Maria ' s achtes Schwert « , wie er jene Leiden nannte , die jedem nur allein verständliche , nur allein von Gott ihm zu tröstende und zu heilende wären ... So schritt er in seinem Trauer-Triumphzug , unter dem Geläut der Glocken dahin ... Die große , mit drei Kuppeln gebaute , dem vorigen Jahrhundert angehörige Kirche war überfüllt ... Seine Ministranten waren heute seine nächsten Würdenträger ... Den geheimnißvollen Ritus der Messe aus der Kirche zu verbannen würde sich Bonaventura nicht verstanden haben ... In einem gelegentlichen Streit mit Gräfin Erdmuthe hatte er gesagt : » Allerdings , die Messe sollte in der Landessprache gelesen werden ! Aber ich gebe auf die stummen Augenblicke in der Messe mehr , als auf die gesprochenen ... Ein Gottesdienst muß mehr als nur eine Predigt sein ... Unsrer Messe ist lediglich der Schein , daß sie ein unblutiges Opfer wäre , sonst nichts von ihren mystischen Vorgängen zu nehmen ... Kirchen , die nur um der Predigt willen da sind , müssen ja mit der Zeit leer stehen - wer verbürgt denn nur dem Preise Gottes immer würdige Sprecher , Zungen , die nicht anstoßen , Kehlen , die nicht heiser und rauh erklingen ? ... Was macht die Gotteshäuser der Protestanten so leer ? Die alleinige Herrschaft der Kanzel und die Einsamkeit am Altar ! ... Gott wohne nicht in Häusern , von Menschenhänden gemacht ? Gewiß ! Aber der gewölbte Raum der Kirche sagt Ihnen , daß Gott nich Ihr Gott allein ist , nicht der , den Sie in Ihrem Kämmerlein sich zurecht gemacht haben , sondern der Gott des Universums ! ... Gerade da muß Ihr Eifer , ihn persönlich für sich aus der Masse der um seine Gunst Werbenden herauszugewinnen , um so lebendiger angefacht werden ; die Entschließungen Ihrer Brust können erst in der Kirche erkennen , wie schwer es ist , unter so vielen , die seine Liebe zu gewinnen suchen , gleichfalls mit Würde zu bestehen ... Still dann zu sein in einer Kirche mit tausend andern Stillen - das ist , denk ' ich , die feierlichste Aufforderung zur Einkehr in sich selbst ... Oder - soll die Religion ohne Formeln sein ? Dann ist sie Philosophie ... Daß die Philosophie eben Wahrheit des Lebens werde , zwingt sie , die Religion bestehen zu lassen ... Der protestantische Gottesdienst sagt nur : Wir sind nicht katholisch ! - Das ist gewiß wahr und war historisch richtig - Soll aber diese Zeit des Protestes ewig dauern ? Kann ein Gottesdienst der ewigen Negation bei den Protestanten Sinn haben , wenn die katholische Kirche sich läutert ? ... Eure Predigt wird sich unsere Messe zu Hülfe rufen müssen , um - schon allein die Herrsch- und Streitsucht Eurer Parteien zum Schweigen zu bringen ... Dann werden die Protestanten nicht mehr Nichtkatholiken , die Katholiken nicht mehr Nichtp rotestanten , sondern beide erst wahre Christen sein - « ... Unter den Anwesenden waren Paula und Armgart zugegen ... Beide eben von Castellungo angekommen - beide eben von der schmerzlichen Ueberraschung unterrichtet , die ihrer harrte ... Der Graf hatte ihnen Benno ' s Anwesenheit und Lebensgefahr erst gemeldet , als sie sich trennten , er , der Protestant , zu Benno ' s Lager eilte , sie mit dieser Nachricht nun in die Messe schwankten ... Erkundigungen , welche Graf Hugo auf der Herfahrt eingezogen , hatten ihm bestätigt , daß Benno wirklich in Coni war ... Mit diesem Stich im Herzen sank Armgart unter die tausend Beter nieder , die am Fuß des Hochaltars knieten ... Sollte sie weniger vermögen , als jener Priester dort , den die gleiche Nachricht nicht hinderte , laut seine Psalmen zu singen ? ... Als die Feierlichkeit vorüber und Bonaventura auf einem kürzern Wege , unbemerkt und in einfacher Kleidung , in seine Wohnung zurückgeeilt war , fand er den Grafen schon lange mit Benno beschäftigt ... Die beiden Frauen harrten in einem Gemach , wo des Kirchenfürsten Audienzen gegeben wurden , vom Schmerz überwältigt und in Thränen gebadet ... Natürlich hatte man bereits die Veranstaltung getroffen , daß der Erzbischof heute nur noch seinen nächsten Freunden gehörte ... Die Glückwünschenden wußten nun , welches Leid diesem Hause an einem Freudentage beschieden war ... Graf Hugo hatte dem Sterbenden Armgart ' s Anwesenheit angezeigt ... Den Frauen hatte er dann nicht verschwiegen , wie diese Nachricht Benno erschütterte ... Bonaventura richtete sein Auge auf Armgart - auch er hatte sie seit so vielen Jahren nicht gesehen ... Sie war ihm aber wie gestern erst von ihm geschieden ... Ihr gemeinsames Leid verband sie sofort und sein seelenvoll auf sie gerichteter Blick schien fragen zu wollen : Aermste , wie trägst - nun gar erst Du das alles - ? ... Ein Gesang der christlichen Dichtkunst spricht aus , was edle Herzen bei höchstem Leid erfüllt ... Das » Stabat mater « in seiner unnachahmlichen Magniloquenz ... Jacopone da Todi war der Dichter dieser Threnodie der verlassenen Liebe , die zurückgeblieben am letzten Rest ihres Daseins , dem todten Leib des Geopferten , trauert ... Die Erde ist verfinstert ; die Menschen , von Furcht und Bangen erfüllt , sind geflohen - Gott hat seine größte Offenbarung gegeben und doch leiden und weinen grade diejenigen Menschen , denen seine große Wohlthat zuerst zugute kommt ... Wer kennt denn , was uns frommt - ! ... Jacopone hatte sein Stabat aus eigenem Schmerz gedichtet ... Zeitgenosse Dante ' s , berühmter Rechtsgelehrter , Liebhaber der Weltfreuden , sah er bei einem Fest eines vornehmen Hauses die Decke des Tanzsaals einstürzen , sah die edelsten Frauen todt oder verwundet - und sein eigen Weib , eine blühende Schönheit , hoffnungslos aus den Trümmern davongetragen ... Man entkleidete die Sterbende und unter den rauschenden Prachtgewändern trug sie , die eben nach des Gatten Wunsch noch heiter und scheinbar lebensfroh getanzt hatte , ein grobes Büßergewand ... Jacopone , von Beschämung und Schmerz