Halbdunkel befremdete mich , und längere Zeit dauerte es , bis ich mich erinnerte , wo ich mich befand . Anton saß neben meinem Lager auf einem Bündel Heidekraut , und vor ihm im Halbkreise standen und lagen auf der Erde die Lebensmittel , welche der brave Mensch aus allen Richtungen für mich zusammengeschleppt hatte . » Schon da , alter Freund ? « fragte ich , mich aufrichtend und ihm zum Gruß die Hand reichend . » Der junge Herr nennt mich seinen Freund , « erwiderte Anton herzlich lachend , » bis jetzt hatte ich außer Jakob keinen Freund ; ja , ich bin schon lange hier , länger als eine Stunde . « » So lange schon , und Du hast mich nicht geweckt ? « » Der junge Herr schlief so schön ; es geht nichts über den Schlaf ; wenn ich schlafe , weiß ich nicht , daß ich ein armer , verachteter Krüppel bin . « » Du hast Recht , Anton , im Schlaf vergißt man Kummer und Trauer . Aber dennoch hättest Du mich wecken sollen , indem Du weißt , wie ungeduldig ich auf Nachricht von der Oberförsterei harre . « » Mein Bruder ist heimgekommen und hat mich geschlagen . « » Heimgekommen ? « fragte ich überrascht . » Ja , er war zornig , es hat aber nicht wehe gethan ; es war gut , denn ich bin fortgelaufen und brauche in den nächsten Tagen nicht zurückzukehren . Dem Jakob thun sie nichts zu Leide , er muß das Haus bewachen . Ich bleibe bei dem jungen Herrn und kann ihm erzählen Tag und Nacht , Alles , was ich weiß . « » Johanna , Anton , sage mir vor allen Dingen , wie geht es Fräulein Johanna , Du weißt , die junge Dame auf der Oberförsterei ? « » Ich weiß , junger Herr , das arme , arme Fräulein ist krank , sehr trank , und die Leute sagen – « » Was sagen die Leute ? « rief ich aus , indem ich , erfüllt von namenlosem Entsetzen , Anton heftig am Arm ergriff . » Lieber junger Herr , « antwortete der Krüppel , mit dem Aermel seiner Jacke über seine Augen hinfahrend , » die Leute sagen , das arme liebe Fräulein muß sterben , und es ist wahr , ich sehe das arme Fräulein oft und dann betet es immer . « » Sterben ? « fragte ich wieder , denn in meiner Todesangst klammerte ich mich verzweiflungsvoll an die Hoffnung an , falsch gehört zu haben oder daß Anton nicht genau zu unterscheiden verstanden habe ; » und Du sagst , Du hast sie gesehen ? Wie ist es möglich , daß Du zu Johanna gelangst , wenn sie auf dem Sterbebett liegt ! ? « » Das Fräulein liegt nicht , es sitzt , und zu ihm gelange ich auch nicht ; aber ich liebe das Fräulein , weil es stets gut gegen den armen Anton gewesen ist , und des Abends gehe ich häufig hinüber , um es zu betrachten . Die Hunde kennen den armen Anton , sie thun ihm nichts , wenn er durch den Garten an des Fräuleins Fenster schleicht und in das Gemach hineinschaut . Ich sehe dann , wie sie auf einem großen Stuhl dasitzt und betet , ich sehe , wie ein schwarzgekleideter Mann , ein Kaplan , mit ihr betet und so fromme Worte zu ihr spricht , daß ich darüber weinen muß . Der Kaplan ist ein frommer Mann , er will auch meinen Bruder bekehren , denn ich habe Beide mehrfach gesehen , wenn sie im Walde spazieren gingen und viel mit einander sprachen . Aber es wird ihm nicht helfen , der Andres ist noch nicht besser geworden , er flucht und schlägt mich jetzt noch mehr , als er früher gethan hat . « » Ein Kaplan bei Johanna ? « stieß ich , von den schwärzesten Befürchtungen ergriffen , mit schmerzlichem Erstaunen aus , denn ich wußte ja , daß Johanna Protestantin war . » Ein Kaplan mit langen Strümpfen und schwarzem Rock , « bekräftigte Anton , » auch sah ich , daß er mitten auf dem Kopf seine Haare abgeschnitten hat . « » Aber um Gotteswillen , Anton , was sagt denn der Oberstlieutenant dazu . « » Der Herr Oberstlieutenant sagt nichts , denn er kommt so spät nicht oft zu dem Fräulein , und wenn er kommt , ist der Kaplan nicht da . Dann küßt er das Fräulein , und das Fräulein sagt , er solle auf dem Wege der Sünde umkehren , und er wendet sich ab und geht wieder hinaus . « » Und was sagt die Frau Oberstlieutenant ! ? « » Ach , die alte , freundliche Frau betet immer mit und liest dem armen Fräulein schöne Litaneien vor , und das Fräulein spricht dieselben nach . « Ich hatte jetzt genug gehört . Entsetzt legte ich die Hände an meine Stirne , um mich zu überzeugen , daß ich noch unter den Lebenden weile , noch meinen ungeschwächten Verstand besitze . Ein furchtbares Geheimniß schien in Anton ' s Berichten verborgen zu sein . Seine Worte , obwohl ich sie ihm einzeln entlocken mußte , ließen eine Täuschung nicht zu ; der arme Mensch war zu einfältig , zu wenig begabt , um dergleichen zu ersinnen und , bei seiner Freundschaft für mich , zu krassen Unwahrheiten seine Zuflucht zu nehmen . Verzweiflungsvoll warf ich mich auf mein Lager zurück , in meinem Kopfe wirbelte Alles wild durch einander , wie damals im Gefängniß , als ich von der schrecklichen Krankheit heimgesucht wurde . Und dennoch , was war jene Krankheit im Vergleich mit meinem jetzigen Zustande ? Gefoltert von namenloser Seelenqual wand ich mich stöhnend auf meinem Lager , daß selbst Anton dadurch von Angst und Schrecken ergriffen wurde . » Mein lieber