Innigkeit des seligsten Einverständnisses liebte , sondern daß sie in Furcht und Zagen , dabei diese Furcht verbergend und hinter guter Laune versteckend , so hintastend in dem fremden , seltsamen Manne sich festzuwurzeln suchen mußte . Es ist Das unser Aller Loos , sagte sie sonst wol schon , wir müssen Alle diesen Schauder überwinden , ein durch Zufall an uns gekommenes Wesen unser zu nennen und nun zu forschen , wie sich wol dieser dunkeln Persönlichkeit menschlich beikommen läßt , bis dann gewöhnlich uns die eingefleischten Teufel angrinsen , lügnerische , gemeine Naturen erkenntlich werden , Betrüger , oft falsche Spieler , ja Räuber ... kurz , Pauline von Harder , wenn ihr die Ludmer damals nicht zugeblinkt und gleichsam gerufen hätte : Aber Pauline ! würde zur Bestätigung dieser einen von den mehreren Märtyrerschaften der Frauen vielleicht gar die Geschichte des Barons Grimm erzählt haben . Sie bewunderte immer an Melanie diese große Kunst , mit der sie sich in ein ihr fremdes und innerlichst antipathisches Leben eindachte und Egon selbst einmal zu der etwas dunkeln Bemerkung veranlaßte : Ich fühle Das so , liebe Pauline , daß ich glaube , Melanie mit mehr belohnen zu müssen als nur mit meinem Fürstentitel ! Heute aber verließ die Geheimräthin sogleich das Feld der Reflexionen und wollte Thatsachen . Sie sprach von der schon in aller Frühe durch Pax und die Ludmer ihr bekannt gewordenen Verhaftung jenes Dankmar Wildungen , dessen frühere Beziehung zu Egon , besonders aber zu Melanie und die dem Fürsten unbekannt gebliebene Theilnahme desselben an der dunkelsten Geschichte der Eroberung des Bildes seiner Mutter ihr geläufig genug war . Es gab ein Geheimniß über Egon , das die Geheimräthin Melanie verschwieg , den Inhalt jenes Testamentes der Mutter , und es gab wieder ein Geheimniß von Melanie , das die Geheimräthin Egon verschwieg , die Art , wie Dankmar Wildungen zu dem Bilde , das jene Denkwürdigkeiten enthielt , gekommen war . Die Diskretion über so gewaltige Lebensfragen gehörte bei dieser in vielen Dingen einzigen Frau zu ihrer Natur . Sie machte nicht einmal Anspruch , daß ihr diese Diskretion als eine Tugend angerechnet wurde . Pauline wollte sogleich von Dankmar reden , aber wichtiger war ihr doch , ein furchtbares Wort von der Zunge zu lösen : Sprach der Fürst seinen Generalpächter ? Nein , erwiderte Melanie . Geschäfte hielten diesen fern und als er zurückkam , hatte der Fürst schon den Plan zur schnellen Rückreise gefaßt . Sagte er nichts von ihm ? Nannte er ihn nie ? Wen ? Sie sind so ruhig , Melanie ! Nannte er nie - Was ist nur ? Der Fürst sprach ihn nicht ? Sah ihn nicht ? Dankmar Wildungen ? O Sie Gute ! Woran denken Sie ? Ich glaube wol , daß Sie nur an ihn denken ... Sie sprechen von jenem Ackermann - doch nein , er heißt ... Sie wissen ? ... Egon weiß ? Mein Gott , was sind Sie aufgeregt ! Sagen Sie mir , Beste ... was red ' ich denn ? O , ich kann nicht da sitzen , ich kann nicht da stehen ... ich habe den Fürsten zu sprechen ... Die Fürstin begriff die Aufregung der Geheimräthin nicht , die im Zimmer auf und ab schritt und zuletzt abbrach , um sich zu den Zimmern des Fürsten zu wenden , die ihr offen standen zu jeder Zeit . Schon hatte sie den Drücker in der Hand , als ein Bedienter mit Papieren eintrat , Rechnungen , Büchern ... Durchlaucht zu sprechen ? Melden Sie mich ihm ! sagte Pauline . Excellenz , Bankier Reichmeyer sind drüben ... Reichmeyer ? So wie er geht , sagen Sie , ich bäte um einen Augenblick . Der Diener ging . Pauline sank auf einen Sessel . Melanie fragte nach der Ursache ihrer Aufregung . Nichts , Beste ! Nichts ! Aber Sie sagten , der Fürst weiß , daß der unter dem Namen Ackermann bei ihm in Dienste getretene Ökonom seines wahren Namens Rodewald heißt ! Rodewald ! antwortete Melanie , die den Namen nicht hatte behalten können . Der Fürst schien ungehalten über ihn , sprach oft vor sich hin jenen Namen , zog eine Visitenkarte , die den Namen , richtig , Heinrich Rodewald , enthielt ... Heinrich Rodewald ! Aber was haben Sie nur mit diesem Namen ? Er sprach ihn nicht ? Der Fürst den Verwalter ? Nein ! Er vermied ihn ? Er schien erzürnt auf ihn . Das Auftreten mit einem falschen Namen schien ihm zu misfallen . Seine lange Abwesenheit , während wir in Hohenberg waren , ohnehin . Und wenn ich recht verstanden habe - Was ? So empörte es ihn , daß Wildungen , ein Verfolgter , ein Kompromittirter sich auf seinen eignen Gütern hatte aufhalten , bei seinen eignen Beamten hatte Schutz finden können ... Wildungen ist ja der Neffe jenes Rodewald ... In der That ? Das entschuldigt den Generalpächter . Der Neffe ! Man sollte nicht zu streng sein in der Art , wie man jetzt die Verläugnung der natürlichsten Gefühle verlangt . Und Sie wissen doch , daß Wildungen die Tochter dieses Rodewald liebt ... also seine Cousine ! Meine Nichte ! Ihre Nichte ? Selma ! Selma Ihre Nichte ? Ha ! Was sag ' ich ! Ich vergesse , daß ich in der Sphäre der Großmütter lebe . Die galante Sprache hat für die Großtanten keinen Namen , der mit dem Begriff Enkel korrespondirt . Selma Rodewald ist die Tochter meiner Nichte , die Enkelin Annen ' s. Sie ist draußen in Tempelheide ... Weiter kam Pauline nicht in Aufklärungen , die die Fürstin überraschen mußten . Der Diener war zurückgekehrt . Bankier Reichmeyer konnte nicht hindern , daß Pauline sogleich zum Fürsten eintrat . Hatte doch , wie man zugleich erfuhr , eben angespannt werden sollen , damit der Fürst grade zur Geheimräthin fuhr ! Sie verschwand . Die Fürstin war allein und