dasselbe Palais , in dem er früher als Herrscher gewaltet hatte , dasselbe , das er mit der Bezeichnung eines Schurken einst hatte verlassen müssen ; jetzt würde er es , als Vater der Fürstin , mit dem alten sichern Selbstgefühl wieder haben betreten dürfen , aber les jours de fête sont passés , sagte er oft selbst . Er war zusammengefallen , älter geworden , nachlässiger in seiner Kleidung sogar . Zwar trug er noch keine schwarzen Fräcke , er war bei seinen blauen mit Metallknöpfen geblieben , aber es saß ihm Alles weit und schlottrig . Es fehlte die alte Elastizität . Sein Wesen hatte einer ironischen Gelassenheit Platz gemacht ... Seine Plaudereien über den Pavillon , die kleinen Gemächer , die servirte Tafel waren ganz im alten Geschmack , er begrüßte die Fürstin mit Innigkeit , entschuldigte den mit den Jahren und seit den Prüfungen des Geschicks über die Mutter gekommenen Trotz mit allem Humor , meinte dann aber doch , diese ihm so von seiner Tochter in aller Stille gespendete Liebe hätte etwas dermaßen Rührendes für ihn , daß er fürchte , die Speisen würden nicht von seinem Appetit die Anerkennung finden , die der Koch des Palais ' verdiente . Doch ermunterte ihn Melanie , setzte sich ihm gegenüber und genoß die Freude , den Vater eine Weile glücklich zu sehen . Die Weine machten ihn beredter . Er fragte nach dem Hohenberg , nach Frau von Zeisel , seiner letzten Herzensverirrung , über die er zu seiner Tochter wie zu seinem intimsten Freunde scherzte , er wollte von Henrietten ' s von Sänger gegenwärtiger Neigung hören , ob Civil , ob Militär , ob Geistlich , ob Weltlich , er wollte von Ackermann hören , über dessen Metamorphose er nicht unterrichtet war . Melanie erzählte ihm Alles . Er kannte Rodewald nur aus dunkelster Erinnerung ; er besann sich , einmal den Namen in jüngern Jahren gehört zu haben . Von Dankmar ' s Verhaftung wußte er nichts . Er las keine Zeitungen . Er begegnete zu sehr in ihnen einem Leben , das ihm zu beweisen schien , daß die Welt in der That aus Nichts geschaffen wurde . Noch ehe die Fürstin , aus Rücksicht auf die Bedienung , von jenem sie und den Fürsten so nahe berührenden Vorfall sprechen konnte , hatte er geäußert : Diese neue plötzliche Erhebung hat jede Narrheit mündig gemacht ! Die Blätter sind weißes Papier , die nach Füllung lechzen und womit füllt man sie ? Das geringste Faktum wird mit einem Schwall von Worten breitgetreten und dehnt sich immer gleich so aus , als wenn es bestimmt wäre , die ganze Geschichte des Alterthums , der Hohenstaufen , Schiller und Goethe zu ersetzen . Ich mußte früher über diese Politik lachen , jetzt ärgr ' ich mich über sie . Glaubt man , irgend eine Frage in dem großen Durcheinander der Menschen und Meinungen mitbestimmen zu können , meldet man sich gleichsam um ' s Wort , so hat es schon ein Dutzend Andrer und mit Jedem von diesem Dutzend scheint der Gegenstand allein auf die Welt gekommen zu sein . Es ist ja ein Egoismus im Schwunge jetzt , Kind , der alle Schönheitsregeln über Bord geworfen hat ! Früher waren wir auch egoistisch , wir thaten im Durchschnitt immer mehr für uns als für Andre , aber so malhonett wie jetzt ging es dabei doch nicht her . Jetzt stößt man sich auf die plumpste Art vom Brunnen weg , um Wasser zu holen , früher wartete man doch , unterhielt sich doch , plauderte , schwatzte durch gute Witze die Mägde vom Schwengel weg und ging mit seinem gefüllten Eimer lachend davon , wenn jene noch auf die Pointe warteten und das Maul aufsperrten . Ach , mein bestes Kind , diese schrankenlose Emanzipation nicht etwa der Presse , sei die frei , nicht etwa der Juden , mögen die ohne sich taufen zu lassen jetzt Kirchenvorstände werden , nicht der Frauen , eine Emanzipirte haßt die andre so , daß sie sich unter einander selbst aufheben ; aber die furchtbare Emanzipation der Dummheit , siehst du , die ist schrecklich ! Auf dem Kasino und in der Loge hielten sonst vier Fünftel der Mitglieder immer das Maul . Denn warum ? Die Zeitfragen waren damals gleichsam eine Art Lateinisch oder Hebräisch . Jetzt solltest du dies Gesumme hören ! Jeder kommt um ' s Wort ein und Jeder weiß auch etwas zu sagen ; denn eben das Redenswerthe ist jetzt nur noch der alltägliche Zeitungsschnack ... Nun kommt man mir oft und will von den Maßnahmen des Ministeriums hören . Ich kann mit Fug und Recht fragen : Wer ist jetzt Minister ? Denn wer z.B. unsre Finanzen verwaltet , das weiß ich in der That nicht . Ich erstaune über Aufstände , die längst unterdrückt sind und weiß wirklich nicht , sind die Schleswig-Holsteiner in Kopenhagen oder sind die Dänen wieder in Altona ? Oft bereu ' ich , daß ich damals nicht mit dem Übergang in die Politik Ernst machte . Ich glaubte nicht an die Möglichkeit , daß ich jemals meine Administrationen verlieren würde . Was ich jetzt wäre , weiß ich nicht . Vielleicht bankrott , wie jetzt eben fast auch , aber eine Nationalsubskription hätte mir vielleicht ein Landhaus gekauft , hätte meinen Wagen , meine Pferde gerettet und ich könnte auf hundert Komités Wechsel ziehen . Wer weiß , ob ich nicht einige Minister zu Tode geärgert hätte ! Wer weiß , wenn es geheißen hätte : Nun fehlt nur noch eine Stimme , die des Justizraths und Obertribunalprokurators Franz Schlurck , und nun hätt ' ich mich in Preis gesetzt , ich hätte für mein Ja ! den Zuschlag mindestens einer Eisenbahn oder die Anwartschaft auf ein zum halben Preise zu verkaufendes Staatsetablissement oder eine feste Anstellung verlangt , etwa im Steuerfache , wo einem die Sportel-Delikatessen verfaulen , weil man die Menge nicht