so bescheiden in ihren Bedürfnissen , in ihrer Kleidung . Wie das alles zusammen die Schönheit ihrer Erscheinung erhöht ! Wäre sie Schauspielerin geworden , raten Sie einmal , welche Meisterrollen die Pole ihres Wesens bezeichnen würden ! Nichtwahr , da reiben Sie verlegen Ihre pessimistische Denkerstirn , mein geheimer königlicher Separatdichter ? Ich will Ihnen darauf helfen : der Shakespearische Puck und die Ibsen ' sche Nora . Verschmelzen Sie Puck und Nora - die Nora des letzten Aktes , den lichten Sommernachtstraum mit der düsteren Winternachtstragödie - - - Nein , nein , auch das würde nicht ausreichen , die geheimnisvolle Art meines Originals erschöpfend darzustellen . Die Menschennatur hat Mischungszauber , hinter die noch kein Poet gekommen ist . Wie wunderbar ist auch diese Wirklichkeit : ich alter architektonischer Nußknacker träume hier in Pompeji , der schönsten und heitersten Ruinenstadt die einst in der Venus ihre Patronin verehrte , von unsern bajuwarischen Isar-Auen ; ich höre den Heimatstrom durch die Stille der Ruinen rauschen und vor meinem süditalischen Sonnenblick , in welchem die Farben und Linien des glücklichen Kampaniens als das herrlichste Landschaftsgemälde der Erde schwimmen , gleitet plötzlich deutscher Mondschein und deutsches Sternenlicht sanft durch die Wipfel unserer hochragenden , im Nachtwinde flüsternden Isar-Buchenwälder und wecken die nordischen Märchen auf , die im grünen Blätterdunkel schliefen , und die Elfen schlingen ihren luftigen Reigen , allen voran Puck , der allerliebste , allerschönste Puck ... Pompeji ! Pompeji ! Ich wollte schon längst diesen endlosen , konfusen Brief schließen , aber im Zimmer nebenan schreibt Puck , ich wollte sagen : Fräulein Flora Kuglmeier , gleichfalls unverdrossen drauf los , ich glaube , an einer Art Reisetagebuch - und sie sagte , ich solle nur ruhig weiter schmieren , bis sie fertig sei und mir klopfe . Da muß ich doch wohl gehorchen . Übrigens regnet ' s heute in Strömen . Von Freunden und Bekannten , überhaupt von ihrer Vergangenheit spricht sie nicht gern . Man muß schon sehr viel und gut zu fragen und das Unausgesprochene aus ihren Antworten heraus zu horchen verstehen . Sie denkt von ihrem toten Vater , einem ehemals sehr geschätzten Hofmusiker und Mitglied der königlichen Kapelle , besser und inniger , als von ihrer lebendigen Mutter . Ihr Bruder schlage leider ihrer Mutter nach . Dieses » Leider « muß man sprechen hören und - sehen . Geistig und körperlich ungewöhnlich . Besonders die Linie von der Nase zum Kinn ist von großer , charakteristischer Schönheit . Der zarte geschmeidige , jedoch gestählte Leib , elastisch , von der Biegsamkeit einer Toledaner Klinge , atmet die gesammelte Kraft , den herben Duft der Keuschheit . Frisch betauter Luzerner Klee . Für eine achtundzwanzigjährige Münchnerin - so alt taxiere ich sie - etwas Phänomenales : bei höchstem , natürlichem Wissen noch nicht voll erschlossene Sinnlichkeit , imponierende keusche Ruhe und Ausgeglichenheit den heikelsten Problemen gegenüber . Wichtiger Umstand : sie ist Protestantin , also ohne mystische Aufpeitschung der sexuellen Neugier durch frühzeitige Beichtstuhlerfahrungen u.s.w. ( Ich unterdrücke hier eine Parenthese . ) Aber was geht das Sie an ? Gar nichts geht Sie ' s an , mein verehrter Doktor Trostberg . Sie haben nicht das geringste Verständnis für solche verwickelte Reize . Ein geschworener Pessimist . Es ist ja lächerlich - - Ja , und wenn sie lacht , wozu sie sich freilich selten genug entschließt , erscheinen zwei wonnevolle Grübchen auf ihren Wangen und die kleinen , rosigen Ohren scheinen sich leise zu bewegen . Sie braucht auch gar nicht zu lachen . Seh ' ich sie an , lacht mir das Herz im Leibe . Und das genügt , nicht wahr ? Als Paar betrachtet , ich meine , wenn wir so nebeneinander dahinschreiten , in Pompeji , zwischen Ruinen - sind wir freilich hinlänglich komisch . Sie hat mich neulich selbst darauf aufmerksam gemacht . Wir standen auf dem Forum , blitzblauer Himmel , glühende Nachmittagssonnenkugel über dem Meer , auf dem die Reflexe wie kleine Flämmchen hüpften : unser Schatten lag wie eine ausgebreitete Haut dunkelbraunblau auf den weißen , sonnigflimmernden Steinplatten , ich ein riesenlanger Kerl mit einem Kopf in Haar und Bart wie ein Büschel Wirrstroh , sie daneben kaum bis an meine Schulter reichend , wenn sie sich auf die Zehenspitzen ihres Miniaturfüßchens stellt - ja , es war himmlisch komisch . Ich spürte in diesem Augenblick meinen klassischen Schulsack auf dem Rücken und kramte in Gedanken nach einem geistreichen mythologischen Vergleich . Wir haben ja so absurd niederträchtige Gewohnheiten von der blödsinnigen humanistischen Erziehung her . Und in Pompeji , wo man die Probe auf jeden lateinisch-griechischen Unsinn , den wir daheim aus den Büchern gesogen , glaubt machen zu können . Sie hingegen , vielwissende und doch unverbildete , klare Natur , deutete auf mein groteskes Schattenbild und sprach : Wotan , der Wanderer . Wie das in pompejanischer Luft klang ! Wotan , der Wanderer ! An sich selbst dachte sie gar nicht . Sie sah nur mich . Ich mußte an den Spruch eines griechischen Alten denken ; ich glaube , es war Aristoteles , der gesagt hat : » Ein kleines Weibchen ist ein Paradoxon der Natur . « Die alten Klassiker haben auch klassische Dummheiten gesagt ; das ist vermutlich eine . Ein Paradoxon der Natur ! Und eine lange Hopfenstange von Weib , was wär ' denn die ? Ein Weib , das man förmlich mit einer Leiter erklettern müßte , um im Kopfe doch nur ein leeres Nest zu finden ? Der Aristoteles , wenn ' s der Aristoteles war , was ich in diesem Augenblick ja nicht feststellen kann , war in diesem Punkt ein Esel . Nun sollten Sie einmal die Archäologin in dieser kleinen , genialen Person kennen lernen ! Nichts Muffiges , Schulzwängliches und Schulbängliches , Altjüngferlich-Pedantisches und nach eitler Unfehlbarkeit Mißduftendes , wie wir ' s mit sehr wenigen Ausnahmen bei unseren fachgelehrten Altertumskrämern finden . Nein , nein