sie das zweite annahm - sie suchte und fand dafür Gründe - , so hätte sie lange schon gehen sollen . Dann hatte der Kaplan recht . Feierliches Glockenläuten erklang im Tale . Die Berge gaben mit den den Feierabend verkündenden Klängen die frohen Lieder der Arbeiter wieder , die nun aus Feld und Wald zu den Ihren zurückkehrten . Ein leises Lüftchen schüttelte die mächtigen Buchen , und mit dem letzten Laub rieselten tausend Keime auf den nur noch mit Zeitlosen bedeckten Grund . Herbst und Samstag - ! Man steht gern einmal still , um eine gewisse Strecke des Lebensweges von solchen Höhen aus zu übersehen . Viele gingen jetzt zur Beichte und ließen sich helfen bei ihrer Rechnung . Ach , auch sie hätte sich in diesem Augenblicke zum Pfarrer gewünscht ! Warum fiel es ihr denn nicht schon längst ein , wohin sie sich wenden müsse in ihrer Ratlosigkeit ? » Wenn ihr « , hatte der edle Greis in der Schule gesagt , » keinen Freund auf der Welt mehr habt und niemand , der euch hinaushilft aus Nebel und Nacht , oh , so glaubt nicht , daß ihr das allein könnt , glaubt euch nicht zuviel , sondern nehmt teil an den Schätzen der Gnade , der Erfahrung und des Trostes , die die Kirche durch den Beichtvater anbietet ; wendet euch an ihn , der nicht wegen den Gesunden auf guter Weide , sondern gerade wegen den Kranken und Verirrten jeden Sonnabend und an jedem Heiligen Tag im Beichtstuhl sitzt , um zu helfen , zu trösten und zu erlösen ! « Ganz deutlich wußte das Mädchen noch jedes Wort , so daß es die ganze Rede wie gelesen hersagen konnte . Und dabei wurde sein Gesicht immer heiterer . Ja , es wollte beichten , alles sagen , wie es war , und dann den Zuspruch erwarten . Eine Gewissenssache war ' s jedenfalls , und die wichtigste , die es noch gehabt hatte . Der Priester an Gottes Statt sollte nun sprechen und seinem Herzen Ruhe gebieten . Achtzehntes Kapitel Eine Beichte ohne Reue Dorothee kam in der heitersten Stimmung auf den Stighof , wo man bereits mit Ungeduld die Köchin erwartete . Gewöhnlich war es ihr noch unlieber als den anderen , wenn ihretwegen etwas nicht in gewohnter Ordnung vorwärts ging . Heute aber ging ihr die etwas unfreundliche Frage der alten Stigerin , wo denn um Gottes willen sie so lang und so Wichtiges zu tun habe , daß das ganze Haus auf sie warten müsse , weit weniger nahe als die Freundlichkeit , mit der man den neuen Knecht begrüßte , einen kräftigen Burschen , der bald nach ihr mit Sack und Pack auf dem Stighof ankam . Diese Leute hatten den armen Jos schon ganz vergessen , seit