wer den freien Horizont und die leichte , elastische Luft der Heimath wieder zu finden dachte , und nun überall auf verschlossene Häuser , auf abgebrochene Verhältnisse stößt , stumme Trauer , undurchdringliche Nebel ihn umgeben , und schneidende , zusammenpressende Kälte allein ihn erinnert , daß er ein Herz hat , der könnte versucht werden , an Magie und alte Fabeln von umwandelnden bösen Geistern zu glauben . Ich bin wieder in meine Wohnung eingezogen . Die Wände der Zimmer , das Geräth , die Bäume vor den Fenstern , alles ist unverändert , aber es macht nur den Eindruck von Kleidern geliebter Verstorbener . Ich fühle mit unsäglichem Kummer , daß der Inhalt verschwunden , der lebendige Geist entflohen ist . Die Räume sind leer . Der Gedanke verliert sich in die unergänzten Lücken . Beste Freundin ! Was waren es für Stunden , die wir mit einander zubrachten ; so friedliche , harmlose Stunden ! O , der Mensch achtet die Stille nicht hoch genug , die ihm zu ruhiger Entfaltung der zarteren , feinern Geistesblüthen vergönnt ist ! Der Frühling innerer Zeitabschnitte zieht oft noch flüchtiger , als der der äußeren , an uns vorüber , und wir besinnen uns erst nachher , wie reich wir waren , wenn die Blüthenzeit vorüber ist , und neue Entwickelungen sich unter mannigfachen Kämpfen vorbereiten . Wohin ich jetzt den Fuß setze , tönt mir Störendes entgegen . Jeder Gegenstand erinnert an das , was nicht mehr ist , jeder Besuch ängstigt , jede Frage verletzt mich . Auch komme ich zu Niemanden . Die Burg bleibt Jedem unzugänglich . Der Comthur fürchtet , wie alle Männer , durch lebhafte Erschütterungen , aus dem äußern Gleichgewicht zu gerathen . Er hat mir ein Paar gute , treue Worte geschrieben , doch vermeidet er , tiefer in den Gegenstand einzugeben , den ich nur leise berühren mochte . So verstummt dann die Gegenwart völlig . Der einzige Genuß , den ich mir zuweilen erlaube , ist der , Ihre früheren kleinen Briefchen zu lesen , die der behende Walter mir oft beim Erwachen schon überbrachte . Wie erkenne ich , wie höre und sehe ich Sie in jedem Worte wieder , liebenswürdige Elise ! Ja , Sie sind unverändert dieselbe geblieben . Wie Sie in Nichts Arges suchen , so rein blieben auch Ihre eignen Gefühle . Sie glaubten nie an das Böse , Sie suchten es nicht in sich , und treu der Wahrheit , die Sie erkannten , heuchelten Sie nicht einen Augenblick vor der Welt , seit Gottes Finger die Wolke theilte . Wie viel hiervon dem Bewußtsein , wie viel der Natur in Ihnen angehört ? möchte wohl schwer zu entscheiden sein . Genug , Sie konnten nicht anders ! Wie sollte ich Sie nun mißkennen und tadeln , weil das Ihr Unglück gemacht , was stets die Eigenthümlichkeit Ihres Wesens begründete . Freimüthig bis zum Selbstvergessen , ein losgebundenes Kind der Natur , spielten Sie mit den Fesseln , die Sie sich abgestreift , ohne einen andern Halt zu suchen , als Ihr kühnes Wollen . So zeigten Sie sich von je , und immer begleitete ich Sie mit Sorgen . Wer aber hätte Sie warnen können ? wem würden Sie geglaubt haben ? Göttliche Gewalt hat nur das Göttliche . Erschrecken Sie nicht zu sehr , Sie , das möchte ich beschwören , finden Ihren Weg wieder . Dulden Sie doch die Freundin zur Seite . Lassen Sie mich es wissen , wie und wo Sie Trost suchen ? Was Sie ergriffen , wie Sie leben ? Hier , denken Sie wohl , erfahre ich nichts von Ihnen . Wen dürfte ich deshalb befragen ? Zuweilen hatte ich den Gedanken , Madame Lindhof einen Besuch zu machen . Aber ich bin nicht im Stande , den Weg dahin anzutreten ! Wie sollte ich jetzt schon den Anblick Ihres Hauses , des Gartens - Nein , Elise , nein ! meine Seele ist zu wund , um sie den schneidenden Luftzügen in den ausgekälteten Räumen so frühe bloszustellen . Am Grabe unsrer Freunde finden wir sanfte Thränen , am Grabe ihres Glückes empört sich das Gefühl gegen die Ohnmacht , Geschehenes nicht ungeschehen machen zu können . Ich habe so genug mit mir zu thun , die ängstigende Frage immer wieder aufs Neue meinem Gewissen zu beantworten : Ob es auch recht war , daß ich die Oberhofmeisterin reisen ließ , da ich damals schon ahndete , wie sehr Sie der Freundin bedurfte ? Es ist nicht immer leicht , von zweien Pflichten die dringendere zu wählen , vollends aber wird es denen erschwert , die , in unabhängiger Beziehung zur Welt , sich selbst im entscheidenden Augenblicke bestimmen sollen . Ich glaubte damals das Unerfreuliche thun zu müssen , und dachte mir in dem Opfer eigner Wünsche zu genügen . Vieles wäre wohl unterblieben , willigte ich nicht in den Vorschlag der leidenschaftlichen Freundin ! Doch wie ist das Leben zu berechnen ! durfte ich hoffen , es mit einem so mächtigen Feinde , als Ihr eigenes Herz , beste Elise , aufnehmen zu dürfen ? Sehen Sie aber hieraus , wie schwach ich bin , und wie wenig es mir einfällt , bei Ihnen die Starke spielen zu wollen . Gewiß , Beste ! Sie können mich dreist in die Falten Ihres Innern sehen lassen , ich bin gewiß , nur die eignen , verborgen gebliebenen Schattenstellen darin wieder zu erkennen . Kann Sie auch das nicht bewegen , mir wieder die liebe , vertrauende Elise zu werden ? Elise an Sophie Gütige Freundin ! Ja , Sie sind die Alte geblieben ! Sie verläugneten sich nie . Das thut der Mensch überhaupt selten . Wir täuschen uns nur über ihn . Wie ich der Welt jetzt erscheine , läßt sich denken . Jede geschäftige Hand sucht wohl die dunkelsten Tinten aufzutragen , um das Bild , wie aus Nacht und Hölle heraussehen