Tag bei ihm , pflegte ihn und sprach ihm zu , wie ein Vater seinem Sohne ; aber all seine Beredsamkeit scheiterte an diesem stillen , stummen Weh . Wahrlich , Eins des Andern werth ! seufzte St. Luce . In Kronberg stürmten indessen Schmerz und Gedanken nicht minder heftig ; es war ihm unmöglich , jetzt seine Frau zu sehen . Tappend , unsicher , wie geblendet , durchirrte er die Straßen , sah die Menschen nicht , die ihm begegneten , vernahm nicht , was sie zu ihm sagten , es war , als habe ein unruhiger Wahnwitz ihn ergriffen . Nach stundenlangem Umhertreiben in Wiens Straßen ging er zur Capacelli , dort hatte man ihn bereits gesucht . Geschäftliche und gesellige Anforderungen bemächtigten sich seiner , umdrängten ihn , rissen ihn mit Gewalt in das Gewirr platter Alltäglichkeit . Mit unbeschreiblicher Sorge folgte Paola ' s Auge jeder seiner Bewegungen ; bebend gewahrte sie die Macht einer Andern auf sein Herz , und ein glühender Haß , ein unvertilgbarer Wunsch nach Rache an der Gräfin begann sein geheimes Leben in ihrer Brust zu regen . Sie saß zu Roderichs Füßen , küßte seine Hände , umwickelte ihn mit ihrer Zärtlichkeit , wie mit einem Zauberschleier , all seine Gedanken umrankte , umwob sie ; mit all seinen Sinnen im Bunde , stritt ihre Leidenschaft gegen seinen Schmerz ; abwechselnd launisch , weich , gewaltsam , ließ sie nicht ab von ihm , bis ihr endlich gelungen , ihn mit in den wirbelnden Strudel ihrer eigenen Empfindungen zu ziehen , und er ermattet , wehrlos an ihrem Busen lag . Dann ward sie amusant , tändelnd , fast drollig , was ihrer hohen Gestalt , ihren markirten Zügen durch den Gegensatz einen Reiz wunderlichster Art verlieh ; leise , leise weckte sie das Leben wieder , das sie erst , wie vernichtend , in sich gesogen , sang ihm ihre Sirenenlieder vor und wendete in diesem seltsamen Spiel , das man eine Gefühlsorgie nennen könnte , das Herz ihm in der eigenen Brust , bis er willen- und bewußtlos die ganze übrige Welt in ihren Armen vergaß . Gotthard hatte sich daheim still in sich beruhigt , der Abend war herangekommen , er rang mit dem Entschluß , zu Kronbergs Soirée zu gehen - sie zu sehen . Gebe Gott , sagte er ernst , daß der Graf nicht allzulange zögert ; die Hauptschritte zu meiner Versetzung müssen wir Beide zugleich thun . Ohne Bewilligung des Cabinets kann ich nicht abreisen , diese nicht erhalten , ohne seine officiell ausgesprochene Zustimmung . Wenn er ihr wenigstens die Knaben ließe , murmelte der alte St. Luce trübsinnig vor sich hin ; er will sie nach Berlin schicken . Das wird er nicht , erwiderte Gotthard sehr bitter , wenn ich hingehe . St. Luce verließ ihn , um nach Annen zu sehen . Gotthard hatte versprochen , ihm zu folgen ; aber als er gehen wollte , vermochte er es nicht , es war ihm mit einem Male unmöglich geworden , gerade heute , unter so vielen fremden Gesichtern sie zu sehen ; als St. Luce zurückkehrte , um ihn zu holen , fand er ihn nicht mehr zu Hause . Anna verging der Abend in tödtlich beklemmender Sorge . Als die letzten Anwesenden sich entfernten , war Kronberg schon wieder verschwunden , ohne auch nur ein Wort an sie gerichtet zu haben . Ihm war zu Muthe , als habe er eine Art Hinterlist gegen sie gebraucht , er schämte sich , ohne deutlich zu wissen , weshalb . Das ritterlich Loyale seines Wesens empörte sich gegen den Wunsch , Gotthards Anerbieten anzunehmen , und machte ihn verwirrt und befangen . Am nächsten Morgen lag Anna an einem nervös-hitzigen Fieber gefährlich krank darnieder . In ihren Phantasien rief sie stundenlang Gotthards Namen , dann wieder die ihrer Knaben ; waren diese bei ihr , so ward sie stiller , ließ aber keinen derselben los , wenn ihn ihre Hand erfaßte . Eine unsägliche Angst schien sie zu verzehren . Jetzt war Kronberg wahrhaft beklagenswerth . Sophie wandte die höchste Sorgfalt an , das Verletzende zu bergen , ihn während der wilden Ausbrüche ihres Deliriums von Annens Lager entfernt zu halten , vergebens ! In wüthend wahnsinnigem Schmerz klagte er nicht sie , sondern sich selber an , als suche er mit übertreibender Heftigkeit an der eigenen Qual sich zu weiden , und verließ kaum ihr Zimmer . Zur Capacelli ging er gar nicht in diesen Tagen . Als er aber einmal während eines etwas beruhigteren Schlummers der Kranken in seine Stube trat , fand er drüben Paola , in Thränen aufgelöst , am Boden kniend , vor einem seiner Fauteuils ; sie betete und mischte unwillkürlich in die Worte ihres Rosenkranzes wilde Drohungen und Verwünschungen gegen ihn . Der spanische , etwas fanatische Charakter der Schönen sprach sich herb und bitter aus , fast war ' s Verachtung , die sie Roderich zeigte ; als sie ihn aber genauer ansah , stürzte sie mit lautem Aufschrei in seine Arme . Unwillig drängte er sie zurück und begegnete ihr hart ; weder ihr Mitleid mit seinen eingefallenen Zügen , noch ihr Zorn vermochten es , ihn zu rühren . Duguet saß Tag und Nacht im Vorzimmer , dicht an der Thür des Cabinets seiner Gebieterin und harrte irgend eines Befehls ; waren sie nicht bei ihr , hielt er die beiden Knaben auf dem Schoose , die mit ihm weinten . Gotthard kam wol zwanzig Mal des Tages zu Sophien , um Nachrichten einzuziehen . Mehre Mal fand ihn Kronberg in deren Zimmer ; er saß gebeugt , in starrem Schmerz still vor sich hinblickend , so versteinert da , daß er den vor ihm stehenden Grafen nicht einmal gewahrte . Als aber nach zehn , zwölf Tagen die Lebensgefahr vorüber war , reichte Gotthard sein Gesuch um vorläufige Entlassung an das Ministerium beim Grafen ein und forderte ihn