“ , begann er und seine Stimme klang ein wenig heiser , seine Hände zitterten kaum merklich , „ jetzt sind wir allein — jetzt , bitte ich , sagen Sie mir die Wahrheit . Ich habe Sie in Gegenwart meiner Frau nicht danach gefragt , denn ich möchte der Guten den Kummer so lange als möglich ersparen ; ich aber will und muß es wissen , denn die Zukunft meines Sohnes ist davon abhängig . Nicht wahr , Herr Professor , Sie haben keine Hoffnung für meine Augen ? “ Hilsborn schwieg , seine zarte Seele schauderte davor , dem alten Manne das Messer in das Herz zu stoßen . Unschlüssig wechselte er einen raschen Blick mit Johannes , den der Lehrer jedoch bemerkte . „ O meine lieben Herren , den Blick sah ich , wenn ich auch halb blind bin , er sagte mir so viel , als Ihr Schweigen . Ich habe mir längst keine Hoffnung mehr gemacht . Schon bei meiner Augenentzündung vor einem Jahre glaubte ich , die Katastrophe würde ein ­ treten , die Ihre Sorgfalt mir noch so lange fern hielt . Die Hauptfrage ist nur die : kann ich operiert werden ? “ Hilsborn zögerte wieder . Es widerstrebte seinem Ehrgefühl , den würdigen Mann zu belügen und mit einer falschen Hoffnung hinzuhalten , deren Enttäuschung dann um so bitterer sein mußte , und doch — wer , der ein Herz hat , kann einem Menschen so furchtbare Wahrheiten in das ängstlich fragende Antlitz sagen ? „ Ich vermag Ihnen darauf jetzt noch nicht mit Ge ­ wißheit zu antworten “ , brachte er endlich mühsam hervor . Der geduldige Mann faltete bittend die Hände und seine glanzlosen Augen bestrebten sich , in Hilsborns Zügen zu lesen . „ Glauben Sie nur nicht , bester Herr Professor , daß es ein gutes Werk wäre , mich zu täuschen . Sehen Sie , wenn ich weiß , daß ich unheilbar bin , dann kann ich sogleich tun , was mir später viel schwerer fallen würde , nämlich : meinen Sohn von der Universität nehmen und ihn zu meinem Stellvertreter ausbilden . Sie werden begreifen , daß ich ihm nichts mehr geben kann , die akademische Lauf ­ bahn fortzusetzen , wenn ich dienstunfähig werde , und daß es am besten ist , den jungen Mann so früh als möglich die Vernichtung seiner Hoffnungen wissen zu lassen , damit er sich darauf vorbereitet , vom Hör ­ saal in die Schulstube herabzusteigen . Ich weiß , wie hart das ist , denn auch mir hatte sich eine schöne wissenschaftliche Laufbahn erschlossen , aus der mich der zu frühe Tod meines Vaters riß . Und sehen Sie , hat mein Sohn diesen Schlag überwunden — dann gibt es nichts mehr , was ich fürchte ! “ Seine Stimme zitterte , indem er das schwere Wort aussprach , er fühlte es und schwieg , weil er seine Bewegung nicht zeigen wollte . Johannes und Hilsborn standen ratlos vor ihm . Sie konnten dem unglücklichen Vater den Trost nicht geben , daß er keines Stellvertreters bedürfe — sie wußten nur zu gut , wie notwendig die Maßregel sei , die der gewissenhafte Vater ergreifen wollte . Und Hilsborn sagte endlich mit der ihm eigenen Schonung und Milde : „ Wenn Sie für den schlimmsten Fall sich einen Stellvertreter sichern wollen , so ist es allerdings schon deshalb besser , es bald zu tun , weil Sie , auch bei einer möglichen Operation , längere Zeit dienst ­ unfähig werden könnten und ich überdies nicht für den Erfolg derselben einstehen kann ! “ „ Ich danke Ihnen , werter Herr — Sie haben gesprochen als ein Ehrenmann und ich weiß nun ge ­ nug “ , sagte der Lehrer und trocknete sich mit dem buntgedruckten groben Kattuntuch die tränenden Augen . „ Hab ’ ich Ihnen nicht gesagt “ — schalt Hils ­ born , „ Sie sollen sich hiezu nur feiner Battisttücher bedienen ? “ „ Ach ja “ , sagte der bleiche , kummervolle Mann , sich zum Lächeln zwingend , „ aber wo soll Unsereiner so etwas herbekommen ? “ „ Nun , Euer Schloßfräulein soll es Euch geben ! “ meinte Hilsborn . „ Das würde sie gewiß gerne tun — aber ich konnte mich nicht entschließen , eine so unbescheidene Bitte zu wagen , denn seit sie mit den übrigen Dorf ­ bewohnern überworfen , hat sie auch uns gemieden , und ich fürchte , sie hat etwas von dem Groll über die schmähliche Behandlung , die sie erfuhr , auf uns übertragen . “ „ Nun , dann werde ich für Sie bitten “ , rief Johannes : „ Ich gehe auf das Schloß zurück — in wenig Augenblicken bringe ich das Gewünschte . “ Indem er sprach , trat die Schulmeisterin mit einer Flasche Wein und der Suppe ein . Ihr gutes altes Gesicht strahlte vor Freude , den verehrten Gästen etwas vorsetzen zu dürfen . Der Lehrer nahm rasch die Hände der beiden Herren und flüsterte , während sie mit Tellern und Gläsern klapperte : „ Nicht wahr , meine Herren , Sie versprechen mir , Niemanden etwas von meinem bevorstehenden Unglück mitzuteilen , da ­ mit es kein Zufall meiner armen Frau verrate und so die wenigen frohen Tage , die ihrer noch warten , gekürzt würden . “ „ Wir versprechen es Ihnen “ , sagten die Her ­ ren ernst . „ Darf ich vielleicht den Herren Professoren mit etwas aufwarten ? “ fragte Brigitte mit dem ihr eigenen biederen und ein wenig altväterischen Zeremoniel , denn es geht mit den Höflichkeitsformen auf dem Lande wie mit den Kleidermoden . Eine städtische Tracht erreicht erst das Dorf , wenn sie in der Stadt schon lange einer andern gewichen ist — und eine Form der Artigkeit erst , wenn sie in der Stadt längst als nicht mehr „ bon genre “ verworfen wurde . Und doch haben