Nach vieler Mühe war es mir gelungen , Caspar zu überreden , daß er sich ein bißchen niederlege , auch hatte er mir versprochen , mittags bei uns zu essen ; das war mehr als ich erwarten durfte , ich ging also beruhigter meinen Geschäften nach , war um halb eins wie gewöhnlich zu Hause , wir warteten einige Zeit , aber wer nicht kommt , ist Caspar . Ich vermutete , er sei eingeschlafen , denn daß er die Nacht über nicht ein Auge geschlossen , hatte ich ihm angesehen , und ohne böse Gedanken ging ich um zwei Uhr wieder ins Gymnasium mit dem Vorsatz , beim Nachhauseweg in der Hirschelgasse nachzuschauen . Das tat ich auch , es war halb fünf und dämmerte schon stark , als ich am Tucherhaus war , aber wie wurde mir , als mir der Pförtner mitteilte , Caspar habe schon um zwölf Uhr das Haus verlassen und angegeben , er gehe zu mir . Ich war wie vor den Kopf geschlagen ; neben aller Verantwortlichkeit durfte ich auch die begründetste Sorge für den armen Menschen hegen ; ich lief in meine Wohnung , da hatte sich kein Caspar blicken lassen , ich schickte die Schwester zum Bürgermeister , die alte Mutter sogar machte sich auf die Beine um bei einigen Bekannten nachzufragen ; währenddessen beriet ich mit dem Kandidaten Regulein , und als meine Schwester Anna binnen kurzem zurückkam und wir gleich an ihrem Gesicht merkten , daß sie nichts erfahren hatte , schien es geboten , ohne Verzug die Polizei zu unterrichten , die ja im Fall eines Unglücks mitschuldig war , da man die Bewachung in letzter Zeit auffallend vernachlässigt hatte . Ich gab hastig noch ein paar Anweisungen und war eben im Fortgehen begriffen , als sich die Tür auftat und Caspar auf die Schwelle trat . Aber war er es wirklich ? Wir glaubten sein Gespenst zu sehen . Ich mache mich keiner Übertreibung schuldig , wenn ich versichere daß wir alle den Tränen nahe waren . Ohne sich umzusehen und ohne zu grüßen , schritt er mit sonderbarer Langsamkeit durch die Stube bis zum Tisch , nahm auf dem Holzsessel Platz , stützte das Kinn in die Hand und schaute mit unverwandtem Blick regungslos ins Licht der Lampe . Wir waren alle drei wie verzaubert , und meine Schwester sowie der Kandidat gestanden mir später , daß ihnen ganz fröstlich zumute gewesen sei . Mittlerweile war auch meine Mutter zurück gekehrt ; sie war die erste , die an den Tisch trat und Caspar fragte , wo er gesteckt habe . Er gab keine Antwort . Meine Schwester Anna glaubte ihn besser zum Reden bringen zu können , sie nahm ihm den Hut vom Kopf , strich mit der Hand über seine Haare und suchte ihn mit leiser Stimme seinem Brüten zu entreißen . Ganz vergeblich ; er schaute immer nur ins Licht , immer ins Licht , die geöffnete Hand an der Wange , das Kinn über dem Daumen . Ich sah mir ihn jetzt genauer an , indem ich mich unauffällig näherte , jedoch sein Antlitz verriet nichts als einen unbeweglichen , gar nicht einmal schmerzlichen sondern starren , fast stupiden Ernst . Meine Mutter fuhr fort , in ihn zu dringen , er solle doch sagen , wo er herkomme und wo er gewesen sei . Da sah er uns alle der Reihe nach an , schüttelte den Kopf und faltete bittend die Hände . Wir beredeten uns nun , daß Caspar in unserm Hause bleiben und da übernachten solle ; wir hatten , um das Aufsehen wegen Caspars Verschwinden gleich wieder zu ersticken , die Magd zum Bürger meister geschickt , auch zu den andern Leuten , die wir schon inkommodiert hatten , und meine Mutter ging in die Küche , um fürs Abendessen zu sorgen , da erschien der Tuchersche Diener , erkundigte sich , ob Caspar bei uns sei , und als wir dies bejahten , sagte er , er solle gleich nach Hause , der Polizeileutnant Hickel aus Ansbach wäre da und Caspar müsse noch am Abend mit ihm abfahren . Eine solche Botschaft kam mir nicht weiter unerwartet , nur daß die Sache gar so eilig sein sollte , versetzte mich einigermaßen in Wallung , und ich war unüberlegt genug , dem Menschen eine scharfe Antwort zu geben ; wenn ich mich recht erinnere , so sagte ich , der Herr Polizeileutnant möge sich doch gedulden , es sei ja nicht ein Sack Kartoffeln zu expedieren , den man holterdiepolter auflade . Meine Erregung muß jedem verständlich erscheinen , der das Vorhergegangene in gerechte Erwägung zieht , es kamen mir aber doch Bedenken an , ich ärgerte mich nachher über meine Unbesonnenheit und veranlaßte den Kandidaten Regulein , daß er ins Tuchersche Haus gehe , um mit dem Herrn aus Ansbach zu sprechen und ihn tunlichst aufzuklären . Das wäre soweit ganz gut gewesen , nur passierte dabei die Fatalität , daß der Kandidat , der etwas redseliger Natur ist und der froh war , den Fremden mit irgend etwas unterhalten zu können , dem Herrn Polizeileutnant die Geschichte von dem Verschwinden Caspars brühwarm hinterbrachte , woraus sich denn später der peinlichste Auftritt ergab . Es war schon sieben , als das Essen auf den Tisch gesetzt wurde , der Kandidat war noch nicht zurück , wir nahmen alle Platz und waren nun wieder einmal , wie in früheren Zeiten , mit Caspar ganz unter uns . Aber wie anders waren die Zeiten , wie anders Caspar ! Ich mußte mir den Menschen beständig ansehen , wie er mit niedergeschlagenen Augen dasaß und lustlos in der Grütze löffelte . Seine Blicke waren jetzt unruhig , und bisweilen überlief ein Schauder seine Haut . Lange konnte ich mich solchen Betrachtungen nicht überlassen , denn gegen viertel acht wurde mit sonderbarer Heftigkeit an der Hausglocke gerissen , Anna lief hinunter , um zu öffnen , und alsbald erschien ein Offizier