größer wären , als die des andern , aber hierin , glaube ich , entscheiden in der Natur begründete Verhältnisse . Gewöhnlich wird ein junges Mädchen zwischen dem achtzehnten und zwanzigsten Jahre verheirathet , und ihre Erziehung ist damit beendigt . Ein junger Mann in diesem Alter lernt eben erst seine Seelenkräfte kennen und bildet sich selbstständig in der ihm angemessenen Richtung aus ; er wählt dann seine Studien , sucht in den Geist der Wissenschaft einzudringen , die ihn besonders anzieht , und widmet ihr sein ganzes Leben . Eine Frau übernimmt , indem sie sich verheirathet , wenigstens in Deutschland die Pflicht , ihrem Hause vorzustehen , und die vielen kleinen Beschäftigungen und Sorgen zerstückeln so sehr das Leben , daß an eine ernsthaftes Studium kaum mehr zu denken ist . Mit der Geburt der Kinder treten neue Sorgen ein , und es kann eine Frau schon von Glück sagen , wenn sie so viel Geisteskraft behält , um sich nicht völlig zu vernachläßigen . Deßhalb kann auch selbst ein hervorragender Geist unter den Frauen nur Geringeres leisten , und was wir an den Ausgezeichnetsten unseres Geschlechts anzuerkennen haben , wird immer vornehmlich durch Tiefe des Gefühls , durch einen scharfen beobachtenden Geist , durch ein glückliches Gedächtniß errungen sein . Wenn also auch eine Frau sich mancherlei Kenntnisse gleichsam im Fluge erwerben kann , wenn sie auch einen richtigen Blick für das Leben gewinnt , wenn ihr Selbstbeobachtung manches Geheimniß der menschlichen Natur erschließt , so kann sie eine höchst interessante Erscheinung , aber niemals eine Gelehrte sein . So würde also das Cölibat erfordertich sein , um eine Gelehrte hervorzubringen , sagte der Prediger . Auch dann würde mit sehr wenigen Ausnahmen nur unvollkommen der Zweck erreicht werden , sagte die Gräfin . Was dem jungen Manne so leicht wird , ist für eine Frau unmöglich , sie könnte keine hohe Schule , keine öffentlichen Hörsäle besuchen ; es müßte also , da sie sich unter die Studenten nicht mischen dürfte , ihr Vermögen so bedeutend sein , daß sie sich die vorzüglichsten Lehrer auf andere Weise verschaffen könnte , und dennoch würde ein solches , in der Einsamkeit getriebenes Studium immer unvollkommen bleiben und zur Einseitigkeit führen , denn sie müßte den lebendigen Austausch der Gedanken mit gleich beschäftigten Freunden entbehren , durch den die Ausbildung der Männer so sehr befördert wird , und alle ihre Kenntnisse heimlich erwerben , um nicht als pedantisch und anmaßend verlacht zu werden ; also wäre auch dieß ein sehr mühevoller und unsicherer Weg . Warum die Frauen in der bildenden Kunst niemals etwas ausgezeichnet Großes werden leisten können , ist , glaube ich , noch leichter einzusehen . Ein unüberwindliches Gefühl der Sittsamkeit wird das Studium der Natur verbieten , und ich glaube , alle Künstler sind darüber einig , daß ihnen dieß unentbehrlich ist . Bei dem Studium der Landschaft nach der Natur hindert wieder die bedingte Freiheit , denn es kann doch nur die Stelle beobachtet werden , wohin man in anständiger Begleitung spazieren gehen kann . Die Gedanken , welche die Seele auf einsamen Wanderungen nährt , muß eine Frau entbehren , und auch hier kann nur der Rath eines Lehrers leiten , statt daß die jungen Männer sich gegenseitig mit einander berathen , verlachen und bewundern , und so durch Wetteifer alle Kräfte des Geistes anregen . Auch liegt in der Seele der Frauen eine gewisse Schüchternheit , die die Ausübung einer jeden Kunst hindert ; ich meine nicht die so oft äußerlich gezeigte , die nicht einmal immer wahrhaft ist , sondern diejenige , die es einer Frau unmöglich macht , das Tiefste , Wahrste , Wildeste und Größte , was ihre Seele denkt , auszusprechen . Ich halte es für unmöglich , daß eine Frau eine gewisse Jungfräulichkeit der Seele aufgeben kann , und deßhalb wird sie lieber die Tiefe ihres Geistes verhüllen , als zeigen , und eben deßhalb wird ein feiner Geist bei den bedeutenden Hervorbringungen der Frauen die Tiefe dieses Geistes vielleicht ahnen und oft bemerken , daß große künstlerische Anlagen in ihnen nicht zu verkennen sind , aber ich zweifle , ob er irgend eine Hervorbringung als ein vollendetes Kunstwerk wird bewundern können . Es scheint aber , sagte der Geistliche , als ob wir in einen Widerspruch geriethen ; erst , glaube ich , verlangten die Frau Gräfin , daß unsere Töchter wie unsere Söhne ausgebildet werden sollten , und nun geben Sie selbst zu , daß dieß unmöglich ist . Ich glaube nicht , erwiederte die Gräfin , daß ich mit mir selbst im Widerspruche bin , ich glaube nur den Wunsch geäußert zu haben , daß , so wie man die jungen Männer um ihrer selbst Willen erzieht , man diese Gerechtigkeit auch gegen das weibliche Geschlecht üben sollte . Daß die Erziehung an sich verschieden sein muß , habe ich nicht läugnen wollen , und wenn ich glaube , daß keine Frau eine gründliche Gelehrte oder eine vollendete Künstlerin sein kann , so habe ich wiederum damit nicht ausdrücken wollen , daß schöne Geistesanlagen nicht so viel als möglich ausgebildet werden sollten . Es wäre überhaupt zu wünschen , daß die Erziehung der Töchter ernsthafter betrachtet würde , denn welche Meinung auch jeder Einzelne über die Stellung der Frauen in der Welt haben mag , so wird man doch darin übereinkommen , daß die Erziehung der Kinder großen Theils in den Händen der Mutter ruht , und schon deßwegen sollte man diese gehörig ausbilden , damit sie ihre Söhne vernünftig erziehen könnten . Aber auch wenn man betrachtet , wie vieler Standhaftigkeit , Selbstüberwindung und Klugheit eine Frau selbst in den gewöhnlichsten Verhältnissen des Lebens bedarf , so ist es unbegreiflich , daß man alle diese Eigenschaften als Pflichten von ihnen fordert , und zwar in einem Alter , wo den jungen Männern noch sehr Vieles nachgesehen wird , und doch so wenig dafür thut , durch eine vernünftige Ausbildung den Ernst in ihrer