Ernests unerwartete Erscheinung ging in zornige Bestürzung über , als er die ruchlose Tat erfuhr . Die Kalesche mußte die ganze Gesellschaft aufnehmen und langsam , jede Erschütterung vermeidend , fuhr der Kutscher heim . Im Schloßhof empfing sie neue Bestürzung . Es war eben eine Staffette aus Stamberg mit einem Brief an den Grafen angelangt , schwerlich eine gute Nachricht bringend . Die Spannung der Baronin und der Dienerschaft löste sich in Jammern auf , als man den verwundeten Onkel Levin und Regina und Corona in blutbefleckten Kleidern sah . Die arme Baronin war ganz fassungslos . Ernest mußte ihr zwei- dreimal das Attentat erzählen , bis sie es verstand . Es wurden inzwischen Eisumschläge über die Wunde gemacht und Arzt und Wundarzt herbeigeholt . Regina besorgte alles mit Ruhe und Pünktlichkeit und ließ es sich nicht nehmen , die Nacht bei dem lieben Kranken zu wachen , der fortwährend versicherte , die Wunde sei unbedeutend , obschon der starke Blutverlust und der brennende Schmerz ihn sehr abmatteten . Die Staffette hatte einige Zeilen von Baron Stamberg gebracht : ein Schaganfall bedrohte das Leben der Baronin , doch war sie bei Besinnung und ihr Zustand noch nicht ganz hoffnungslos . Die vielfachen Gemütsbewegungen der letzten Zeit erschütterten ihr Nervensystem aufs heftigste . Als eine Erkältung dazu kam , trat der Anfall ein . Der Graf machte sich reisefertig . Er wollte nur abwarten , wie der Kranke die Nacht hinbringe und den Ausspruch des Arztes - und dann in der Morgenfrühe aufbrechen . Er sagte zu Ernest , der bei dem Verwundeten ab und zu ging und die Eisumschläge bereiten half : » Welch eine Beruhigung für mich , daß Sie in diesem Augenblick hier sind , wo ich meine Töchter auf zwei bis drei Tage verlassen muß ! Ich würde sie am liebsten mitnehmen , aber Regina trennt sich nicht von dem Krankenbett des guten Onkels . « » Darf ich fragen , Herr Graf , weshalb Sie plötzlich so besorgt sind ? « » Man sagte mir in Jochhausen , es hätten sich dort gesindelhafte Figuren mit großen Bärten und Schlapphüten gezeigt . Das Attentat auf den Onkel beglaubigt ihre Nähe . Daß ich ein Reaktionär bin , versteht sich von selbst - und was ein solcher zu erwarten hat , auch wenn er sich fern von jeder politischen Demonstration hält , haben wir gesehen bei der Brandstiftung des Schlosses Waldenburg in Sachsen . Auf dergleichen muß unsereiner jetzt gefaßt sein . « » Gott verhüt ' es ! kommen Sie nur recht bald wieder ! « » Mir brennt der Boden unter den Füßen , um fortzuziehen und heimzukehren , das glauben Sie mir ! Aber ich muß meine arme Mutter noch einmal sehen . Als ich sie im Winter von Frankfurt aus besuchte , merkte man ihr nicht im Entferntesten ihre siebenundsechzig Jahre an - und jetzt ! ja , solche Zeiten machen die kräftigsten Menschen kaput , weil man so tatlos dasitzen und von dieser Legion von Schwätzern sich tyrannisieren lassen muß . Hätte ich nicht die beiden Kinder , so ginge ich zu meinen Buben nach der Lombardei , wo man doch im Kampfe mit Ehren leben kann ! « Der Arzt traf in Begleitung eines Wundarztes ein und beide erklärten die Verwundung für schwer , aber nicht für gefährlich , vorausgesetzt , daß sich das Wundfieber nicht steigere ; deshalb müsse die äußerste Ruhe und Stille den Kranken umgeben . Sie legten ihm einen regelrechten Verband an , lobten die Eisumschläge und empfahlen sich . Levin sagte lächelnd : » Nun habt Ihr es von den Sachkundigen gehört : es hat gar nichts zu bedeuten . Eine Dornenwunde ist es vom Dornenkranz unseres Heilandes . « » Das glaub ' ich auch , « entgegnete Ernest gerührt . Der Graf teilte nun die Erkrankung seiner Mutter dem Onkel mit , nahm Abschied von allen , versprach möglichst schnelle Heimkehr und reiste ab . Kaum war er fort , so ließ die Baronin Isabelle in aller Stille das Banner einziehen . Als es von den Zinnen sank , fiel ihr ein Stein vom Herzen . Der Tag verstrich wie jeder andere und mit Levins Befinden ging es gut . Regina saß mit ihrer Arbeit in seinem Vorzimmer , während er still im Schlafzimmer ruhte . Zu bestimmten Stunden gab sie ihm Arznei oder einen kühlenden Trank und in der Zwischenzeit stand sie zuweilen auf , ging auf den Fußspitzen zur Türe des Schlafzimmers , schaute hinein und nickte zärtlich dem lieben Onkel Levin zu . Die Baronin , Corona und Ernest kamen und gingen ; zuweilen auch Brigitte , Regina ' s Kammermädchen . Es war gegen Abend , als diese geisterbleich und bebend eintrat und mit gebrochener Stimme flüsterte : » Unsere Leute , die von draußen kommen , sagen , es sei eine Rotte im Anmarsch , welche den Herrn Grafen um seine Gewehre bitten wolle . O liebster Heiland , was wird das für eine Bitte sein ! « Leise öffnete Ernest die Türe des Vorzimmers und winkte Regina zu kommen . Sie sagte zu Brigitte : » Bleiben Sie ruhig hier und fürchten Sie sich nicht . Wir sind ja alle sicher in Gottes Hand . Ich will selbst mit unseren Leuten reden . « Brigitte sank zitternd in einen Sessel und sah im Geiste schon eine Mordbrennerbande vor das Schloß rücken . Regina ging hinaus und fragte Ernest : » Was ist denn Wahres an dieser Geschichte ? « » Ein Reitknecht , der Pferde frisch beschlagen ließ , begegnete auf dem Heimritt von der Schmiede zwei Männern , die ihn fragten , wie viel Gewehre der Windecker Graf wohl in seiner Gewehrkammer habe . Der Reitknecht gab zur Antwort , das wisse er nicht , und ritt von dannen . Er und die übrigen Leute sagen aber , es munkele schon seit ein paar Tagen von einem ungebetenen Besuch auf Windeck und Ihr Herr Vater schien gestern