viel umfassend , um sich einer so ausschließlichen Richtung zu überlassen ; und wenn mein Kopf ein hochmüthiger Aristokrat wäre , würde mein Herz mit unbegrenztem Freisinn für Alles klopfen , was schön ist . Kaum hatte er das in scherzendem Frohsinn gesagt , als er es bereute , in Agnes ' Gegenwart sich dergleichen Aeußerungen erlaubt zu haben . Er lenkte plötzlich mit dem Bemerken ein : Indeß jedenfalls haben Sie meine frühere Behauptung wohl misverstanden . Ich kann Nichts gesagt haben , als daß ich nur ein Mädchen von guter Familie und aus edlem Hause heirathen würde . Das braucht dann eben noch keine Dame von Adel zu sein . Mir und meiner Gesinnung ist nichts willkommener , meinte Alfred , als wenn durch Ehen zwischen Personen aus den verschiedensten Ständen eine allmälige Verschmelzung derselben zu Stande kommt ; und ich hoffe es noch zu erleben , daß man die Leute nicht mehr fragt , wer bist du ? sondern was bist du ? Deshalb hat Herr von Reichenbach wol eine Frau genommen , bemerkte Theophil ' s andere Nachbarin , die Niemand zu fragen braucht , was sie ist , weil Jeder es ihr ansieht . - Wie Frau von Reichenbach zu einem Mittagsmahl unter Freunden sich nur so mit Brillanten beladen kann ! Sie ist blendend und schimmernd in allen Farben des Regenbogens . Ein Anderer fragte : So hoffen Sie wol recht alt zu werden , lieber Reichenbach ? Sehen Sie denn nicht , sagte Alfred , daß wir unaufhaltsam dem großen Ziele zuschreiten ? Ueberall taucht es auf aus den düstersten Klüften , reines , funkelndes Gold ! Es will Tag und Frühling werden in der Welt , und wenn die Gewalthabenden das Dunkel noch so sehr lieben , die kräftigen Strahlen der gesunden Vernunft erhellen die Nacht und erleuchten die Erde . Gehen Sie nach Frankreich und England , sehen Sie , mit welch sicherer Ruhe der dortige Arbeiter seine Zwecke verfolgt , wie genau er seine Rechte kennt , mit welcher Mäßigung er sie fordert , und Sie werden mir zugestehen , daß ein Mensch , der sein gutes Recht so wohl kennt , es fordern darf und es nicht misbrauchen wird . Die politische Bildung hat in jenen Ländern alle Volksklassen so weit durchdrungen , daß die Arbeitenden nicht mehr an andere angeborne Rechte glauben , als an die , welche Jedem angeboren sind , und mit diesem Bewußtsein ist schon der Unterschied der Stände in der That vernichtet . Wenn die Form auch von den Freunden des Alten noch eine Weile aufbewahrt und festgehalten wird , für den denkenden Menschen besteht sie nicht mehr , denn ihr fehlt das Leben und die Wahrheit . Mir ist es immer ein trauriges Zeichen der menschlichen Selbstsucht gewesen , bemerkte Theophil , daß so Viele danach streben , etwas vor ihren Mitmenschen voraus zu haben . Es scheint , als ob mit dem errungenen oder ererbten Besitz die Lust daran wachse ; daß Der , dem schon viel gegeben ist , noch mehr fordert ; während es einer edeln Natur angemessener wäre , Jeden so weit möglich des Glückes theilhaftig zu machen , das man selbst als solches empfindet . Mich könnte ein Gut , das ich allein besäße , während alle Andern darben , nie recht erfreuen , und am vollkommensten würde ich es genießen , wüßte ich Alle eben so zufrieden als mich selbst . Es ist anziehend und lehrreich zugleich , sagte der Präsident , wenn wir die Beweggründe kennen lernen , aus denen in den verschiedenen Menschen die Freisinnigkeit entspringt , die eben noch nicht zu lange unter uns heimisch ist . Wir können uns nicht verbergen , daß bis zur Julirevolution Deutschland in seinem poetischen Halbschlummer sich von den Ereignissen der Jahre dreizehn und fünfzehn ausruhte und feiernd von den geschehenen Großthaten träumte . Dann wachte , durch den Hahnenruf im Westen geweckt , unser theures Vaterland auf und rieb sich zehn Jahre lang die Augen , während unsere Nachbarn jenseits des Rheines ein tüchtig Stück Arbeit beendeten und einen weiten Weg zurücklegten . Nun ist der Tag auch für uns angebrochen . Jeder sieht die Freiheit in der Ferne schweben und wünscht sie dem Vaterlande als Schutzgöttin zu erobern , denn die Göttliche findet auf den verschiedensten Wegen Zugang in die Seelen der Besten . Alfred betet die Freiheit an , weil er den Menschen liebt und die Freiheit schön ist ; Theophil , weil sein weiches Gefühl es nicht duldet , Unglückliche zu sehen , während er glücklich ist . Noch Andere erwarten von ihr Erlösung aus Ketten , die sie drücken ; bei Vielen ist es das angeborne Rechtsgefühl , das sie der Freiheit entgegenführt . Aber fast Alles , was geistig frisch und tüchtig ist , wendet sich ihr zu . Da ist es wol zu hoffen , daß sie den Forderungen , den Bitten und Bestrebungen sich ergibt und daß auch wir sie bald als Herrscherin neben dem königlichen Beherrscher , dem Verstande , bei uns thronen sehen werden . Daß Edelleute wie Sie , sich solchen Theorien zuneigen , sagte einer der Gäste , ist mir auffallend . Wie können Sie wünschen , daß man uns die Vorrechte entzieht , welche uns das Verdienst unserer Väter erwarb , wenn wir des Erbtheils würdig sind ? Ich betrachte vielmehr Denjenigen , der sich dieser Rechte entäußert , wie einen Verschwender , der sein Gut leichtsinnig von sich wirft , wenn Sie den Vergleich entschuldigen wollen . Sehr gern , meinte der Präsident , besonders da er uns nicht trifft . Denken Sie , Sie besäßen ein Capital , das vor grauen Jahren einer Ihrer Vorfahren rechtmäßig erwarb , das aber von den Nachfolgenden durch Unredlichkeit , durch wucherische Zinsen , die sie von Ununterrichteten erpreßten , ins Unendliche vergrößert ward . Nun käme Einer von den Beeinträchtigten und spräche : Ich will dich nicht arm machen , aber du sollst mir zum Ersatz