Befangensten bald klarwerden ; in seinem Kollegio mochte der Geheime Rat eine Autorität sein , in seinem Heimwesen war er es jedenfalls nicht . Mit starker Hand führte Aurelia Götz , geborene von Lichtenhahn , das Zepter , nicht allein der Sitte , und ließ selten etwas über sich kommen . Bis an die Grenzen des Reiches Kleopheas gebot sie unumschränkt ; Reunionskriege Ober jene Grenzen hinaus waren jedoch immer erfolglos gewesen , und so herrschte zwischen Mutter und Tochter das , was man in der Politik einen bewaffneten Frieden nennt . Kleophea erschien dem Hauslehrer als ein Wunder , und sie war es auch in mancher Beziehung . Außergewöhnlich schön , war sie auch außergewöhnlich talentreich . Sie zeichnete und malte vortrefflich , doch am liebsten Karikaturen , sie spielte Klavier und sang , wenngleich ihre Stimme nicht zu den klangvollsten gehörte ; sie sprach und schrieb mehrere Sprachen , am liebsten aber die französische . Sie las viel , überschlug aber auch viel , doch nie das , was junge Damen lieber überschlagen sollten . Eine ihrer schrecklichsten Waffen gegen die Mama war , daß sie imstande war , in einem vollen Gesellschaftszimmer höchst unbefangen Bücher und Schriftsteller zu zitieren , die einen ganzen Teetisch in die Luft sprengen konnten . In einem Damentee , und noch dazu in einem frommen , den Boccaccio und den » Decamerone « zu nennen mußte freilich auf die Mama wirken wie ein Flintenschuß auf eine Schneealpe . Es kam eine Lawine herunter , aber verschüttet wurde weiter nichts als einige Tassen Tee . Das schöne Haupt der Sünderin ließ sich nicht so leicht verschütten ; die glänzenden Augen leuchteten munter durch alle eisigen , stäubenden Wirbel , und es befand sich in dem entsetzten Zirkel keine Matrone , die nicht ein Fräulein , das sich in solcher Weise bloßgeben konnte , zu vielen andern Dingen fähig hielt . - Wie zornig nach jedem solchen Vorfall die Geheime Rätin Götz sein mochte und wie sehr sie Recht dazu haben mochte : recht behielt sie nicht . Kleophea war eine gewandte Dialektikerin , fast so gewandt in der großen Kunst wie Moses Freudenstein . Mit tausend allerliebsten Bosheiten schlug sie die Mutter aus allen ihren Verschanzungen , und es gab keinen Engel im Himmel , der das Verhältnis zwischen der Geheimen Rätin Götz und dem Fräulein Kleophea Götz gebilligt hätte . Kleophea haßte ihre Mama schon des Namens wegen , welchen sie in der Taufe von derselben erhalten hatte . Von frühester Jugend an hatte sie gegen diesen Namen Opposition gemacht , und viel , sehr viel in ihrer jetzigen Charakterentwicklung war aus diesem Namen und der Opposition dagegen abzuleiten . Die Geheime Rätin war sehr kirchlich gesinnt und hatte in ihrem Boudoir einen sehr zierlich geschnitzten Betschemel aufgestellt , an welchem Kleophea in ihrer Kindheit so oft und so lange hatte knien müssen , daß sie es jetzt fast für ihre Pflicht hielt , sich an demselben und allem , was damit zusammenhing , zu rächen . Sie wurde im vollsten Sinne das Enfant terrible des Hauses , und daß unter so bewandten Umständen die Schrauben am und im Mechanismus ihres Vaters vor ihren vorwitzigen Fingern sicher seien , war eigentlich nicht zu verlangen . Der Geheime Rat hatte noch weniger Einfluß auf die Tochter als die Geheime Rätin ; der Unterschied zu seinem Nutzen lag nur darin , daß er , der Vater , nicht so sehr darauf bestand , seine Autorität auszuüben . Seine Frau hatte ihn das gelehrt . Um ihren Bruder kümmerte sich Kleophea durchaus nicht . Sie erklärte ihn für eine » ekelhafte kleine Kröte « , und er durfte kaum sich in ihre Nähe wagen . Sie war die einzige im Hause , welche die Tyrannei des kränklichen , verzogenen Kindes nicht duldete , wodurch sich freilich das Verhältnis zur Mutter nicht verbesserte . Ganz eigentümlicher Art aber war das Verhältnis der Tochter des Hauses zu der darin aus Barmherzigkeit aufgenommenen armen Verwandten . Anfangs war ihr Kleophea mit großer Freundlichkeit und Teilnahme entgegengekommen : eine Bundesgenossin glaubte sie gewonnen zu haben , hatte sich darauf gefreut , mit ihr zusammen den Schelm spielen zu können , und fühlte sich um so mehr enttäuscht , als sie das Fränzchen nach der ersten Stunde ihres Zusammenseins für ein » Lamm « erklären mußte . Nun versuchte sie es , eine Sklavin aus der Kusine zu machen , und dieses gelang ihr wenigstens zum Teil , In allen Dingen , bei denen es nicht auf das Weh anderer abgesehen war , unterwarf sich das stille Fränzchen vollständig der schönen , muntern Kleophea ; doch zu keinem der vielen Streiche , die das Hauswesen dann und wann in Verwirrung brachten , bot Franziska Götz ihre Hand und Hülfe . So war sie bald Vertraute , bald das Gegenteil , so wurde sie jetzt geliebkost und verhätschelt , um im nächsten Augenblick schnöde und kühl beiseite geschoben zu werden . Je nachdem die Wolken am Himmel des Hauses wechselten , je nachdem der Barometer der Mädchenlaune stieg oder fiel , wurde des Leutnants Fränzchen aus dem Winkel hervorgeholt oder in denselben zurückgetrieben . Immer gut , sanft und freundlich blieb des Leutnants Fränzchen , und nur ein scharfes Auge konnte den oft so leidvollen Ausdruck ihrer Züge erfassen . Man lernte Franziska Götz doch nicht in der ersten Stunde kennen , wie Kleophea sich einbildete . Von der Tante wurde die Nichte nicht ganz so gut behandelt , als man hätte wünschen sollen . Die Geheime Rätin hatte mit ihren beiden Schwägern nie auf dem besten Fuße gestanden ; weder Felix noch Rudolf paßten in den Kreis ihrer Anschauungen ; sie hielt sie beide für » gemeine Naturen « , im besondern aber Felix für einen » geächteten , gottlosen Freibeuter und Jakobiner « - und Rudolf für einen » leichtsinnigen Bettler und unsittlichen Vagabonden « . Dessenungeachtet hatte sie die Waise gern in ihr Haus aufgenommen ; die Stadt