Holbach Rats erholt , und eine Zeitlang mit großer Dreistigkeit die Sätze versponnen , welche in dieser Schule zu gewinnen sind . Als er aber über das vierzigste Jahr hinaus war , und , er wußte selbst nicht wie ? immerfort auf den Gedanken kam , daß er nicht mehr so lange leben werde , als er gelebt habe , ergriff ihn eine große Unruhe , die bald zur ausschweifendsten Todesfurcht wurde . Daß damit eine ängstliche Sorge für seine Gesundheit sich verband , ist natürlich , allein was half diese ? Endlich müssen wir ja doch sterben . Er faßte daher mit leidenschaftlicher Begierde nach dem Dogma von der Unsterblichkeit der Seele , welches er aber nur physikalisch oder magisch sich anzueignen wußte . Er las Swedenborg , Paracelsus , vertiefte sich in kabbalistische Phantasien , und suchte sich dadurch die Himmelsleiter zu zimmern . Nach der nächsten und einfachsten Quelle empfand er keinen Durst ; vielmehr äußerte er einst mit großer Naivetät gegen einen vertrauten Bekannten , daß ihm an dem Dasein Gottes im Grunde wenig liege , wenn er nur das ewige Leben bekomme . Geistlicher Zuspruch war ihm von seiner Jugend her verhaßt geblieben . Als daher der bekehrte Priester , dessen wir uns erinnern , ihm bei seinem Eintreffen im Schlosse nahen wollte , weil er an dem Gaste so etwas Schadhaftes witterte , wies ihn dieser mit entschiedner Geringschätzung zurück . Dagegen wandte er sich lebhaft dem Arzte zu , den der Fremde belustigte . Jener nahm ein geheimnisvolles Wesen gegen den Domherrn an , und hatte sich bald in eine solche Achtung bei ihm gesetzt , daß selbst die tollen Scherze , zu welchen ihn der Anblick des närrischen Mannes bisweilen hinriß , von diesem für verhüllte hierophantische Weisheit erachtet wurden . Sein ganzer gegenwärtiger Zustand war eine Kette von Zerstreuungen . Die Umwälzungen der Zeit hatten ihn seiner geistlichen Pflichten entbunden , ohne ihm die Präbende zu nehmen . Eine Erbschaft war ihm zugefallen , so daß er für reich gelten konnte . In der Nähe der großen Stadt hatte er sich das Landhaus erbaut , von dessen widersinniger Einrichtung der Arzt der Herzogin erzählte . An jenem Abende nun versuchte zwar der Arzt zuvörderst den Domherrn über seine Gesundheitsumstände zu trösten , ließ jedoch ein entscheidendes Wort über die Lebensdauer gewisser Konstitutionen fallen , wobei er ihn bedenklich ansah . Dieser Blick konnte den andern wenig vergnügen , und seine Stimmung wurde nicht gebessert , als der Arzt ein treffendes Bild der Auflösung entwarf , worin deren einzelne Erscheinungen und Stadien mit schauderhafter Lebendigkeit hervortraten , so daß man froh sein mußte , wenn dieses widerliche Gären endlich in lauter grauem Staube sich beruhigte . Der Domherr ging im Zimmer auf und nieder und sagte : » Possen ! Wer an Fortdauer glaubt , läßt sich durch dergleichen nicht schrecken . « Der Arzt versetzte hierauf , daß der Glaube und die Wissenschaft allerdings zwei gesonderte Gebiete beherrschten , wovon nur das eine den Vorzug habe , daß man wisse , wo es liege , während dies von dem andern sich nicht so ganz behaupten lasse . Er wollte hierauf das Gespräch abbrechen , und sich entfernen , womit aber dem Domherrn durchaus nicht gedient war . Dieser hielt ihn vielmehr mit schlecht verhüllter Ängstlichkeit zurück , und rief : » Ihr seid Materialist , Doktor , ich weiß das , aber ein innerstes Gefühl sagt dem Menschen , daß seine Seele etwas Grundverschiednes sei von dem Zucken der Muskeln und dem Umlaufe des Bluts . Sprecht Eure Zweifel nur aus ; es ist mir nichts unerträglicher , als dieses Halten hinter dem Berge . « » Man hat « , sagte der Arzt , » auch lange von den vier Elementen gesprochen , und nun wissen wir denn doch , daß diese für Grundstoffe gehaltnen Dinge aus verschiednen andern bestehn , welche erst zusammengefügt das bilden , was wir Erde , Wasser , Luft und Feuer nennen . Und wer weiß , wie weit die Chemie die Scheidung noch treiben kann ! Hievon die Anwendung auf die menschliche Seele zu machen , scheint mir leicht . Zum Beweise ihrer ewigen Dauer ist viel von ihrer Einfachheit gesprochen worden . Dabei wurde nur vergessen , daß derselbe Mensch unter verschiednen Umständen oft als ein ganz andrer erscheint , daß Grundsätze , Meinungen und Überzeugungen in demselben Individuo einander widersprechen , und daß daher in dem Dinge , welchem wir so gern eine vornehme Selbständigkeit beilegen möchten , manche gar nicht so notwendig zueinander gehörende Potenzen wirksam sind , die ja auch die empirische Psychologie längst aufgezählt und nachgewiesen hat . « » Also sollte sich die Seele bei dem Tode gewissermaßen in Verstand , Vernunft und Urteilskraft zerlegen ? « fragte der Domherr , froh , seinen Gegner zum Absurden geführt zu haben . Der Arzt versetzte : » Wie die Auflösung des Seelischen vonstatten gehe , weiß ich nicht , ich habe es hier nur mit einem Irrtume zu tun . Sind Sie derselbe noch , der Sie als Kind und Jüngling waren ? Entschwanden nicht ganze Regionen von Erinnrungen und Empfindungen aus Ihrem Geiste ? Wechselten nicht Liebe und Neigung in Ihnen ? Wollen Sie noch , was Sie wollten ? Können Sie einen einzigen Moment in sich nachweisen , wo Ihre Seele anders als zeitlich , räumlich , hinfällig , leiblich dachte und fühlte ? Welchen Teil , welche Stufe dieses Etwas wollen Sie also für jene Ewigkeit retten ? Denn Sie werden immer etwas aufgeben müssen , entweder die Vernunft , wenn Sie das , was im Herzen klopfte , oder das Gemüt , wenn Sie das , was im Haupte leuchtete , erhalten wünschen . Will das nun irgend jemand ? Gewiß nicht . Vielmehr ist es ja grade das Verlangen , sich in seiner Totalität zu bewahren , was man die Sehnsucht nach dem Jenseits genannt hat , auf welche Sehnsucht denn wieder einer der