wohnen solle , ihre Namen also nicht mit auf die Zettel kamen , die in der Loosurne gemischt wurden . Wie verständig dieser Rath auch war und von Allen , wenn auch von Einigen mit Murren angenommen ward , so bereute Hans Tucher doch gar bald , ihn gegeben zu haben , als der ihm verhaßte Gabriel Muffel gerade den Grafen Eberhard im Bart wie ein großes Loos ziehen mußte ! Ihm würde er nur den allerwiderwärtigsten und verhaßtesten Potentaten oder nur den geringsten Abgesandten gegönnt haben - und nun mußte er gerade den allerbeliebtesten erhalten . Tucher ging in seinem Aerger so weit einzuwenden , daß Muffel ' s Haus wohl nicht geräumig und würdig genug geziert sei , einen solchen Fürsten zu empfangen ; aber Muffel entgegnete seines unerwarteten Glückes sich freuend : » Groß genug ist mein Haus , und ist es nicht mit orientalischer Pracht gleißend von Gold und Marmor gleich dem Euren geschmückt und überladen , so ist es dafür echt deutsch einfach und fest , und eignet sich gerade für einen so biedern deutschen Herrn , der schon manchmal mit der Hütte eines Landmanns vorlieb genommen . Gebt Acht , er wird sich wohler fühlen in dem Haus von deutscher Art erbaut und von deutscher Sitte bewohnt , und nicht lüstern sein nach der türkischen Herrlichkeit , die Ihr ihm zu bieten hättet . « In welchen neuen Zorn auch der alte Tucher über diese Worte ausbrach , es blieb ihm doch unmöglich eine Aenderung des einmal durch seinen eigenen Vorschlag Entschiedenen herbeizuführen , und er hoffte sich nun nur dafür an Gabriel Muffel zu rächen , daß er seinen Sohn Stephan im Geleit des Kaisers wiederkehren sehen werde , vollkommen geheilt von seiner Leidenschaft für Ursula Muffel durch schönere Frauen Wiens , Italiens und Ungarns , und daß er die einst blühende Mädchenrose , die jetzt der Gram gebleicht hatte , daß sie indeß um ein Jahrzehent gealtert erschien , gewiß nicht mehr begehren werde . Einzeln hielten die Fürsten und Herren ihren Einzug . Aber keiner kam ohne einen ganzen Schweif von Rittern und Reisigen mitzubringen , ja im Gefolge mancher waren mehr denn hundert Pferde . Kaum begreiflich schien es , wie eine so ungeheuere Menge von Menschen und Thieren noch Platz finden solle in Nürnberg , das zwar mit zu den großen , aber auch zu den bevölkertsten Städten gehörte , denn es zählte damals über hunderttausend Einwohner . Denn nicht allein die kamen , die zum Reichstag berufen waren , und das waren eben diesmal weniger als sonst , da in der Eile , mit welcher Max den Reichstag ausgeschrieben , er die Abgesandten der Städte nicht auffordern lassen und auch sonst , sowohl der kurzen Zeit wegen als überhaupt aus Lauheit gegen die Angelegenheiten des immer mehr in sich zerfallenden deutschen Reiches , viele Fürsten es nicht der Mühe werth hielten sich einzustellen . Aber dafür strömten zahllose Volksmassen herbei , welche die Neugier lockte oder der Erwerb . Aus Nah ' und Fern kamen Ritter und Bürger sammt ihren Frauen , die hohen Herrschaften zu sehen und den Festlichkeiten beizuwohnen , die immer an die Reichstage sich knüpften ; kamen Gelehrte , Dichter und Künstler , um hier ihre hohen Gönner zu begrüßen oder neue zu finden , oder doch sich gegenseitig zu treffen , wohl auch Bestellungen zu erhalten , oder sich selbst doch Stoff und Anregung zu neuen Werken zu suchen . Aber es kam auch niederes Gesindel ohne Zahl : Gaukler und Possenreißer , Bettler und Diebe , Wucherer und Betrüger , Wahrsagerinnen und fahrende Frauen - Tausende strömten herzu trotz der Winterszeit , vielleicht daß sie sich bei der langen Dunkelheit um so besseren Gewinn für alle diese Gewerbe versprachen , welche das Licht zu scheuen hatten . Die Nürnberger aber sangen ihre Verslein auf die einen wie die Andern . Von dem niedern Volke hieß es : » Da kommen die Gaukler und fahrenden Frauen , Die haben zum Reichstag ein gutes Vertrauen ; Und ob auch gleich sonst es Niemand hätt ' - Die mästen gewiß dabei sich fett . « Und beim Einzuge der Reichstagmitglieder klang es gerade nicht feiner : » Hier kommen hochgeborene Fürsten und Herren , Die sehen , essen und trinken gern ; Sie geben Dirnen und Buben genug , Das ist aller Freiheiten Fug . « So urtheilte damals das deutsche Volk über seine Vertreter , und zwar ungescheut wie ungestraft ; aber zu mehr brachte es auch der mittelalterliche Volkswitz nicht , als wie dazu , sich über das deutsche Reich und seine Gesunkenheit lustig zu machen und sich damit doch selbst in ' s Gesicht zu schlagen . Endlich kam auch der deutsche Kaiser und der römische König . Ein unabsehbarer Zug von Hofleuten , Rittern und Reisigen war in ihrem Gefolge . Der alte Friedrich , obwohl schon an den Siebzigen , saß dennoch noch immer stattlich zu Roß und schaute mit dem Gleichmuth , den er sich durch sein ganzes Leben zu bewahren wußte , vor sich aus . » Unwiederbringlicher Dinge Vergessenheit ist die größte Glückseligkeit auf Erden « , war sein Wahlspruch , den er sogar damals , als er von Wien nach Neustadt , aus seinen Erblanden vertrieben , unaufhaltsam flüchten mußte , in jedem Gasthofe , in dem er eingekehrt , bis er an den Rhein kam , auf den Tisch schrieb oder in die Fensterscheiben grub - vielleicht weniger zur Mahnung für Andere als zum Beweis , das Kaiser Friedrich sich über Alles zu trösten wisse und dem Stern des Hauses Habsburg vertrauend fast unthätig zuwartete , bis die Dinge sich wieder zu seinem Gunsten gestalteten . Uebrigens wendete er diesen Wahlspruch doch auch nicht auf Alles an : denn eben jetzt konnte er es noch immer nicht vergessen , daß Herzog Albrecht von Baiern ihm die eigene Tochter Kunigunde sammt Regensburg schon vor langer Zeit geraubt , und hatte dem eigenen Sohne Max gezürnt ,