Tugend auf dem Throne sitzt , kann die Immoralität keinen dauernden Wohnsitz im Lande haben . « Einundzwanzigstes Kapitel . Staub . » Und wir behalten Frieden , und Alles bleibt beim Alten , « schloß der Geheimrath Lupinus , diesmal aber in der Jägerstraße , und schob den grünen Augenschirm zurecht . Es lag eine sonntägliche Heimlichkeit über der geweihten Stube . Kein Dienstbote durfte sie aus freien Stücken betreten . Die Frau Geheimräthin besorgte selbst das Abstäuben der Bücher , und wenn sie der Hülfe einer gröberen Hand bedurfte , musste der Fuß , der zu dieser Hand gehörte , die Schuhe zurücklassen . Aber das Abstäuben und Reinemachen war ein Festtag , zu dem man die günstige Stunde ablauschen musste . Der Geheimrath behauptete , nichts sei so gefährlich der Gesundheit als der Staub ; in demselben sammelten sich die Atome , die der organische Lebensprozeß nicht zu absorbiren vermöge , also das Todte , vielleicht das Tödtende . Warum also das aufregen , künstlich in Bewegung setzen , was sich selbst bereits , nach dem Gesetz der Schwere , vom Leben abgesetzt hat ? Die Geheimräthin hatte dagegen nur zwei Einwendungen . Es sei doch besser , den Staub mit allen Vorsichtsmaßregeln für die Gesundheit , als da sind nasse Tücher , Handbesen , feuchter Sand und geöffnete Fenster , durch einen raschen , wohlgeleiteten Angriff zu bewältigen , als abzuwarten , bis eine zufällige Gelegenheit diesen Feind der Gesundheit von selbst in Aufruhr bringt . Demnächst , wenn er immer liegen bleibt , verderbe er die Bücher selbst , und darunter Raritäten , die unersetzlich wären . Das letzte Argument hatte angeschlagen . Wenn Menschen sterben , werden andere dafür geboren ; seltene Ausgaben , Incunablen , gehen unter , um nie wieder geboren zu werden . Hinsichts des ersteren Argumentes hatte er manche Bedenken gehabt . Die Vorsicht , die man beim gefährlichen Ausstäuben anwende , könne besser darauf verwandt werden , daß man sich jeder heftigen Bewegung enthalte , was überhaupt zur Konservation des Lebens zuträglich sei . Denn das eigentliche Gift des Lebensorganismus seien die Affekte , weit gefährlicher als üble Angewöhnungen , selbst als Laster . Deshalb hatte er an den Fenstern doppelte Reiber anbringen und Tuchecken an die Seiten anschlagen lassen , auch eine Doppelthür vor das Vorzimmer , und die gesteppte Tuchdecke verhinderte jede Erschütterung beim Gehen . » Sie vergessen nur , « hatte die Geheimräthin erwidert , » daß Ihre Fußdecke mit dem Heu darunter selbst ein Staubreservoir ist , und daß Sie beim leisesten Auftreten diese feinen Atome aufrühren und gerade die , welche am gefährlichsten auf die Lunge fallen . « Der Geheimrath sparte im Leben die lauten Worte , da ein Wortwechsel auch mit sich selbst zu Affekten führen kann , aber wenn ein Thema ihn angeregt , ergossen sich auch die lang gesperrten Schleusen in langen Sermonen . Er erinnerte daran , daß die Müller und Steinsetzer ein verhältnißmäßig kurzes Leben führten , und gewöhnlich an der Auszehrung stürben , weil der feine Mehlstaub von den zerklopften und gefeilten Sandsteinen auf die Lunge falle . Es gebe auch einen Staub von gewissen Vegetabilien , Stein-Erden und Metallen , so feiner Art , daß ihn das unbewaffnete Auge nicht zu entdecken vermöge , und doch sei er höchst schädlich . So wirke der Arsenik in den Gruben . Gewöhnlich sage man , die Verbrecher die dort arbeiten , stürben an der vergifteten Luft , das sei aber uneigentlich gesagt , denn sie kämen um an dem atomisirten Staub des Metalls . Im Mittelalter und aus den Höhlen des Jesuitismus seien daraus grauenhafte Künste hervorgegangen , man habe durch künstlich präparirte Stoffe einen Staub erzeugt , der plötzlich oder langsam nach einer gewissen Berechnung die dazu erwählten Opfer getödtet . Dieser habe einen Brief eröffnet , und der Streusand , der ihm entgegen spritzte , sei Gift gewesen . Einem Andern - und er nannte sogar einen Kaiser-Namen , habe man die Kerzen , die in seinem Zimmer brannten , mit Arsenik versetzt , und das aussprühende Licht habe allmälig den vergiftet , der nach der Meinung einer Hofpartei , die das Dunkel liebte , zu viel Licht geliebt hatte . Die Geheimräthin hatte aufmerksam zugehört : » Und doch wollen Sie sich mit dem Staube vertragen ? « Er hatte gelächelt : » Das sind Ausnahmen , meine Liebe , aus den Zeiten der Barbarei und Finsterniß . Feinde und Staub sind nur Produkte unruhiger Thätigkeit . « Dann wäre eigentlich das Beste , sein ganzes Leben lang schlafen ! hatte seine Frau gedacht . Er aber hatte fortgefahren : » Wenn wir alles ruhen ließen ließen , was liegt , wäre das Leben noch einmal so glücklich . Weil die Menschen allesbesser machen wollen , rühren sie das auf , was die Vernunft und die Geschichte längst beseitigt hatte , und es kommt in neuer Form und Färbung zum Vorschein und quält uns aufs Neue , was unsere Väter und Urgroßväter schon gequält hatte . Die Geschichte des Menschengeschlechts , meine Theure , « pflegte er lächelnd hinzuzusetzen , » ist in einem kleinem Buch geschrieben , wenn wir das immer und immer wieder lesen , kennten wir alle seine Bestrebungen in das vetitum nefas , alle seine eitle Hoffnungen und Thorheiten und die Lehre , welches der einzige Weg zum Glück ist , sich zu finden in das was ist und - und nicht unnöthig Staub aufrühren . « Alsdann pflegte eine Lobrede auf den Horaz zu folgen , die aber von der Geheimräthin an einem bestimmten Wendepunkte mit einer praktischen Bemerkung auf etwas anderes übergeleitet ward . Der Geheimrath wusste es , lächelte , schwieg und war eigentlich zufrieden . In der Hauptsache aber waren sie zu einem Akkord gekommen . Seine Ausgaben des Horaz , die auf einer Reihe niedriger Regale wie eine Art Schirmwand um den Arbeitstisch standen , durfte die Frau wöchentlich einmal abstäuben ; aber nur sie