von so verschiedenen Lebensinteressen und Lebensauffassungen verschwägern ? - nein , das wollte er nicht . Cajetane war ein liebes Ding und , wie es schien , etwas verbrannt in ihn , daher auch das momentane Bewundern seiner Taten und Schriften ; wie bald aber würde , wenn die erste Schwärmerei abgekühlt , wieder das alte Naturell zum Vorschein kommen , und wie würde sie dann versuchen , geradeso wie es Beatrix getan , ihn von seinen » Extravaganzen « abzubringen und in den Schoß des alleinseligmachenden Aristokratismus zurückzuführen . Und er selber : der Kampf , den er aufgenommen , füllte seine Seele vollständig aus . Füllte sie mit Sorgen , Ärger , Sehnsucht , Hoffen , - kurz , mit einer großen Leidenschaft . Daneben war nicht Platz für Herzens- oder gar Heiratsangelegenheiten . Höchstens - er war ja doch ein junger Mann - später einmal für kleine galante Zerstreuungen ; aber auch daran dachte er gegenwärtig nicht . Er schlenderte über den Ring dahin . Der Abend war schon hereingebrochen . In den Auslagfenstern funkelten die Gas- und elektrischen Flammen . Kunsthandlung , Blumenhandlung , Fahrradhandlung , Schmuckhandlung - eine neben der anderen zeigte ihre Reichtümer und ihre Lebensgenußlockungen . Vor einem erzherzoglichen Palais , dessen erste Etage in Licht strahlte , hielt eine Reihe von Equipagen - offenbar ein großes Diner ... Aus dem Grand Hotel , an dem er jetzt vorüberging , drang eine Musikwoge - nun ja , zur Table d ' hote spielte ein Orchester - ; ein junges Paar in Reisekostüm kam eben unter dem Tor hervor und schritt - von Portier und Hoteldirektor begleitet , zu einem mit eleganten Koffern und Taschen bepackten Wagen : » Zum Orientexpreß - Kutscher - schnell - « Hier freilich sah die Welt aus , wie die beste aller Welten , hier hatte man nach Reformen kein Verlangen ... Mit plötzlichem Entschluß winkte Rudolf einem Fiaker . Er wollte ein ganz verschiedenes Stück des hauptstädtischen Lebens anschauen - lernen , beobachten , Erfahrung und Anfeuerung suchen zu seiner Aufgabe . » Wohin , Euer Gnaden ? « fragte der Kutscher . » Weit in die Vorstadt hinaus - irgend eine Vorstadt , nahe bei der Linie - zu irgend einem Gasthaus - « » Was für ein Gasthaus ? « » Wo es gerade Volkssänger , oder lieber noch : wo es eben eine Versammlung gibt oder ähnliches ... « » Ich versteh ' , Euer Gnaden , zufällig is in Margarethen draußen , beim Goldenen Apfel , heut Siegesfeier oder so was politisches . Is das recht ? « » Ganz recht - fahren wir zum Goldenen Apfel . « Nach einer Viertelstunde hielt der Wagen vor dem Wirtshaus , ein unansehnliches , nur stockhohes Gebäude . Der Kutscher öffnete den Schlag : » Hier sein mer , Euer Gnaden - da ist der Eingang . « Er zeigte auf eine Tür im beleuchteten Erdgeschoß . » Gut . Warten Sie da . « Es war ein mit Bierdunst und Zigarrenrauch gefüllter Raum , den Rudolf jetzt betrat , ein länglicher , niedriger Saal . Ungefähr zwanzig besetzte kleine Tische und im Hintergrund eine lange Tafel , um die dichtgedrängt etwa dreißig Männer saßen . Nur einer davon stand mit hochgehobenem Glase : » In diesem Sinne - « also der Schluß eines Toastes , und die Tafelrunde brachte ein sogenanntes » donnerndes Hoch « aus . In der Nähe dieses Ehrentisches war an einem kleinen Tischchen noch ein Platz frei . Hier ließ sich Rudolf nieder und bestellte ein » Krügel « Bier . Erstaunte Blicke - von Gästen und Kellnern - streiften ihn , denn seine Erscheinung paßte wenig zu der gewohnten Kundschaft des Lokals . Diese bestand - nicht aus Arbeitern , sondern aus allerlei Gewerbtreibenden und » Hausherren « vom Grund : Pfaidler , Selcher , Fleischer - behäbige Kleinbürger , sich selber ungeheuer wichtig dünkende Wähler . Es war richtig so wie der Fiaker es gesagt : eine politische Siegesfeier . Der Kandidat der anwesenden Stimmenabgeber war gegen einen » liberalen « Gegenkandidaten mit großer Majorität durchgedrungen . Jetzt war der kleine Mann gerettet und die Korruption überwunden und der Glaube der Väter befestigt und was die Konsequenzen eines solchen Wahlsieges mehr sind . Alles dies hörte Rudolf aus den einzelnen Sätzen heraus , die aus der allgemeinen Unterhaltung zu ihm herüberdrangen . Das ganze untermengt mit boshaftgemeinen Brocken und Schmähausrufen , wie : » Na , wir wollen ' s ihnen zeigen « , » Blutaussaugerpack « , » Mir sein mir und lassen uns nix g ' fallen « , » Außa mit die tiafen Tön « . An Rudolfs Tischchen saßen zwei junge Männer von widerlichem Aussehen ; der eine fahl und mager , der andere feist und blaurot im Gesicht ; gekleidet schienen sie in » von Herrschaften abgelegte « Anzüge , mit verknitterten Hemden und lose gebundenen schmutzigen Kravatten . Die beiden unterhielten sich miteinander , aber nicht über Politik , sondern über verschiedene Malis und Resis und Mizzis , deren Feschigkeit und » harbe Reize « sie einander rühmten . Sie gehörten aber auch zu der Gesellschaft der Ehrentafel , denn als der vorige Toast beendet war , hatten sie mit ihren Krügeln hinübergewunken » Prosit , Spezi « . Ein großer Ekel schnürte Rudolfs Kehle zu . Das also sind die Stoffe , aus denen die Landesgesetzgebung gebraut wird - Leute von solchem Bildungsgrad , tief unter Null - von solcher Gesinnungsroheit ... die gehören zum Räderwerk der Maschine , die eines großen Reiches Geschicke webt ! Zu diesem moralischen Ekel gesellte sich der physische . Die Burschen pafften an Virginia-Stummeln und spukten alle Augenblicke auf den Fußboden ; wenn sie ihre Biergläser zu den Lippen führten , sah man wie ungewaschen ihre Hände und wie niemals geputzt ihre abgebissenen Nägel waren . - Glückliche Zustände , menschenwürdiges Dasein für alle ? - Jawohl , das ist das Ziel , dazu gehört