abermals deine leise Stimme über meinem Ohr ; ich vernehme , wie es mit mir selbst aussieht ; ich schaudere über mich selbst ; aber wie damals habe ich auch diesmal in meinem halben Totenschlaf mir meine neue Bahn vorgezeichnet . Ich bin entschlossen , wie ichs war , und wozu ich entschlossen bin , mußt du gleich erfahren . Eduards werd ich nie ! Auf eine schreckliche Weise hat Gott mir die Augen geöffnet , in welchem Verbrechen ich befangen bin . Ich will es büßen ; und niemand gedenke mich von meinem Vorsatz abzubringen ! Darnach , Liebe , Beste , nimm deine Maßregeln . Laß den Major zurückkommen ; schreibe ihm , daß keine Schritte geschehen . Wie ängstlich war mir , daß ich mich nicht rühren und regen konnte , als er ging . Ich wollte auffahren , aufschreien : du solltest ihn nicht mit so frevelhaften Hoffnungen entlassen . « Charlotte sah Ottiliens Zustand , sie empfand ihn ; aber sie hoffte durch Zeit und Vorstellungen etwas über sie zu gewinnen . Doch als sie einige Worte aussprach , die auf eine Zukunft , auf eine Milderung des Schmerzes , auf Hoffnung deuteten : » Nein ! « rief Ottilie mit Erhebung ; » sucht mich nicht zu bewegen , nicht zu hintergehen ! In dem Augenblick , in dem ich erfahre , du habest in die Scheidung gewilligt , büße ich in demselbigen See mein Vergehen , mein Verbrechen . « Funfzehntes Kapitel Wenn sich in einem glücklichen , friedlichen Zusammenleben Verwandte , Freunde , Hausgenossen , mehr als nötig und billig ist , von dem unterhalten , was geschieht oder geschehen soll , wenn sie sich einander ihre Vorsätze , Unternehmungen , Beschäftigungen wiederholt mitteilen und , ohne gerade wechselseitigen Rat anzunehmen , doch immer das ganze Leben gleichsam ratschlagend behandeln , so findet man dagegen in wichtigen Momenten , eben da , wo es scheinen sollte , der Mensch bedürfe fremden Beistandes , fremder Bestätigung am allermeisten , daß sich die einzelnen auf sich selbst zurückziehen , jedes für sich zu handeln , jedes auf seine Weise zu wirken strebt und , indem man sich einander die einzelnen Mittel verbirgt , nur erst der Ausgang , die Zwecke , das Erreichte wieder zum Gemeingut werden . Nach so viel wundervollen und unglücklichen Ereignissen war denn auch ein gewisser stiller Ernst über die Freundinnen gekommen , der sich in einer liebenswürdigen Schonung äußerte . Ganz in der Stille hatte Charlotte das Kind nach der Kapelle gesendet . Es ruhte dort als das erste Opfer eines ahnungsvollen Verhängnisses . Charlotte kehrte sich , soviel es ihr möglich war , gegen das Leben zurück , und hier fand sie Ottilien zuerst , die ihres Beistandes bedurfte . Sie beschäftigte sich vorzüglich mit ihr , ohne es jedoch merken zu lassen . Sie wußte , wie sehr das himmlische Kind Eduarden liebte ; sie hatte nach und nach die Szene , die dem Unglück vorhergegangen war , herausgeforscht und jeden Umstand teils von Ottilien selbst , teils durch Briefe des Majors erfahren . Ottilie von ihrer Seite erleichterte Charlotten sehr das augenblickliche Leben . Sie war offen , ja gesprächig , aber niemals war von dem Gegenwärtigen oder kurz Vergangenen die Rede . Sie hatte stets aufgemerkt , stets beobachtet , sie wußte viel ; das kam jetzt alles zum Vorschein . Sie unterhielt , sie zerstreute Charlotten , die noch immer die stille Hoffnung nährte , ein ihr so wertes Paar verbunden zu sehen . Allein bei Ottilien hing es anders zusammen . Sie hatte das Geheimnis ihres Lebensganges der Freundin entdeckt ; sie war von ihrer frühen Einschränkung , von ihrer Dienstbarkeit entbunden . Durch ihre Reue , durch ihren Entschluß fühlte sie sich auch befreit von der Last jenes Vergehens , jenes Mißgeschicks . Sie bedurfte keiner Gewalt mehr über sich selbst ; sie hatte sich in der Tiefe ihres Herzens nur unter der Bedingung des völligen Entsagens verziehen , und diese Bedingung war für alle Zukunft unerläßlich . So verfloß einige Zeit , und Charlotte fühlte , wie sehr Haus und Park , Seen , Felsen- und Baumgruppen nur traurige Empfindungen täglich in ihnen beiden erneuerten . Daß man den Ort verändern müsse , war allzu deutlich , wie es geschehen solle , nicht so leicht zu entscheiden . Sollten die beiden Frauen zusammenbleiben ? Eduards früherer Wille schien es zu gebieten , seine Erklärung , seine Drohung es nötig zu machen ; allein wie war es zu verkennen , daß beide Frauen mit allem guten Willen , mit aller Vernunft , mit aller Anstrengung sich in einer peinlichen Lage nebeneinander befanden ? Ihre Unterhaltungen waren vermeidend . Manchmal mochte man gern etwas nur halb verstehen , öfters wurde aber doch ein Ausdruck , wo nicht durch den Verstand , wenigstens durch die Empfindung mißdeutet . Man fürchtete sich zu verletzen , und gerade die Furcht war am ersten verletzbar und verletzte am ersten . Wollte man den Ort verändern und sich zugleich , wenigstens auf einige Zeit , voneinander trennen , so trat die alte Frage wieder hervor , wo sich Ottilie hinbegeben solle . Jenes große , reiche Haus hatte vergebliche Versuche gemacht , einer hoffnungsvollen Erbtochter unterhaltende und wetteifernde Gespielinnen zu verschaffen . Schon bei der letzten Anwesenheit der Baronesse und neuerlich durch Briefe war Charlotte aufgefordert worden , Ottilien dorthin zu senden ; jetzt brachte sie es abermals zur Sprache . Ottilie verweigerte aber ausdrücklich , dahin zu gehen , wo sie dasjenige finden würde , was man große Welt zu nennen pflegt . » Lassen Sie mich , liebe Tante , « sagte sie , » damit ich nicht eingeschränkt und eigensinnig erscheine , dasjenige aussprechen , was zu verschweigen , zu verbergen in einem andern Falle Pflicht wäre . Ein seltsam unglücklicher Mensch , und wenn er auch schuldlos wäre , ist auf eine fürchterliche Weise gezeichnet . Seine Gegenwart erregt in allen , die ihn