doch berechnen , wie weit diese Vornehmheit ungefähr zu gehen vermochte ! Selbst die bewegten Zeiten änderten in diesem gegenseitigen Verhältnisse nichts . Denn wie abweichend der Hausherr und sein Miether auch über die Dinge dachten , welche in Amerika geschehen waren und in Frankreich eben jetzt geschahen , so waren beide doch vorsichtig genug , die obwaltende Meinungsverschiedenheit nicht scharf hervorzuheben oder auch nur ernst zu berühren . Der Kriegsrath wünschte es mit einem Manne nicht zu verderben , der nachzusehen wußte , wenn die Quartalszahlungen einmal etwas auf sich warten ließen . Auch um Paul ' s willen mußte man mit Herrn Flies in gutem Vernehmen zu bleiben suchen , und dieser Letztere hielt beharrlich an der Erfahrung fest , daß man jeden Menschen einmal brauchen könne und also Niemanden unnöthig von sich weisen dürfe . Herr Flies hatte seiner Zeit mit dem Kriegsrathe das Abkommen wegen des Knaben mit jener Schnelligkeit betrieben , mit welcher er alle seine Geschäfte abzumachen liebte , und er hatte dabei eine doppelte Absicht gehabt . Einmal hatte er gewünscht , sich dem Freiherrn von Arten gefällig zu erzeigen , der ihm ein guter Kunde war , und zweitens hatte er geglaubt , es könne ihm in jedem Betrachte nur vortheilhaft sein , wenn die Einnahmen seines Miethers sich um eine Summe steigerten , welche durch ihn ausgezahlt werden sollte und die mehr als den Betrag des Miethzinses ausmachte . Aber erst , als sie das Kind bereits im Hause hatte , war die Kriegsräthin auf die Frage gekommen , in welcher Weise sie dasselbe vor den Leuten aufzuführen haben werde . Eingestehen , daß sie den Bastard eines Edelmannes bei sich aufnehme , das mochte sie nicht gern , und ein Kind von solcher Herkunft für den Sohn eines seiner Verwandten auszugeben , verweigerte der Kriegsrath . Man gelangte also zu dem Auskunftsmittel , den Knaben als eine Waise darzustellen , deren man sich angenommen habe , und damit schienen die Schwierigkeiten nach allen Seiten auf einmal gelöst . Man hatte eine Form , in welcher man den kleinen Paul den zahlreichen Bekannten und Freunden des Hauses vorstellen konnte , es war gerechtfertigt , wenn man den Knaben in allen Dingen sparsam hielt , es gab für die Großmuth und Herzensgüte der Pflegeeltern ein schönes Zeugniß , und es erzog , wie die Kriegsräthin sagte , ihren Pflegling auf die einfachste Weise zu der Fügsamkeit , die für ihn am angemessensten schien , weil seines Gleichen doch in der Regel keinen glatten Lebensweg zu haben pflegten . Die Kriegsräthin war überhaupt eine gescheite und daneben eine hübsche Frau , die freilich nicht in allen Dingen mit ihrem älteren Manne zusammenstimmte . Er war ein wenig trocken und pedantisch ; sie nannte sich gefühlvoll und poetisch . Er liebte die Arbeit , sie die Muße ; er hielt auf seine Gewohnheiten , sie sehnte sich nach Wechsel und nach Neuem ; ihm genügten sein Amt und seine Lebenslage , sie besaß den Ehrgeiz , für ihren Mann ein höheres Amt , für sich eine glänzendere gesellschaftliche Stellung zu begehren , und sie war der Meinung , daß eine hübsche , gescheite Frau ihrem Manne vielfach nützen könne . Es war ja nicht das Verdienst allein , daß man im Staate belohnte , nicht allein die Kenntnisse und die Tüchtigkeit , welche den Beamten vorwärts brachten . Vornehme Verwandtschaften und einflußreiche Bekanntschaften fielen ganz anders in die Wagschale , und Frau Weißenbach , welche sich eine Pflicht und eine Ehrensache daraus machte , ihrem Manne solche Bekanntschaften zu vermitteln , hatte sich eben deshalb auch so schnell bereit erklärt , das Kind des angesehenen Freiherrn von Arten bei sich aufzunehmen . Denn auf die förderliche Gunst eines Mannes , dem man ein Geheimniß bewahrte , meinte sie rechnen zu dürfen . Wenn man aber mit einflußreichen Leuten in Berührung zu kommen wünschte , so mußte man , wie die Kriegsräthin behauptete , einen gewissen äußern Anstand zeigen , weil sich mit einer Familie einzulassen , von welcher man in jedem Augenblicke irgend einer Anforderung gewärtig sein muß , der Angesehene und Vielvermögende , der wie jeder Andere um seiner selbst willen aufgesucht sein mag , überall Bedenken trägt ; und der äußere Anstand war auch gar so schwer nicht zu behaupten . Eine gute Einrichtung , wenn sie einmal angeschafft ist , hält lange vor , und eine gebildete Frau weiß ihre Kleidung so zu tragen , daß alles an ihr einen besonderen Anstrich erhält . Es war auch gar nicht nöthig , daß der Kriegsrath sich viel in der Gesellschaft zeigte und sich aus seiner Ruhe störte . Sah man die Frau nur im Theater , wenn die Schauspielertruppe sich am Orte aufhielt , traf man sie nur in dem Kaffeegarten , in welchem die angesehenen und gebildeten Familien der Stadt sich zusammenfanden , so konnte der Mann in Gottes Namen bei seiner Arbeit bleiben . Hier und da ein Abendbrod zu geben , oder einige Personen zum Spiel bei sich zu sehen , das konnte man leicht ermöglichen . Man schränkte sich dafür in der Familie ein wenig ein , und ließen die Ausgaben und Einnahmen sich dennoch einmal nicht in das Gleiche setzen , so verstand Laura es vortrefflich , den mahnenden Handwerkern mit dem Hinweise auf ihres Mannes einflußreiche Stellung Geduld zu predigen , und sie auf die mancherlei Lieferungen zu vertrösten , welche er zu vergeben hatte und von denen hier und da eine oder die andere ihnen auch zu Theil ward . Auf solche Art geschah es , daß die Kriegsräthin ihre Handwerker und diese die Weißenbach ' sche Familie lobten , daß Herr Weißenbach mit seiner Laura sehr zufrieden war , daß Laura mit heiterer Sicherheit ihre sämmtlichen Angelegenheiten leitete und daß man die Familie Weißenbach durchaus als eine sehr achtungswerthe bezeichnete . Wem die Menschen aber , sei es mit Grund oder ohne Grund , einmal wohlwollen , dem legen sie das Gute doppelt und