bewußt und daß es bereit sei , selbst den Tod zu erleiden um seiner Mission willen ! ... Welch ein wunderbares Gemisch war doch diese junge Seele ! Ueber einem heißen Herzen , das so glühend hassen konnte , ein so kühler , besonnener Kopf ! Sie lief leichten Fußes über die knirschenden Ziegel , und nicht einen Moment dunkelte es vor diesen klaren Augen ; ihr brausender Feind aber gönnte sich nicht viel Zeit zum Ausschnaufen - ein greller Pfiff , und er kam wieder daher mit niederstürzender Wucht . Die Vorbauthür flog klirrend auf , Blumentöpfe stürzten zerschmetternd auf den Fußboden der Galerie , und die uralten Sparren ächzten und zitterten unter Felicitas ' Füßen . Sie stand noch auf dem Nachbardache , aber ihre Hände umklammerten das Galeriegeländer , das sie in demselben Augenblicke erreicht hatte . Wohl riß ihr der Sturm das Haar auseinander und peitschte die gewaltigen Strähne , als sollten sie in alle Lüfte zerstreut werden , allein sie selbst stand fest . Nach einem Moment geduldigen Ausharrens konnte sie sich über das Geländer schwingen , und gleich darauf trat sie in den Vorbau ... Hinter ihr brauste und tobte es weiter - sie hörte es nicht mehr , sie dachte auch nicht an den todbringenden Rückweg - die gefalteten Hände schlaff niederhängend , stand sie in dem kühlen , epheuumsponnenen Raume - sie sah ihn zum letztenmale ... Die stillen , schneeweißen Gesichter an den Wänden schauten wohlbekannt und doch auch wieder so verwundert fremdartig hernieder - einst hatten sie diesen Raum beseelt , denn ihre lebendigen Gedanken wurden heraufbeschworen und umflatterten die kalten Stirnen , jetzt waren sie nur noch ein Schmuck , eine Dekoration der Wände , sie starrten ebenso gleichgültig auf die jugendstrahlende Gestalt der koketten Regierungsrätin , wie auf das blasse Mädchengesicht , das sich thränenüberströmt zu ihnen emporhob . Im übrigen erschien das Zimmer so traut wohnlich , wie zu Tante Cordulas Lebzeiten . Kein Stäubchen lag auf dem spiegelglatten Mahagonideckel des Flügels , der Epheu streckte , als Zeichen , daß es ihm wohlgehe , zahllose junge hellgrüne Triebe aus der dunkeln Blätterwand , und in der einen Fensternische standen sorgsam gepflegt der prachtvolle Gummibaum und die Palme , zwei Lieblinge der alten Mamsell . Aber die andere Fensterecke war verändert , das zierliche Nähtischchen stand nicht mehr dort - der Professor hatte sich die Nische als Studierwinkel eingerichtet . Ueber Felicitas ' Gesicht ergoß sich eine brennende Schamröte ... Also sie stand doch wie ein Dieb in seinem Zimmer ! Wer weiß , was dort auf dem Schreibtisch für Briefe und Papiere lagen , auf die kein fremder Blick fallen durfte ! Er hatte sie sorglos , ohne Arg offen liegen lassen , denn er trug ja den Zimmerschlüssel in der Tasche - das junge Mädchen flog wie gejagt nach dem Glasschranke . Auf der Seitenwand des alten Möbels , inmitten einer geschnitzten , seltsam verschnörkelten Arabeske befand sich ein feiner , für ein uneingeweihtes Auge kaum erkennbarer Metallstift . Felicitas berührte ihn mit festem Druck , und die Thür des Geheimfaches sprang auf . Da standen und lagen die vermißten Kostbarkeiten in wohlbekannter Ordnung ! Die weitgebauchten silbernen Kaffee- und Milchkannen , die mit seidenen Bändern zusammengebundenen schweren Löffelpakete , die altmodischen Etuis mit dem Brillantschmuck , alle diese Dinge befanden sich genau auf demselben Platze , den sie seit vielen Jahren im tiefen Dunkel der Verborgenheit eingenommen hatten ... und dort in der Ecke stand die Schachtel mit dem Armring , daneben aber - der kleine , graue Kasten in schräger Stellung , wie ihn die alte Mamsell vor wenigen Wochen hastig hingeschoben - sie hatte ihn offenbar nicht wieder berührt . Felicitas nahm ihn mit bebenden Händen heraus - er war nicht leicht - sterben sollte sein Inhalt , aber auf welche Weise ? Wie war er beschaffen ? Sie hob vorsichtig den Deckel - ein plump gearbeitetes , in Leder gebundenes Buch lag darin - die starren Blätter klafften auseinander , und der Einbanddeckel hatte sich im Lauf der Zeit aufwärts gekrümmt . Ein scheuer Blick belehrte das junge Mädchen , daß dies grobe Papier da drinnen nicht bedruckt , sondern vollgeschrieben sei . Tante Cordula , da ruhen zwei Augen auf deinem Geheimnisse - zwei Augen , in denen du unzähligemal treue , kindliche Liebe und Hingebung gelesen hast , und ein junges Herz , das nie an dir gezweifelt , steht heftig klopfend vor dem Rätsel deines Lebens ! Es ist von deiner Schuldlosigkeit so unerschütterlich fest überzeugt wie von dem Dasein der leuchtenden Sonne , aber es will wissen , wofür du littest ; es will die Größe deines lebenslänglichen Opfers in seinem ganzen Umfange ermessen können ... Dein Geheimnis soll sterben ; diese Blätter werden zu Asche zerstieben , und der Mund , der schon in zarter Kindheit unverbrüchlich zu schweigen verstand , wird es so fest verschließen , wie der deine ! Die zitternden Finger des jungen Mädchens schlugen den Deckel zurück . » Joseph von Hirschsprung , Studiosus philosophiae « stand in kräftigen Zügen auf dem ersten Blatte ... Es war das Tagebuch des Studenten , des adligen Schustersohnes , um dessenwillen Tante Cordula ihren Vater buchstäblich zu Tode geärgert haben sollte . Der Schreiber hatte stets nur die erste Seite eines jeden Blattes beschrieben und die Rückseite desselben , ohne Zweifel zu Anmerkungen , freigelassen . Diese Blattseiten aber zeigten in dichtgedrängten Reihen die feinen , zierlichen Schriftzüge der alten Mamsell . Felicitas las den Anfang . Tiefe , originelle Gedanken , mit einer seltenen Kraft und Knappheit zum Ausdruck gebracht , fesselten sofort das flüchtige Auge und zwangen zum Nachdenken . Es mußte ein wunderbarer Mensch gewesen sein , dieser junge Schustersohn , mit der Phantasie voll grandioser Bilder , mit dem tiefeinschneidenden Urteil und dem feurigen Herzen voll leidenschaftlicher Liebe ! ... Und darum hatte ihn auch Cordula , die Tochter des gestrengen Kauf-und Handelsherrn , geliebt bis in den Tod . Sie