– Sie haben mich schnöde verurteilt , ohne den geringsten Einblick in die wahre Sachlage – « Sie dachte cm ihre rücksichtslosen Bemerkungen im Atelier , und sich abwendend , schob und rückte sie mit unsicherer Hand an den verschiedenen Gegenständen auf dem Schreibtisch . » Ihr vernichtender Ausspruch über die unglückliche Negerrasse klingt heute noch in mir nach , wie er mich neulich in tiefster Seele empörte ; – « fuhr er unbeirrt fort – » und doch ließ sich mein Urteil einlullen , weil ich Sie bewunderungswürdige Großmut und Selbstverleugnung gegen die Frau Ihres Bruders üben sah , weil Sie die tiefste Zärtlichkeit , einen rückhaltslosen Opfermut für seine Kinder an den Tag legen ... In Ihrer Seele ringen zwei Mächte – die Gottesgabe einer edlen , großangelegten Natur , und die Folgen der Erziehung . Unter den letzteren , der Wandelbarkeit der Laune , lassen Sie augenblicklich auch mich leiden ; aber ein zweites Mal wird es nicht geschehen – ich habe wenig Neigung zur sklavischen Unterwürfigkeit in mir . « Er verbeugte sich und ging in das Krankenzimmer . Dort trat er an das Bett – Deborah war bei Erscheinen des Arztes hinausgegangen – und die Dame im Fensterbogen sah mit verstohlenem Seitenblick durch die Tür , wie er sich in tiefer Bewegung über das schlafende Kind beugte . Einen Augenblick legte er seine schöne , schlanke Rechte auf die Stirne des Knaben , dann verließ er durch die Kinderstube die Erdgeschoßwohnung . Donna Mercedes horchte auf seine verhallenden Schritte , als wolle sie den Klang in sich aufnehmen , weil – sie ihn in diesen Räumen nicht wieder hören sollte . – Sie hatte eben eine Sprache hören müssen , wie sie das verwöhnte , umschmeichelte Ohr der überall siegenden spanischen Schönheit noch nicht berührt ... Und doch war sie nur insofern im Unrecht , als sie ihre wohlbegründete Erbitterung und Gereiztheit nicht besser gezügelt – aber hatte sie es der Männerwelt gegenüber je der Mühe wert gehalten , sich liebenswürdiger zu zeigen , als sie augenblicklich empfand ? ... Der da im Bronzerahmen , der Nabob von Südkarolina , der hochmütigste , anmaßendste unter den Pflanzerbaronen , er war in der Tat ihr Sklave gewesen – ihr Lächeln hatte Sonnenschein über ihn ausgebreitet , ihr kaltes Zürnen ihn in finstere Nacht gestoßen – jetzt glitt ihr Blick achtlos über ihn weg ... Sie verließ in stürmischer Bewegung den Fensterbogen , und vor Josés Bett niedersinkend , vergrub sie die glühende Stirn in das kühle Linnen der Decke . – 22. Mehrere Tage waren verstrichen . Die Genesung des kleinen José schritt sehr langsam , kaum merklich vorwärts . Er lag matt und kraftlos in den Kissen , und nach wie vor mußte jedes laute Geräusch , jeder starke Lichtschein streng vermieden werden , denn die zurückgebliebene Schwäche des Kindes war groß . Man ging infolgedessen in der Nähe des Krankenzimmers immer noch auf den Zehen , im Vorgarten durften die Gasflammen noch nicht angezündet werden , und das Stroh auf dem Kiesweg vor der Säulenhalle war erneuert worden . Donna Mercedes hatte den Herrn des Schillingshofes nicht wieder gesehen . Gleich nach seinem Weggang an dem Abend war Hannchen in seinem Auftrag erschienen , um die Dame in der Pflege zu unterstützen , und die Abgesandte war ohne Widerrede angenommen worden . Das Mädchen mit dem schweigsamen , geräuschlosen Wesen paßte vortrefflich zu der Mission ... War es doch , als habe sich ihr junges , seltsam verdüstertes Gesicht förmlich aufgehellt , seit sie über die Schwelle des großen Salons gegangen war , um Tag und Nacht dazubleiben . José gewann sie lieb , und auch Donna Mercedes gewöhnte sich an das Mädchen , das nie sprach , ohne gefragt zu werden , und nie mit einem zudringlichen Blick die Dame auch nur streifte . Ganz ihrer Aufgabe hingegeben , bedurfte sie anscheinend zu keiner Zeit des Ausruhens , und nie zeigte sie das Bedürfnis , sich zu erquicken , oder auch einmal in anderer Luft aufzuatmen ... Sie schien nur außergewöhnlich empfindlich für jedes auch noch so leise Geräusch , das sich in der tiefen , behüteten Stille der Erdgeschoßwohnung bemerklich machte . Dann war es , als konzentriere sich die ganze Seele des Mädchens im Ohr , so gespannt regungslos und aufhorchend verharrte sie für Augenblicke ... Sie hemmte manchmal plötzlich wie festgewurzelt inmitten des großen Salons ihre Schritte – mit zurückgehaltenem Atem , den Oberkörper vorgebogen , und die unheimlich glimmenden Augen auf die Wand geheftet , an der sich die Ruhebank mit den grünseidenen Polstern hinzog , stand das sonst so beherrschte , herb verschlossene Mädchen da , wie eine gierig lauernde Katze , die das verborgene Nagen einer Maus hört und sich anschickt , auf das ahnungslose Opfer loszustürzen , sobald die trennende Schranke durchwühlt ist ... Lucile , die das Mädchen einmal in dieser Stellung überrascht hatte , behauptete , das sei offenkundige Verrücktheit , und ging ihr aus dem Wege , wo sie konnte ... Die kleine Frau kam überhaupt jetzt seltener in die Erdgeschoßwohnung – es ärgerte sie , daß man immer noch so » viel Wesens « mache ; dem Jungen täte kein Finger mehr weh , und doch würde immer noch so unausstehlich geschlichen und geflüstert ; und wenn sie » dem armen halbverhungerten Kerl « ein paar unschuldige Näschereien zustecke , da zanke man auf sie hinein , als habe sie ihn vergiften wollen . Von dem , was zwischen Donna Mercedes und dem Hausherrn vorgefallen , ahnte sie nichts . Sie fand es ganz begreiflich , daß er sich nunmehr wieder in das Atelier zurückgezogen und in sein Werk vertieft habe , um die Versäumnis der letzten Wochen auszugleichen , und es verdroß sie nur , daß er für nichts anderes mehr Augen und Ohren hatte . Er stehe wie festgenagelt vor seiner Staffelei , sagte sie , und der Blick , den er ihr seitwärts zuwerfe , wenn sie sich einmal