dunkler venezianischer Tracht haftengeblieben , die dem Strome der forteilenden , den Stufen zudrängenden Churerinnen allein entgegenschritt . Es war etwas in der eigentümlichen Haltung dieses edelgeformten Hauptes , in der traurigen Glut dieser durch die samtene Halbmaske blickenden , suchenden Augen , das ihn seltsam schaurig berührte . Er sah ihr nach , wie sie , das Gewühl der Tanzenden meidend , die Kammer der Justitia betrat . Diese hohe , reiche Gestalt kannte er nicht , aber sie mußte auch Jenatsch aufgefallen sein , denn der Oberst richtete sogleich seinen Gang nach derselben Schwelle . Ob er sie überschritt , das sah Waser nicht mehr , das Gedränge auf der Treppe wurde jetzt so groß , daß der Bürgermeister seiner ganzen Würde und Vorsicht bedurfte , um die verwirrte Amantia ungefährdet durch den Engpaß zu bringen . Es war ein toller Maskenzug , der die Treppe hinaufstürmte , wilde Gesellen unter der Führung einer kolossalen Bärin , der ein großes Schild mit den Wappen der drei Bünde an einer Kette um den zottigen Hals hing . Sobald Waser die heimgeleitete Amantia einer alten Dienerin übergeben hatte , eilte er wieder nach dem Rathause zurück , ohne nach dem Doktor zu fragen , dem er es nicht leicht verzieh , daß er das unschuldige Flugblatt in so feindseliger und hinterlistiger Weise zur Beleidigung des Obersten ausgebeutet hatte . Schon von fern sah er vor dem Staatsgebäude ein unsicher beleuchtetes verworrenes Gewühl und es ward ihm schwer , bis zur Hauspforte vorzudringen . Die gleichen Masken , denen er vor einer halben Stunde auf der Treppe begegnet war , entstürzten jetzt dem Hausflur in wilder Hast . Inmitten des an die dreißig Vermummte zählenden Haufens glaubte er plötzlich im Scheine einer sprühenden Fackel die ungeheure Bärin zu erblicken , die zerzaust und blutig mit einer über die Schultern gelegten Puppe oder Leiche davonschritt . Waser hatte die Türe erreicht . Er warf einen Blick auf die Wendeltreppe , sie füllte sich eben wieder mit taumelnden Gästen , die wirr durcheinander schrieen und hastig davoneilten . Oben verstummte mit abgerissenen Tönen die Musik . Jetzt gewahrte Waser hart neben sich einen untersetzten Franziskanermönch , dessen von der Kapuze beschattetes Augenpaar er forschend auf sich gerichtet fühlte . Eine Maske war das nicht . Der Mönch warf seine regentriefende Kapuze zurück und Waser erkannte das nüchterne , geisteskräftige Gesicht des Paters Pancraz und seine klug blitzenden Augen . Die beiden Männer schüttelten sich die Hände . » Tun wir uns zusammen , Herr Bürgermeister « , sagte der Pater leis aber eindringlich . » Welt und Kirche , Ehrenkette und Kuttenstrick im Bunde werden durch den tollsten Spuk dringen ! Ich lese auf Eurem Gesicht , daß Ihr wie ich in Sorge seid um den Obersten . Etwas ist droben vorgefallen . Was sie dort fortschleppten – ich habe das niederhangende Haupt scharf angesehen – war der tote oder ohnmächtige Rudolf Planta . Um den ist ' s kein Schade und an der Fastnacht sind blutige Köpfe nichts Besonderes , aber gut ist ' s doch , wenn wir hinaufkommen ! « Bei diesen Worten schob er den Bürgermeister in eine gesicherte Ecke und stellte sich vor ihn , denn ein paar trunkene Offiziere stürzten sich eben , mit den Degen fuchtelnd , in die Menge hinunter . Der Pater verschwieg seine Hauptsorge – Lucretia . Er war , durch das Unwetter verspätet , vor einer Stunde erst in Chur angelangt , hatte die alte Gräfin Travers , die , hinfällig wie sie war , sich frühzeitig zur Ruhe gelegt hatte , zwar nicht gesehn , aber von der Dienerschaft erfahren , das Fräulein sei noch vor Mittag angelangt , habe ihrer Muhme Gesellschaft geleistet und sich dann , wie sie bisweilen zu tun pflegte , in ein für ihren Besuch immer bereitgehaltenes Gemach zurückgezogen , um sich umzukleiden . Erst vor kurzem habe sie , in ein weites Obergewand gehüllt , das Haus wieder verlassen . Ihr Knecht , der Sohn des Riedberger Kastellans , sei ihr auf diesem Gange mit der Fackel vorangeschritten . Wohin sie sich habe geleiten lassen , wußte niemand zu sagen . Pancratius hatte aus dem Berichte der Dienstleute zu Riedberg Verdacht geschöpft , der junge Planta , den er für einen Feigling hielt , möchte in Bünden beherztere Genossen gefunden haben . Er fürchtete , der Neid der mächtigen Familien , die Georg Jenatsch beleidigt hatte , könnte , durch seinen letzten größten Erfolg aufgestachelt , in mörderische Gewalttat ausbrechen . Damit mußte Lucretias Verschwinden zusammenhangen , denn bei ihrer Gemütsart zweifelte er nicht , daß sie als Mitschuldige oder als Warnerin in das Unheil verflochten sei . Dieses aber schwebte über dem Haupte des Obersten – als die eine oder die andere war sie in seine Nähe gebannt und er eilte sie dort zu suchen . Und Lucretia war es gewesen , deren ernste feierliche Gestalt dem zürcherischen Bürgermeister in der Verwirrung des Aufbruchs im Saale begegnet und deren Schritten Jenatsch mit aufglühender Freude in die Kammer der Justitia gefolgt war . » Willkommen Lucretia ! « rief Georg der sich nach ihm Umwendenden entgegen , » ich danke dir , daß du an meinem Feste nicht fehlst . Du bringst mir die Freude ! Die Welt ist mir schal geworden , ihre Beuten und Ehren sind mir ein Ekel ! Gib mir meine junge , frische Seele wieder ! Sie ging mir längst verloren – sie blieb bei dir . Gib mir sie mit deinem treuen Herzen ! Du hast sie darin aufbewahrt ! « Er umfaßte sie mit beiden Armen und drückte ihr Haupt , dem die Maske entfiel , an seine Brust . » Hüte dich , hüte dich , Jürg ! « flüsterte sie , seiner Umschlingung widerstrebend und erhob zu ihm Augen voll unendlicher Angst und Liebe . Er mißverstand sie . » Ich weiß es schon « , rief er , » auf Riedberg wird keine Hochzeit gefeiert