nicht entziehen ; denn dadurch würde ich mich eigenmächtig zu ihrem Richter setzen . « - Ich habe diesen Einwurf in seinem Namen öfters geltend gemacht , und es ist mir von niemand eine Antwort geworden , die ihn wirklich entkräftet hätte ; auch gestehe ich , daß ich ihn , in der bürgerlichen Ordnung der Dinge , für unwiderleglich halte . Woher kam es also , daß jedermann , wenn er nicht weiter konnte , sich auf sein innerstes Gefühl berief , welches sich diesem Argument unabtreiblich entgegen stemme ? Wie kann die Vernunft mit unserm innern Gefühl dessen was recht ist in Widerspruch stehen ? - Höre , wie ich mir dieses Problem auflöse , und sage mir deine Meinung davon . Das Gefühl , worauf sich meine Antisokratiker beriefen , ist nichts anders als eine dunkle Vorstellung des Widerspruchs , der zwischen dem nothwendigen Gesetz der Natur und den verabredeten Gesetzen der bürgerlichen Gesellschaft vorwaltet . Die Natur hat uns die Selbsterhaltung zur ersten aller Pflichten gemacht . Alle andern stehen unter dieser , und müssen ihr im Fall eines Zusammenstoßes weichen ; denn um irgend eine Pflicht erfüllen zu können , muß ich da seyn . Da also dieses Naturgesetz allen bürgerlichen vorgeht , so konnte Sokrates den Satz , daß er sich keines Richteramtes über seine Richter anmaßen dürfe , nicht gegen die Pflicht der Selbsterhaltung geltend machen . Du wirst mir vielleicht einwenden : » wenn dieser Schluß gelte , so sey auch ein rechtmäßig Verurtheilter befugt , sich der verdienten Strafe zu entziehen , wenn er könne « - und ich habe keine andere Antwort hierauf als - Ja ! Auch Dionysius scheint , trotz seinem Tyrannenthum , der Meinung zu seyn , daß Sokrates sich hätte retten sollen , da er es mit Sicherheit konnte . Als neulich in seiner Gegenwart von dieser Geschichte gesprochen wurde , sagte er : ich bedaure den alten Mann ; er sollte willkommen gewesen seyn , wenn er sich zu mir hätte flüchten wollen ; weder seine Philosophie noch sein Dämonion sollte ihm die mindeste Anfechtung in Sicilien zugezogen haben . - Doch genug von einer Sache , die nun nicht mehr zu ändern ist . Wenn euch Kleombrotus lieb ist , so verliert ihn ja nicht aus den Augen . Einem Schwärmer von dieser Stärke oder Schwäche ( wie man ' s nehmen will ) ist nicht über die Gasse zu trauen . Sein vertrauter Umgang mit dem jungen Plato hat ihm unwiederbringlichen Schaden gethan . Es ist mit schwachen Köpfen , die sich an solche meteorische Menschen hängen , wie mit Leuten von mittelmäßigem Vermögen , die in vertrauter Gesellschaft mit reichen Prassern leben und es ihnen gleich thun wollen ; sie gehen bei Zeiten zu Grunde , wiewohl sie keinen größern Aufwand machen als den diese sehr wohl aushalten können . Plato ist ein weit größerer Schwärmer als Kleombrot ; aber er ist ihm auch eben so sehr an Geisteskraft überlegen . Plato wird von seiner Schwärmerei , wie ein guter Reiter von seinem Pferd , immer Meister bleiben , oder doch nur selten und ohne Schaden abgeworfen werden ; mit dem armen Phaëthon Kleombrot gehen die Sonnenpferde durch , und ich besorge es wird kein gutes Ende mit ihm nehmen . Ich habe nicht gern mit solchen Menschen zu schaffen ; dieß war die Ursache , warum ich mich deinem Gedanken , ihn mit uns nach Syrakus zu nehmen , so ernstlich widersetzte . Kleonidas könnte mir auch bloß als dein Freund nicht gleichgültig seyn ; um so mehr danke ich dir für seine Bekanntschaft , da ich mir viel Vergnügen von ihr verspreche . Der Zufall , daß seine aus der bloßen Phantasie gemalte Hebe der jungen Musarion so ähnlich sah , ist in der That ( vorausgesetzt die Aehnlichkeit sey wirklich so groß als du sagst ) ein artiger - Zufall , und weiter nichts . Denkst du dir etwas bei den Worten ... sympathetische Ahnung ? Ich kann mir nichts dabei denken . Ich weiß von keiner andern Sympathie , als von Uebereinstimmung der Gemüther aus Aehnlichkeit der Gefühle und Neigungen . Was hat aber diese mit Ahnungen zu thun ? Wie käme der Mensch zu Ahnungen ? Welches unsrer Organe sollte das Vehikel derselben seyn ? Wenn ich Ahnungen zugeben müßte , so sehe ich nicht , warum ich nicht aus gleichem Grunde alles Wunderbare und Unglaubliche für möglich halten müßte , was unsre Mythologen aus Aegyptischen , Arabischen und Syrischen Sagen und Volksmährchen in unsre Götter- und Heldengeschichte übergetragen haben . Alle diese Phantasmen gehören ins Gebiet der Dichter , und können unter ihren Händen zur Unterhaltung des großen Haufens , und , mit Geist und Geschmack behandelt , sogar zum Vergnügen der Verständigen dienen ; aber in die Reihe der Ursachen , woraus die wirklichen Dinge erklärbar sind , sollen sie sich nicht stellen . Dionysius , nach welchem du dich erkundigest , ist noch immer mit den gewaltigen Zurüstungen beschäftiget , deren Anfang du gesehen hast . Syrakus sieht wie ein einziger ungeheurer Werkplatz aus , wo sich alle wiederaufgestandenen Kureten , Cyklopen , Chalyben und Telchinen142 der Vorwelt das Wort gegeben hätten , mit allen Künstlern und Werkmeistern der jetzigen Zeit zusammen zu kommen , um alles Metall im Schooß der Erde und alles Holz auf ihren Bergrücken zu einer Unternehmung , wie die Welt noch keine gesehen hat , zu verarbeiten . Man muß gestehen , daß Dionysius alle mögliche Maßregeln nimmt um seiner Sache gewiß zu seyn , und daß die Kunst , große Dinge mit kleinen Mitteln zu thun , keinen Reiz für seinen Ehrgeiz zu haben scheint . Es ist nun kein Geheimniß mehr , daß alle diese Kriegszurüstungen den Carthagern gelten , und die Feindseligkeiten sind im Begriff auszubrechen . Je näher ich die Syrakusaner kennen lerne , je mehr überzeuge ich mich , daß die Athener ( mit Erlaubniß der schönen Lais zu sagen ) ein gutartiges ,