von der Mutter ihrem Hinscheiden ab , lerne sie kennen , wie weise und liebend sie grade im letzten Augenblick war und wie gewaltig das Poetische in ihr . Heute sag ich Dir nichts mehr , denn ich sehne mich , daß dieser Brief bald an Dich gelange ; schreib mir ein Wort , meine Zufriedenheit beruht darauf . In diesem Augenblick ist mein Aufenthalt in Landshut ; in wenig Tagen gehe ich nach München , um mit dem Kapellmeister Winter Musik zu studieren . Manches möchte man lieber mit Gebärden und Mienen sagen , ach besonders Dir hab ich nichts Höheres zu verkünden , als bloß Dich anzulächeln . Leb wohl , bleib mir geneigt , schreib mir wieder , daß Du mich lieb hast , was ich mit Dir erlebt habe , ist mir ein Thron seliger Erinnerung . Die Menschen trachten auf verschiedenen Wegen alle nach einem Ziel , nämlich glücklich zu sein , wie schnell bin ich befriedigt , wenn Du mir gut und meiner Liebe ein treuer Bewahrer sein willst . Ich bitte die Frau zu grüßen , sobald ich nach München komme , werde ich ihrer gedenken . Landshut , den 18. Dezember 1808 Dir innigst angelobt Bettine Brentano , bei Baron von Savigny An Frau von Goethe Gerne hätte ich nach dem Beispiel der guten Mutter mein kleines Andenken zum Weihnachten zu rechter Zeit gesendet ; allein ich muß gestehen , daß Mißlaune und tausend andre Fehler meines Herzens mich eine ganze Weile von allem freundlichen Verkehr abhielten . Die kleine Kette war Ihnen gleich nach dem Tode der Mutter bestimmt . Ich dachte , Sie sollten diese während der Trauer tragen , und immer verschob ich die Sendung , zum Teil weil es mir wirklich unerträglich war , auch nur mit der Feder den Verlust zu berühren , der für mich ganz Frankfurt zu einer Wüste gemacht hat . - Das kleine Halstuch hab ich noch bei der Mutter gestickt und hier in den müßigen Stunden vollendet . Bleiben Sie mir freundlich , erinnern Goethe in den guten Stunden an mich , ein Gedanke von ihm an mich ist mir eine strahlende Zierde , die mich mehr schmückt und ergötzt als die köstlichsten Edelsteine . Sie sehen also , welchen Reichtum Sie mir spenden können , indem Sie ihn bescheidentlich meiner Liebe und Verehrung versichern . Auch für ihn hab ich etwas , es ist mir aber so lieb , daß ich es ungern einer gefahrvollen Reise aussetze . Ich mache mir Hoffnung , ihn in der ersten Hälfte dieses Jahres noch zu sehen , wo ich es ihm selbst bringen kann . Erhalten Sie sich gesund und recht heiter in diesem kalten Winter . Meine Schwachheit , Ihnen Freude machen zu wollen , behandeln Sie wie immer mit gütiger Nachsicht . München , 8. Januar 1809 Bettine An Goethe Andre Menschen waren glücklicher als ich , die das Jahr nicht beschließen durften , ohne Dich gesehen zu haben . Man hat mir geschrieben , wie liebreich Du die Freunde bewillkommnest . - Seit mehreren Wochen bin ich in München , treib Musik und singe viel bei dem Kapellmeister Winter , der ein wunderlicher Kauz ist , aber grade für mich paßt ; denn er sagt : » Sängerinnen müssen Launen haben « , und so darf ich alle an ihm auslassen ; viel Zeit bringe ich am Krankenlager von Ludwig Tieck zu , er leidet an Gicht , eine Krankheit , die allen bösen Launen und Melancholie Audienz gibt ; ich harre ebenso wohl aus Geschmack wie aus Menschlichkeit bei ihm aus ; ein Krankenzimmer ist an und für sich schon durch die große Ruhe ein anziehender Aufenthalt , ein Kranker , der mit gelaßnem Mut seine Schmerzen bekämpft , macht es zum Heiligtum . Du bist ein großer Dichter , der Tieck ist ein großer Dulder , und für mich ein Phänomen , da ich vorher nicht gewußt habe , daß es solche Leiden gibt ; keine Bewegung kann er machen ohne aufzuseufzen , sein Gesicht trieft von Angstschweiß , und sein Blick irrt über der Schmerzensflut oft umher wie eine müde geängstigte Schwalbe , die vergeblich einen Ort sucht , wo sie ausruhen kann , und ich steh vor ihm verwundert und beschämt , daß ich so gesund bin ; dabei dichtet er noch Frühlingslieder und freut sich über einen Strauß Schneeglöckchen , die ich ihm bringe , sooft ich komme , fordert er zuerst , daß ich dem Strauß frisch Wasser gebe , dann wische ich ihm den Schweiß vom Gesicht ganz gelinde , man kann es kaum , ohne ihm weh zu tun , und so leiste ich ihm allerlei kleine Dienste , die ihm die Zeit vertreiben , Englisch will er mich auch lehren , allen Zorn und Krankheitsunmut läßt er denn an mir aus , daß ich so dumm bin , so absurd frage und nie die Antwort verstehe , auch ich bin verwundert ; denn ich hab mit den Leuten geglaubt , ich sei sehr klug , wo nicht gar ein Genie , und nun stoße ich auf solche Untiefen , wo gar kein Grund zu erfassen ist , nämlich der Lerngrund , und ich muß erstaunt bekennen , daß ich in meinem Leben nichts gelernt habe . Eh ich von Dir wußte , wußt ich auch nichts von mir , nachher waren Sinne und Gefühl auf Dich gerichtet , und nun die Rose blüht , glüht und duftet , so kann sie ' s doch nicht von sich geben , was sie in geheim erfahren hat . Du bist , der mir ' s angetan hat , daß ich mit Schimpf und Schand bestehe vor den Philistern , die eine Reihe von Talenten an einem Frauenzimmer schätzenswert finden . Das Frauenzimmer selbst aber ohne diese nicht . Klavier spielen , Arien singen , fremde Sprachen sprechen , Geschichte und Naturwissenschaft , das macht den liebenswerten Charakter , ach und ich hab immer hinter