so schütte ihn aus ; ist er ohne dein Verschulden über dich gekommen , so kannst du sicher sein , daß ich ihn redlich mit dir tragen werde . « Es erfolgte abermals ein leises Weinen . » Du kannst nicht sprechen ? « frug der Oberförster nach einer kleinen Pause ; » das heißt , ich weiß ganz genau , daß dich kein körperliches Leiden verhindert , deine Zunge zu gebrauchen , denn du sprichst ja , wenn du dich unbeachtet glaubst , mit dir selbst ; es ist also ein moralischer Zwang , dem du dich unterwirfst , wohl gar ein Gelübde ? « Jedenfalls mußte ein stummes Kopfnicken seine Vermutung bestätigt haben , denn er fuhr heftiger fort : » Hirnverbrannte Idee ! ... Glaubst du , dem lieben Gott eine Freude zu machen , wenn du ihm seine herrliche Gabe , die Sprache , vor die Füße wirfst ? ... Und willst du deine ganze Lebenszeit hindurch schweigen ? ... Also nicht ? Du wirst einmal wieder sprechen , auch wenn sich das nicht erfüllt , was du durch dein Gelöbnis zu erreichen suchst ? ... Nun gut ; ich kann dich nicht zwingen , zu reden , trage demnach allein , was dich bedrückt , und was dich unglücklich macht ; denn daß du das bist , das steht leserlich genug auf deinem Gesichte geschrieben ... Aber das sage ich dir , an mir hast du einen unerbittlichen Richter , wenn es einmal klar werden sollte , daß du etwas gethan hast , was das Licht scheuen und hüten muß , vor den Ohren rechtlicher Menschen laut zu werden ; denn du hast in deinem grenzenlosen Hochmute von vornherein jeden ehrlich gemeinten Rat , jede gute Lehre von dir gewiesen und es mir unmöglich gemacht , dir so zur Seite zu stehen , wie ich es als Vertreter deiner Eltern gewünscht und gesollt hätte ... Ich will es noch einige Zeit mit dir versuchen , aber sobald ich nur ein einziges Mal merke , daß du dich bei Nacht und Nebel aus dem Hause entfernst , dann kannst du dein Bündel schnüren ... Noch eins , morgen werde ich den Doktor hierher kommen lassen , er soll mir sagen , was dir fehlt , denn du bist in den letzten Wochen geradezu unkenntlich geworden ... Jetzt geh ! « Die Thür öffnete sich und Bertha taumelte heraus . Sie bemerkte Elisabeth und Sabine nicht , und als sie die Thür hinter sich ins Schloß fallen hörte , da streckte sie plötzlich in sprachloser Verzweiflung die gerungenen Hände gen Himmel , und stürzte , wie von Furien gejagt , die Treppe hinauf . » Die hat etwas auf dem Gewissen , es mag nun sein , was es will , « sagte Sabine kopfschüttelnd . Elisabeth aber ging hinein zum Onkel . Er lehnte am Fenster und trommelte mit den Fingern gegen die Scheiben , was er gewöhnlich that , wenn er aufgeregt war . Er sah sehr finster aus , allein es flog ein heller Schein über sein Gesicht , als Elisabeth eintrat . » Gut , daß du kommst , Goldelse ! « rief er ihr entgegen . » Ich muß ein klares , reines Menschengesicht sehen , das thut mir not ... Die schwarzen Augen von der , die da eben hinausgegangen ist , sind mir fürchterlich ... Na , nun habe ich doch mein Hauskreuz wieder aufgenommen , um es ein Stück weiter zu schleppen ... Kann nun einmal so ein Wesen nicht weinen sehen , und wenn ich zehnmal weiß , daß ich mit dieser Zerknirschung über den Löffel barbiert werden soll . « Elisabeth war herzlich froh , daß das gefürchtete Zusammentreffen zwischen dem Onkel und Bertha so glimpflich abgelaufen war . Sie beeilte sich , seine Gedanken völlig abzuziehen von der Unglücklichen , indem sie ihm von der heutigen Festlichkeit und , wenn auch in etwas hastiger und flüchtiger Weise , von der schnellen Abreise des Herrn von Walde erzählte . Auch Linkes schauerliches Ende teilte sie ihm mit , eine Nachricht , die ihn nicht sehr überraschte , denn er hatte diesen Ausgang vermutet . Er begleitete das junge Mädchen bis an die obere Gartenthür . » Sei hübsch vorsichtig und läute nicht zu stark am Mauerpförtchen , « mahnte er beim Abschiede , » deine Mutter hat heute nachmittag einen Anfall ihrer Migräne bekommen , sie liegt zu Bette ... ich war vorhin noch einmal droben . « Erschrocken lief Elisabeth den Berg hinauf . Sie brauchte nicht zu läuten ; Miß Mertens kam ihr , in Begleitung des kleinen Ernst , auf der Waldblöße entgegen und beruhigte sie sofort . Der Anfall war vorüber , die Mutter lag in einem erquickenden Schlummer , als das junge Mädchen leise an das Bett trat . Es dämmerte bereits stark , und die tiefste Stille herrschte in der traulichen Wohnung ; die Schlaguhren waren in ihrem Gange gehemmt worden ; an den verschlossenen Fenstern verhallte das leise Geflüster der Blätter draußen , nicht einmal das Summen einer naseweisen Fliege wurde hörbar , denn der Vater hatte alles , was die Ruhe der Kranken stören konnte , unerbittlich entfernt . Hätte die Mutter jetzt auf ihrem Lehnstuhle in der einen Fensternische der Wohnstube gesessen , zwischen dem schützenden Vorhange und der grünen Buschwand vor dem Fenster , auf die der dunkelnde Abendhimmel schweigend niedersah , dann wäre heute die traute Ecke zum Beichtstuhle geworden ; Elisabeth hätte , knieend auf dem Fußkissen , den Kopf auf die Kniee der Mutter gelegt , ihr übervolles Herz dem mütterlichen Auge erschlossen ... Nun zog sich das süße Geheimnis wieder in den innersten Schrein ihrer Seele zurück ; wer weiß , ob sie je wieder den Mut fand , das auszusprechen , was unter den obwaltenden Verhältnissen die Mutter voraussichtlich erschrecken und mit großer Sorge um die Tochter erfüllen mußte . 16 Die Ruinen von Gnadeck mochten wohl verwundert aufhorchen bei dem seltsamen