flehte Agathe ihren Vater an . “ Du sollst sehn , dann werde ich vernünftig ! Ich habe nur eine solche Sehnsucht , einmal ganz allein zu sein — gar nicht sprechen zu brauchen — und gar keine Stimmen zu hören . Ich kann Eure Stimmen nicht mehr vertragen — das ist die ganze Geschichte . Ich will nicht zu einem Doktor . ” Eugenie und Papa blickten sich bedeutungsvoll an . Der Regierungsrat seufzte tief . “ Kranke haben keinen Willen , ” sagte Eugenie energisch und packte die Koffer . Agathe sah die junge Frau in ihren Sachen herumwühlen , ihre Schachteln öffnen , in ihrer Briefmappe blättern , als sei sie schon eine Gestorbene , auf die man keine Rücksicht mehr zu nehmen braucht . Und dann doch wieder das beständige Geplauder , um sie aufzuheitern — zu zerstreuen . Oder Eugenie suchte durch geschickte Fragen zu ergründen , ob etwas zwischen ihr und Martin vorgefallen sei . . . . . Vielleicht hatte sie schon hinter Agathes Rücken an Martin geschrieben , und er würde alles verraten . . . Und Eugenie erfuhr ihre Schmach — den heimlichen Jammer , der sie zu Grunde richtete . . . . — — Sie wollte ja leben , sie wollte ja ihre Pflicht thun — aber man mußte sie nicht so furchtbar peinigen . Schon in gesunden Zeiten hatte Eugenies leichte , sichere , selbstgefällige Art sie maßlos irritiert — und nun sollte sie , totmüde und aufgerieben , wie sie war , wochenlang Tag und Nacht mit ihr zusammen sein ? Sich von ihr beaufsichtigen und ausforschen lassen ? Das war ja nicht auszudenken ! Und Papa nahm keine Vernunft an . Sie konnte ihm doch nicht sagen , daß sie Eugenie verabscheute ? Wenn er fragen würde warum ? Sie wußte ja keinen Grund dafür . — — Aber sie hatte selbst Schuld — sie allein . Sie wollte nun alles tragen , als eine Strafe von Gott , für das wahnsinnige Verlangen nach Glück . Wie Er sich wohl freute , daß Er sie so marterte . . . — — Anständigen Mädchen kamen gewiß keine blasphemischen Gedanken . . . Anständige Mädchen sind nicht mit dreißig Jahren noch eifersüchtig auf eine Kellnerin . . . . Anständige Mädchen — betragen sich die so , wie sie sich betragen hatte ? Was war denn nur in ihr ? Sie ist gar kein anständiges Mädchen . Sie hat nur geheuchelt , Zeit ihres Lebens . Aus Feigheit geheuchelt . Und wenn es schließlich doch verraten wird . . . Ach , der arme Papa — so ein tadelloser Ehrenmann . . . wenn es sich zeigt , was seine Tochter für ein Geschöpf ist . . . . Nur alles über sich ergehen lassen . . . Sich mit aller Gewalt zusammennehmen — ruhig sein — keine Scenen mehr machen ! Dann muß der Doktor sie doch für gesund erklären . Darauf kommt jetzt alles an . Mit einer wahren Verzweiflung klammerte Agathes geängstigte Seele sich an die Konsultation des Badearztes in Röhren . Er mußte sie heimschicken — ganz gewiß . Aber als sie ankamen , verordnete er ihr gleich eine sechswöchige Kur . Ob sie nicht allein hier bleiben dürfe ? Nein — dazu wäre sie viel zu schwach ; ihre Schwägerin müsse sie pflegen und zerstreuen . Ein Glück , daß sie so eine heitere , liebenswürdige Schwägerin bei sich habe . Auf einer grünen baumlosen Hochebene lag das Frauenbad . Sein Kurhaus und die Wohnung des Arztes bildeten den Mittelpunkt , von hier aus streckte sich eine einzige lange Straße von weinumrankten Logierhäusern in die Wiesen hinaus . An ihrem Ende drängten sich die verfallenen Hütten der einheimischen Bevölkerung . Dort saßen hagere Frauen und hustende Mädchen Tag aus , Tag ein über das Klöppelbrett gebeugt und warfen die kleinen Holzpflöcke mit fieberhafter Eile durch das zarte und kostbare Spitzengewebe , das unter ihren Fingern entstand . Von der scharfen reinen Luft drang nur wenig durch die mit Papier verklebten Fensterlöcher . Daß man etwas anderes trinken könne als Cichorienkaffee , daß man sich baden könne , sahen sie wohl , aber sie sahen es wie fremde , unverständliche Gebräuche . Die Milch der Ziegen gehörte den Fremden — die Stahlquellen — die Fichtennadel- und Moorbäder waren für die Fremden . Von den Einheimischen bemerkte man wenig , man erblickte nur die fremden weiblichen Gäste . In den Lauben der dürftigen Gärten , wo ein paar Kohlköpfe und eine Reihe Immortellen wuchsen , saßen sie beieinander . Sie standen gruppenweise in der Dorfstraße und klagten sich ihre Leiden . Über die weiten Wiesenflächen konnte man ihre Gestalten verfolgen , wie sie einzeln oder zu zweien die Raine entlang wanderten , kleine Sträußlein von Gräsern und blassen Skabiosen sammelnd als sinnige Gabe für die Freundinnen oder den Doktor . Frauen — Frauen — nichts als Frauen . Zu Hunderten strömten sie aus allen Teilen des Vaterlandes hier bei den Stahlquellen zusammen , als sei die Fülle von Blut und Eisen , mit der das Deutsche Reich zu machtvoller Größe geschmiedet , aus seiner Töchter Adern und Gebeinen gesogen , und sie könnten sich von dem Verlust nicht erholen . Fast alle waren sie jung , auf der Sommerhöhe des Lebens . Und sie teilten sich in zwei ungefähr gleiche Teile : die von den Anforderungen des Gatten , von den Pflichten der Geselligkeit und den Geburten der Kinder erschöpften Ehefrauen und die bleichen , vom Nichtsthun , von Sehnsucht und Enttäuschung verzehrten Mädchen . Männer besuchten den Ort nur selten . Ein hysterischer Künstler war jetzt anwesend , ein Oberst a.D. , der seine Frau nie allein reisen ließ , und der Arzt . Um die beiden ersten bekümmerte man sich nicht sehr viel . Aber der Arzt ! — Was Dr. Ellrich gesagt hatte , in welcher Stimmung er sich befand , was er für einen Charakter besaß , das bildete den