später hörte . Rechts , wo ich lag , stand in einer breiten Nische ein thronähnlicher Sessel . Vor ihm lag ein Teppich ausgebreitet , mit persischen Sitzkissen nach rechts und links . Ich schloß daraus , daß ich mich nicht in einem Wohnraume befand . In der Folge erfuhr ich , daß der Ustad hier die Aeltesten des Stammes zu empfangen und mit ihnen zu beraten pflege . Es war ein kaum genug zu schätzender Vorzug für uns , daß er grad dieses Gelaß für uns bestimmt hatte . Ich sah an den Wänden Sprüche stehen ; aber ich las sie nicht . Selbstdenken konnte ich ; aber geschriebene Zeichen in Gedanken zu verwandeln , das brachte ich nicht fertig . Bettstellen gab es natürlich nicht , doch waren unsere Lager von der größten , hier zu Lande ganz ungewohnten Reinlichkeit . Man hatte weiche Kissen hoch aufeinander gerichtet , so breit , daß mehrere Personen hätten nebeneinander liegen können , und die hellen , saubern Kamelhaardecken waren so fein und leicht , als ob sie aus Seide gewebt worden seien . Halef lag still , ganz bewegungslos . Sein Gesicht war außerordentlich eingefallen ; es glich dem einer Leiche . Seltsamerweise machte mich das nicht im geringsten bange . War das Vertrauen ? Oder war es die Gleichgültigkeit , welche man bei Kranken oft zu beobachten pflegt ? Unweit der Thür saß Schakara mitten im Pflanzengrün . Weiß war ihr Gewand . Sie hatte den Schleier nach hinten geschlagen . Ihr dunkles Haar hing in langen , schweren Flechten herab . Die schlanken Finger glitten über die Saiten der Sandurah74 . Darf man ein menschliches Wesen mit einem Gedicht vergleichen ? Man sagt ja , daß der Mensch das herrlichste Gedicht der ganzen Schöpfung sei . Wenn nicht das herrlichste , aber gewiß eines der frömmsten sah ich hier ! Hätte wohl ein europäischer Arzt erlaubt , in der Nähe so schwerkranker Personen Musik zu machen ? Wahrscheinlich nicht ! Es kommt ja wohl auch auf die Art des Instrumentes an . Der Harfenton ist der am wenigsten künstliche . Er bietet Klänge der Natur , wohllautend für das Menschenohr gestimmt . Dieser Wohllaut ist auch für kranke Nerven angenehm . Man darf einer Kurdin nicht zumuten , Künstlerin zu sein . Schakara griff nur die vorgestimmten Akkorde ; sie wußte nichts von einer chromatischen Veränderung der Töne ; aber grad durch diese diatonische Einfachheit war jede Mitthätigkeit des Ohres ausgeschlossen ; es empfing die Töne ebenso leicht und selbstverständlich , wie die Brust die Luftwellen , von denen sie herbeigetragen wurden , atmete . Daher kam es , daß diese Klänge die Seele unmittelbar berührten ; sie schienen zur Atmosphäre dieses Hauses zu gehören und einen die Lebenskräfte hebenden , wohlthuenden Einfluß auszuüben . Ich fühlte diesen Einfluß . Es war , als ob es in mir Etwas gebe , was den Harfentönen verwandt sei , was lange , lange geschwiegen habe und nun endlich , endlich einmal mit erklingen dürfe . Darum berührte es mich fast wie eine Entsagung , wie ein Verlust , als Schakara aufhörte und die Harfe auf die Seite lehnte . » Bitte , spiel weiter ! « bat ich sie . Ich hatte diese Worte ganz unwillkürlich , fast ohne Willen ausgesprochen . Nun überkam mich eine Art von Verwunderung darüber , daß ich wieder sprechen konnte . Die Kurdin kam schnell zu mir herüber , ließ sich an meiner Seite nieder und sagte : » Suhker Chodeh ! 75 Ich höre deine Stimme ! Siehst du mich , und verstehst du , was ich sage ? « » Ja , « antwortete ich . » Du befindest dich im hohen Hause des Ustad . Er wünscht , daß ich euch pflege . Erlaubst du es mir ? « » Ja . « » Hast du einen Befehl für mich ? « » Nein , nie ! « » Warum nicht ? « » Für dich nur Bitte , nie Befehl . « Da ergriff sie meine Hand , sah mir mit einem langen , frohen Blick ins Angesicht und sagte dann : » Du bist noch ganz so voller Güte , wie du damals warst . Sag , Effendi , welcher Wohlgeruch ist dir der liebste ? « » Benefsesch76 . « Da küßte sie mir die Hand , stand auf und eilte aus der Stube . Warum hatte sie mich nach meinem Lieblingsdufte gefragt ? Der Grund sollte mir leider nur zu bald zur Erkenntnis kommen . Er war mir nicht fremd , aber meine Gedanken waren jetzt zu schwach , ihn augenblicklich zu erraten . Da drüben bei Halef hatte man eine Menge in Erdkästen gepflanzte Rosen aufgestellt ; bei mir hier gab es keine Blumen , doch fragte ich mich nicht , woher das kommen möge . Mich fror ganz plötzlich , durch und durch und so intensiv , als ob ich ganz in Schnee und Eis begraben sei . Es war ein von starkem Fieber begleiteter Schüttelfrost , der mich an die Petechien erinnerte , welche ich unterwegs auf meiner Brust bemerkt hatte . Ich sah nach , die Flecke hatten sich jetzt über den ganzen Oberleib verbreitet ; auch auf den Armen bemerkte ich sie . Diese Entdeckung ließ mir den Kopf heiß erglühen , während der Körper vor Kälte bebte . Da sah ich den Peder hereintreten und leisen Schrittes zunächst hin zu Halef gehen . Er trug natürlich die Fakirlumpen nicht mehr , sondern war ganz weiß in weite , kurdische Hosen und ein bis auf die Kniee reichendes Obergewand gekleidet , welches an der Taille von einer blauen Schärpe zusammengehalten wurde . Da steckten anstatt der Messer und Pistolen einige schön erblühte , purpurglühende Schirasrosen . Sein langes , seidengrau glänzendes Haar war von vorn nach hinten zurückgekämmt und hing bis über die Schultern herab . Sein heut vom gestrigen Schmutze freies , Ehrfurcht erweckendes Angesicht wurde von jenem Hauche innerer Jugend