Die Nacht überdeckte schon unten die stillen Wälder , der Mond ging von der andern Seite über den Bergen auf . Er führte sie an Klippen und schwindligen Abhängen vorüber den hohen , langen Berg hinab , sie sprachen kein Wort miteinander . So kamen sie endlich nach einem mühsamen Wege zu dem Schlosse der Gräfin zurück . Es war eine alte Burg , mitten in der Wildnis , halb verfallen , kein Mensch war darin zu sehen . » Das ist mein Stammschloß « , sagte Romana , » und ich bin die letzte des alten , berühmten Geschlechts . « Sie führte ihn durch die hohen , gewölbten Gemächer . In dem einen Zimmer lag alles vom Feste noch unordentlich umher , zerbrochene Weinflaschen und umgeworfene Stühle ; durch das zerschlagene Fenster pfiff der Wind herein und flackerte mit dem einzigen Lichte , das , fast schon bis an den Leuchter herabgebrannt , in der Mitte auf einem Tische stand und spielende Scheine auf eine Reihe altväterischer Ahnenbilder warf , die rings an den Wänden umherhingen . » Sie sind alle schon morsch , die guten Gesellen « , sagte Romana in einem Anfalle von gespannter , unmenschlicher Lustigkeit , als sie die Verwüstung betrat , die noch vor so kurzer Zeit vom Getümmel und freudenreichen Schalle belebt war , nahm ihre Stutzflinte vom Rücken und stieß ein Bild nach dem andern von der Wand , daß sie zertrümmert auf die Erde fielen . Dazwischen kehrte sie sich auf einmal zu Friedrich und sagte : » Als ich mich vorhin im Gebirge umwandte , um wieder zum Schlosse zurückzukehren , sah ich plötzlich auf einer Klippe mir gegenüber einen langen , wilden Mann stehen , den ich sonst in meinem Leben nicht gesehen , der hatte in der einsamen Stille seine Flinte unbeweglich mit der Mündung gerade auf mich angelegt . Ich sprang fort , denn mir kam es vor , als stehe der Mann seit tausend Jahren immer und ewig so dort oben . « - Friedrich bemerkte bei diesen verwirrten Worten , die ihn an den Halbverrückten erinnerten , dem er vorhin gefolgt , daß der Hahn an ihrer Flinte , die sie unbekümmert in der Hand hielt und häufig gegen sich kehrte , noch gespannt sei . Er verwies es ihr . Sie sah in die Mündung hinein und lachte wild auf . » Schweigen Sie still « , sagte Friedrich ernst und streng , und faßte sie unsanft an . - Er trat an das eine Fenster , setzte sich in den Fensterbogen und sah in die vom Monde beschienenen Gründe hinab . Romana setzte sich zu ihm . Sie sah noch immer blaß , aber auch in der Verwüstung noch schön aus , ihr Busen war unanständig fast ganz entblößt ; sie hielt seine Hand , er bemerkte , daß die ihrige bisweilen zuckte . » Heftiges , unbändiges Weib « , sagte Friedrich , der sich nicht länger mehr hielt , sehr ernsthaft , » gehn Sie beten ! Beschauen Sie recht den Wunderbau der hundertjährigen Stämme da unten , die alten Felsenriesen und den ewigen Himmel darüber , wie da die Elemente , sonst wechselseitig vernichtende Feinde gegeneinander , selber ihre rauhen , verwitternden Riesennacken und angeborne Wildheit vor ihrem Herrn beugend , Freundschaft schließen und in weiser Ordnung und Frömmigkeit die Welt tragen und erhalten . Und so soll auch der Mensch die wilden Elemente , die in seiner eigenen dunklen Brust nach der alten Willkür lauern und an ihren Ketten reißen und beißen , mit göttlichem Sinne besprechen und zu einem schönen , lichten Leben die Ehre , Tugend und Gottseligkeit in Eintracht verbinden und formieren . Denn es gibt etwas Festeres und Größeres , als der kleine Mensch in seinem Hochmute , das der Scharfsinn nicht begreift und die Begeisterung nicht erfindet und macht , die , einmal abtrünnig , in frecher , mutwilliger , verwilderter Willkür wie das Feuer alles ringsum zerstört und verzehrt , bis sie über dem Schutte in sich selber ausbrennt - Sie glauben nicht an Gott ! « - Friedrich sprach noch viel . Romana saß still und schien ganz ruhig geworden zu sein , nur manchmal , wenn die Wälder heraufrauschten , schauerte sie , als ob sie der Frost schüttelte . Sie sah Friedrich mit ihren großen Augen unverwandt an , denn sie wußte alles , was er in der letzten Zeit getan und aufgeopfert , und es war im tiefsten Grunde nur ihre unbezwingliche Leidenschaft zu ihm im zerknirschenden Gefühl , ihn nie erreichen zu können , was das heftige Weib nach und nach bis zu diesem schwindligen Abgrund verwildert hatte . Es war , als ginge bei seinem neuen Anblick die Erinnerung an ihre eigene ursprüngliche , zerstörte Größe noch einmal schneidend durch ihre Seele . Sie stand auf und ging , ohne ein Wort zu sagen , nach der einen Seite fort . Friedrich blieb noch lange dort sitzen , denn sein Herz war noch nie so bekümmert und gepreßt , als diese Nacht . Da fiel plötzlich ganz nahe im Schlosse ein Schuß . Er sprang , wie vom Blitze gerührt , auf , eine entsetzliche Ahnung flog durch seine Brust . Er eilte durch mehrere Gemächer , die leer und offen standen , das letzte war fest verschlossen . Er riß die Tür mit Gewalt ein : welch ein erschrecklicher Anblick versteinerte da alle seine Sinne ! Über den Trümmern ihrer Ahnenbilder lag dort Romana in ihrem Blute hingestreckt , das Gewehr , wie ihren letzten Freund , noch fest in der Hand . Ihn überfiel im ersten Augenblicke ein seltsamer Zorn , er faßte sie in beide Arme , als müßte er sie mit Gewalt noch dem Teufel entreißen . Aber das wilde Spiel war für immer verspielt , sie hatte sich gerade ins Herz geschossen . Der müde Leib ruhte schön und fromm , da ihn die heidnische Seele nicht mehr regierte . Er