Nacht der Vollmond am Himmel stand , glaubte ich immer wieder Laponders schlafendes Gesicht auf der grauen Leinwand des Bettes liegen zu sehen . In den nächsten Tagen , nachdem er weggeführt worden war , hatte ich ein Hämmern und Zimmern aus dem Hinrichtungshof heraufdröhnen hören , das manchmal bis zum Morgengrauen dauerte . Ich erriet , was es bedeutete , und hielt mir stundenlang die Ohren zu vor Verzweiflung . Monat um Monat verfloß . Ich sah , wie der Sommer zerrann , am Krankwerden des kümmerlichen Laubs im Hof ; roch es an dem pelzigen Hauch , der aus den Mauern drang . Wenn mein Blick bei den Rundgängen auf den sterbenden Baum fiel und das eingewachsene Glasbild der Heiligen in seiner Rinde , zog ich unwillkürlich jedesmal den Vergleich , wie tief sich auch Laponders Gesicht in mich eingegraben hatte . Beständig trug ich es in mir herum , dieses Buddhagesicht mit der faltenlosen Haut und dem seltsamen , immerwährenden Lächeln . Ein einziges Mal noch - im September - hatte mich der Untersuchungsrichter holen lassen und mißtrauisch gefragt , wie ich es begründen könne , daß ich bei dem Bankschalter gesagt , ich müsse dringend verreisen , und warum ich in den Stunden vor meiner Verhaftung so unruhig gewesen wäre und meine sämtlichen Edelsteine zu mir gesteckt hätte . Auf meine Antwort , ich sei mit der Absicht umgegangen , mir das Leben zu nehmen , hatte es wieder hinter dem Schreibtisch höhnisch gemeckert . - Bis dahin war ich allein in meiner Zelle gewesen und konnte meinen Gedanken , meiner Trauer um Charousek , der , wie ich fühlte , längst tot sein mußte , und Laponder und meiner Sehnsucht nach Mirjam nachhängen . Dann kamen wieder neue Gefangene : diebische Kommis mit verlebten Gesichtern , dickwanstige Bankkassierer , - » Waisenkinder « , wie der schwarze Vóssatka sie genannt haben würde , - und verpesteten mir die Luft und die Stimmung . Eines Tages gab einer von ihnen voll Entrüstung zum besten , daß vor geraumer Zeit ein Lustmord in der Stadt geschehen sei . Zum Glück hätte man den Täter sogleich erwischt und kurzen Prozeß mit ihm gemacht . » Laponder hat er geheißen , der Schuft , der gottserbärmliche « , schrie ein Kerl mit einer Raubtierschnauze , der wegen Kindsmißhandlung zu - 14 Tagen Gefängnis verurteilt worden war , dazwischen . » Auf frischer Tat habn ' s ' n g ' faßt . Die Lampen is umg ' fallen bei dem Krawall und ' s Zimmer is ausbrennt . Die Leich ' von dem Mädel is dabei so verkohlt , daß mer bis zum heutigen Tage noch nöt hat rausbringen können , wer sie eigentlich war . Schwarze Haar hat ' s g ' habt und a schmal ' s G ' sicht , dös is alls , was mer weiß . Und der Laponder hat net ums Verrecken rausg ' rückt mit ihrem Namen . - Wann ' s nach mir gangen wär , i hätt ihm d ' Haut ab ' zogen und Pfeffer drauf g ' streut . - Dös san halt die feinen Herren ! Mörder san ' s , alle z ' samm . - - - - Als ob ' s net anderne Mittel g ' nua gebet , wann aner a Mädel los sein wüll « , setzte er mit zynischem Lächeln hinzu . Die Wut kochte in mir , und am liebsten hätte ich den Halunken zu Boden geschlagen . Nacht für Nacht schnarchte er in dem Bett , auf dem Laponder gelegen . Ich atmete auf , als er endlich freigelassen wurde . Aber selbst da war ich ihn noch nicht los : seine Rede hatte sich wie ein Pfeil mit Widerhaken in mich eingebohrt . Fast beständig , hauptsächlich in der Dunkelheit , nagte jetzt in mir der grausige Verdacht , Mirjam könnte das Opfer Laponders gewesen sein . Je mehr ich dagegen ankämpfte , desto tiefer verstrickte ich mich in dem Gedanken , bis er beinahe zur fixen Idee wurde . Manchmal , besonders wenn der Mond grell durchs Gitter schien , wurde es besser : ich konnte mir die Stunden , die ich mit Laponder verlebt , dann lebendig machen , und das tiefe Gefühl für ihn verscheuchte mir die Qual , - aber nur zu oft kamen die gräßlichen Minuten wieder , wo ich Mirjam ermordet und verkohlt im Geiste vor mir sah und glaubte , vor Angst den Verstand verlieren zu müssen . Die schwachen Anhaltspunkte , die ich für meinen Verdacht hatte , verdichteten sich in solchen Zeiten zu einem geschlossenen Ganzen , - zu einem Gemälde voll unbeschreiblich entsetzenerregender Einzelheiten . Anfangs November gegen 10 Uhr abends , es war bereits stockfinster und die Verzweiflung in mir hatte einen derartigen Höhepunkt erreicht , daß ich mich , um nicht laut aufzuschreien , in meinen Strohsack verbiß wie ein verdurstendes Tier , öffnete plötzlich der Gefangenwärter die Zelle und forderte mich auf , mit ihm zum Untersuchungsrichter zu kommen . Ich fühlte mich so schwach , daß ich mehr taumelte als ging . Die Hoffnung , jemals dieses schreckliche Haus verlassen zu dürfen , war längst in mir gestorben . Ich machte mich darauf gefaßt , wieder eine kalte Frage gestellt zu bekommen , das stereotype Gemecker hinter dem Schreibtisch zu hören und dann zurück in die Finsternis zu müssen . Der Herr Baron Leisetreter war bereits nach Hause gegangen und nur ein alter , buckliger Schreiber mit Spinnenfingern stand im Zimmer . Dumpf wartete ich , was mit mir geschehen würde . Es fiel mir auf , daß der Gefangenwärter mit hereingekommen war und mir gutmütig zublinzelte , aber ich war viel zu niedergeschlagen , als daß ich mir über die Bedeutung alles dessen hätte klarwerden können . » Die Untersuchung hat ergeben « , fing der Schreiber an , meckerte , stieg auf einen Sessel und kramte erst lange auf dem Bücherbord nach