Welt . Hätte er besser zu lauschen verstanden , so wären ihm diese zwei Glocken wie Engelstimmen erklungen , wie zwei Genien der Menschenseele , aufsteigend über dem Qualm und Schmutz der Gesellschaft : Barmherzigkeit und Gerechtigkeit . Er war an Peels Standbild angelangt ; da ward ' s ihm zu viel . London scheint mit einer so lächerlichen Geschmacklosigkeit und cynischen Verachtung des Aeußern gebaut , daß diese Unförmlichkeit abstoßend wirken müßte , wäre sie nicht so imposant . Die Dinge sind hier durcheinandergewürfelt und aufeinandergethürmt . Die Stadt gleicht jenen riesenhaften Ruinen der Vorzeit , Ninive , Babylon , Luxor , bei denen man jetzt eine thurmhohe Sphinx , einen Fels in Portraitform , hängende Gärten und Riesenmauern langweilig und zusammenhangslos durcheinandergeschüttelt und -gepurzelt sieht . Newgatestreet endet in einem Winkelmarkt und plötzlich öffnet sich gradaus die großartigste Handelsstraße der Welt , Cheapside , diese ewige Beresinabrücke . Und rechter Hand an ein paar elenden kleinen Häusern ist eine Art Durchbruch gelegt . Dort stehn drei knallgrüne Bäume ; über sie und die Dächer weg hängt schläfrig die Riesenkuppel von St. Pauls - so daß man unwillkürlich fürchtet : Wenn dieser Dom mal über Cheapside zusammenschlüge ! Als wäre die Peterskirche vor eine halb abgetragene Lehmmauer placirt , an der ein paar Maurer herumfaullenzen . Aber was kümmert das London , ob der Fremde den Dom in guter Aussicht sehen möchte ! Für das Schöne hat man hier keine Zeit . Rother spielte nicht mehr mit . Er wagte die schüchterne Frage an einen Policeman ( da man ihm wie gewöhnlich die Lüge eingeprägt hatte , daß jeder auf eine Anfrage antwortende Londoner ein Spitzbube sei ) , wo Tavistock Tavern liege . Lächelnd berichtigte ihn der Mann , da sei er hübsch vom Wege abgekommen , miethete ihm ein Cab - und fortrasselte der erschöpfte Wandrer . Wie geistesabwesend starrte er in das sich stauende Wagengewühl , welches London Bridge nach dem Westend zurückwarf . Ein eigenthümliches Grauen befiel ihn . Er wollte sich gleich mit eins an die englische Küche gewöhnen . So aß er denn nach der Mok Turtle Suppe zu viel Beef und dann zu viel Fisch und stürzte zwei Krüge des bittern Ale herunter . Das konnte sein vergrämter Magen nicht vertragen , und als er die Treppe zu seiner Stube emporstieg , mußte er ein Rührstück von Kotzebue aufführen . Nun war für heute sein Entschluß , Krastinik aufzusuchen zerstört . Man redet viel von Willenskraft , doch die hängt ab vom Magensaft . Es giebt Augenblicke , wo die widerlichen kleinen Fatalitäten des täglichen Lebens für den Geist unerträglich werden . Rother erwachte mit einem Gefühl wahnsinnigen Hasses - gegen wen und warum ? Er wußte es kaum . Er empfand ein Gefühl des Erstickens , als ob sich kalte Hände um seinen Hals krampften , und zugleich quoll ihm eine irrsinnige Wuth bis zum Munde , als wolle er bersten vor verzweifelter Wuth . Könnte man doch das ewig Unsichtbare , den unsichtbaren Würger , mit beiden Fäusten packen und es schütteln und würgen und ihm ins grausame Gesicht schreien : Warum würgst Du mich langsam und pressest mir den Athem aus ? Er ermannte sich jedoch wirklich und fuhr nach Scotland Yard , der Central-Polizeistation , wo man ihm nach endlosem Radebrechen und Nachforschen richtig die Adresse Krastiniks angab . Allein für heute wagte er noch nicht , die Angelegenheit zu unternehmen . Er irrte den Tag über in der Stadt umher , lunchte im South Kensington Museum , wo ein biedrer Schweizer sein gutes Deutsch benutzte , um ihm beim » joint of beaf « den doppelten Preis unter einer geschmackvollen Ausrede abzufordern , und nahm in der City sein abendliches Dinner ein . Das Salmon-Steak und die Cotellets frisch vom Roste her hoben seine Lebensgeister endlich wieder und so schwamm er denn durch die hellerleuchteten Straßen langsam weiter , indem er sich behaglich von den Wogen des Menschenmeeres umherschlendern ließ . Unkundig des Weges , verirrte er sich in Gegenden , wo er keinen Policeman traf . Alles öde , öde . Ein freundlicher Mann brachte ihn auf den Weg , fing aber unterwegs an , von seiner versetzten Uhr zu reden , die nebenan im Pfandhause liege ; er selbst müsse sofort nach Victoria Station , weil seine Mutter irgendwo auf den Tod läge . Ob Rother ihm nicht 2 Sovereigns vorschießen wolle . Dieser war eine einfache Natur , aber keineswegs thöricht . So erwiderte er denn : » My dear , that ' s the regular old trick ! « und schritt eilig auf einen an der Straßenecke auftauchenden Policeman zu , dessen Nähe den Uhr-Verpfänder zu panischem Rückzug bewog . Nachdem er am Themse-Durchbruch der Strand-Straße dem Lyceum Theater gegenüber auf die Stromseite hinausgelangt , bummelte er wieder nordwärts nach Holborn hinauf . Es war naßkalt , Bier- und Fischgeruch duftete aus den abgelegenen Tavernen . Als Rother in einem Austernladen eine ganze Flasche Port ( fast 8 Gläser ) hinuntergespült , sah er Alles in Portwein-rosigem Lichte . Durfte es ihn daher Wunder nehmen , daß er am Morgen beim Aufstehen das Portemounnaie in seiner Hose vermißte , nebst einem Theil seiner Baarschaft ! Träumte ihm oder hatte eine Priesterin der Venus Vulgivaga sich nicht lebhaft nach seinen » Träumen « erkundigt und unter zärtlichem » Darling ! Chérie ! « ihn eine halbe Stunde lang begleitet bis vor seine Hausthür ? Er glaubte die Börse vielleicht in einem Omnibus verloren zu haben und suchte daher einige Omnibus-Endpunkte auf , um nach dem » ehrlichen Finder « zu forschen . Die würdigen Kondukteure und Kutscher rauchten jedoch dem Hülflosen nur seine Cigarren auf , um welche sie ihn zartfühlend anbettelten , weil » die Gentlemen aus Hamburg so guten Tabak hätten « und lachten ihn hinterher aus . Als Einer sich sogar zu » practical jokes « verstieg und ihm auf den Rücken klopfte , daß ihm alle Gebeine schlotterten , empfahl