über ihr Befinden zu der Vermutung Anlaß , als sei etwa ein körperliches Leiden die Last , an der sie schleppe . Adrienne und Severina hatten ihr alle Pflichten der über Haus und Hof wachenden Herrin abgenommen , ohne daß Fanny es bemerkt zu haben schien . Ihren Bauern erteilte sie keine Audienzen mehr , Vorgänge in den Familien der Dorfbewohner , selbst die leidvollsten , erweckten ihr keine Teilnahme . Wie und womit sie eigentlich ihre Zeit ausfüllte , wußte niemand zu sagen , Fanny selbst am wenigsten . Lanzenau , der in der That ernstlich kränkelte , trug sich mit schweren Sorgen . Wie sollte das enden ? Und was sollte eines Tages aus Fanny werden , wenn er davonginge ? Er erwartete irgend eine Katastrophe vom Tage der Hochzeit , und so sehr er sie anfangs gefürchtet , so sehr riet er endlich dazu , die Rückkehr des Kapitäns von Herebrecht nicht abzuwarten . Er wußte Adriennens Widerstreben zu beschwichtigen , denn diese hatte Joachim das Versprechen abgenommen , mit der Heirat zu warten , bis Arnold heimkäme , was Ende Mai geschehen sollte . Sie selbst sah ein , daß jede Entscheidung wohlthätiger für Fanny sein werde , als dies stumme Erstarren in undurchdringlicher Gedankenverlorenheit . So wurde das Fest denn auf die Mitte des April festgesetzt . Man sprach in Fannys Gegenwart erst zaghaft und dann , als sie kein Anteilszeichen gab , lebhafter davon , in welcher Art die Hochzeit stattzufinden habe . Zuletzt hatte Lanzenau den Mut , Fanny geradeaus zu fragen , ob sie wünsche , daß Adrienne , die Pastorsleute und vielleicht er selbst mit der Braut nach Joachims Wohnsitz reisen , um daselbst die Trauung vorzunehmen . » Nein , « sagte Fanny mit ihrer so müde gewordenen Stimme , aber mit unbewegtem Gesicht , » nein . Ich will , daß die Trauung hier in der Kirche sei und daß dann ein Mahl im Pastorenhause statthabe . « Von da an schien wieder etwas Leben in Fannys Brust zu kommen . Sie wies Severinas schüchterne , dankbare Liebkosungen nicht mehr herbe zurück , sondern sah ihr manchmal mit einem sonderbaren Ausdruck des Mitleids ins Gesicht . Sie zeigte auch dem alten Freunde eine erhöhte Teilnahme , die mit einer schmerzlichen Zärtlichkeit gemischt war , wie man vor einem nahen Abschied sie noch zeigt . So kam der Tag heran , an dem Fanny und Joachim sich wiedersehen mußten . Joachim traf erst am Abend zuvor ein , nahm das ihm bereitete Quartier im Pfarrhause und zeigte eine fröhliche , vollkommen unbefangene Bräutigamsmiene . Jedermann war zu taktvoll , ihm von Fanny zu reden , und weil er nicht nach ihr fragte , so schien es , als existire sie gar nicht für diesen Kreis von Menschen , die ihr ohne Ausnahme so viel verdankten . Severina hatte wohl den Mut gehabt , in Briefen an der Sache zu rühren , darüber zu sprechen , hier in Fannys Nähe fehlte ihr die Unbefangenheit , denn ihr Herz war von einer verzehrenden Unruhe erfüllt , daß Fannys Anblick genüge , Joachims Herz abermals in Zwiespalt zu bringen . » Wenn er erst mein Gatte ist , « gelobte sie sich mit der finsteren Entschlossenheit ihrer eifersüchtigen Natur , » werde ich über ihn wachen . « Wie eine Erlösung kam ihr denn auch die Botschaft von Fanny , daß diese » wegen eines Unwohlseins « nicht an der Vorfeier im Pfarrhause teilnehmen könne , auch aus dem gleichen Grund auf das morgige Festmahl verzichten müsse und nur bei der Trauung zugegen sein könne . Bei der Trauung - dann war Joachim schon ihr Gatte , dann hatte schon der Schullehrer von Mittelbach in seiner Eigenschaft als Standesbeamter sie zusammengegeben . Während im Pfarrhause alles von fröhlicher Unruhe war , saß Fanny allein in ihrem Zimmer am Fenster . Ihre Jungfer hatte gefragt , was für ein Kleid sie bereiten solle . Dasselbe , antwortete ihr Fanny , was sie in der Taißburg an ihrem Geburtstag getragen . Das Mädchen wagte keine Einwendungen , wenngleich es ihr unbegreiflich war , wie die Herrin bei der einfachen Trauung in der Dorfkirche eine so prächtige Ballkleidung tragen mochte . Fanny lächelte , als das Mädchen gegangen war . Sie fühlte ganz klar , daß es kindisch und kleinlich war , ihn durch ihr Gewand an jenen Tag erinnern zu wollen , da er ihr gesagt : Fanny , wie habe ich Dich lieb . Sie fühlte sich aber so erniedrigt , daß ihr Geist mit krankhaftem Bemühen hundert verschiedene Pläne ausbrütete , wie sie ihm für alle Zeiten sein Leben vergällen könne . Und in diesem monatelangen Grübeln war endlich immer wieder die Vorstellung in ihr erstanden , daß ihr Tod , in den sie seinetwegen gegangen , ihm als Vorwurf auf der Seele lasten werde , so lange er atme . Endlich war in ihrem kranken Gemüt diese Vorstellung zur fixen Idee geworden . Ihre Gedanken waren davon gesättigt und beruhigt . Sie wartete auf seinen Hochzeitstag wie auf den Tag der Befreiung . Nun saß sie hier und harrte der Stunde . Adrienne und Lanzenau waren auf ihren Wunsch im Pfarrhause . Sie wollte allein in die Kirche gehen . Die Morgenstunden schlichen entsetzlich langsam . Fanny dachte plötzlich an jenen ersten Abend , an welchem Joachim unter ihr in die Nacht hinaussang und sie oben lauschte . » Die Flammen werden Asche , Das ist das End ' vom Lied , Das End vom alten Liede , Mir fällt kein neues ein , Als Schweigen und Vergessen - Und wann vergäß ' ich dein ? « Mit peinvoller Deutlichkeit erinnerte Fanny sich an seine Stimme , deren Klang sie lange in ihrem Gedächtnis vergebens gesucht . Jetzt , mit den Worten des Liedes , das er damals gesungen , ward der Nachhall in ihrem Ohr lebendig , so lebendig , als stände Joachim vor ihr und spräche zu ihr mit seiner