Diese Gelegenheit benutzte ich , noch ein und andere Brocken aufzuschnappen , und sah öfter schmerzlich durch die verschlossenen Gitter in den reichen Garten der reiferen Jugendbildung , erst jetzt recht fühlend , was ich verloren . Doch lernte ich durch meine Freunde manches Buch und manchen Anknüpfungspunkt kennen , von wo aus ich weitertappte am dürftigen Faden , und das Gefundene verschmelzend mit dem phantastischen Wesen meiner Abgeschiedenheit , gefiel ich mir in einer komischen , höchst unschuldigen Gelehrsamkeit , welche meine Beschäftigungen seltsam bereicherte und vermehrte . Ich schrieb am frühen stillen Morgen oder in später Nacht hochtrabende Aufsätze , begeisterte Schilderungen und Ausrufungen und war besonders eitel auf tiefsinnige Aphorismen , die ich , mit Zeichnungen und Schnörkeleien vermischt , in Tagebüchern anbrachte . So glich meine Zelle dem Küchenwinkel eines Alchimisten , auf dessen Herd ein ringendes Leben gebraut wurde . Das Anmutige und Gesunde und das Verzerrte und Sonderbare , Maß und Willkür brodelten durcheinander und mischten sich oder schieden sich in Lichtblicken aus . Und ungeachtet meines äußerlich stillen Lebens trat doch manche frühe Trübung hinzu , welche mich sorgenvoll oder leidenschaftlich bewegte . Ich hatte um die Zeit einen feurigen und lebhaften Freund , welcher meine Neigungen stärker teilte als alle anderen Bekannten , viel mit mir zeichnete und poetisch schwärmte und , da er noch die Schulen besuchte , reichlichen Stoff von da in meine Kammer brachte . Zugleich war er lebenslustig und trieb sich ebensooft mit flotten Leuten in Wirtshäusern herum , von deren Herrlichkeiten und energischen Gelagen er mir dann erzählte . Ich blieb meistens wehmütig zu Hause , da mich meine Mutter in dieser Beziehung äußerst knapp hielt und keine Notwendigkeit einer geringsten Ausgabe solcher Art einsah . Darum schaute ich dem froh sich Herumtummelnden nach wie ein gefangener Vogel einem in der Höhe fliegenden und träumte von der Freiheit einer glänzenden Zukunft , wo ich eine Zierde der Zechgelage zu werden mir vornahm . Inzwischen aber mißbilligte ich , wie der Fuchs , dem die Trauben zu sauer sind , öfter die Wildheit meines Freundes und suchte ihn mehr an meine stille Wohnung zu fesseln . Dies verursachte manche Mißstimmung zwischen uns , und ich freute mich endlich innerlich seiner Abreise in die Ferne , welche zu einem feurigen Briefwechsel die willkommene Gelegenheit gab . Wir erhoben nun unser Verhältnis zu einer idealen Freundschaft , nicht getrübt von dem persönlichen Zusammensein , und boten in regelmäßigen Briefen die ganze Beredsamkeit jugendlicher Begeisterung auf . Nicht ohne Selbstzufriedenheit suchte ich meine Episteln so schön und schwungreich als immer möglich zu schreiben , und es kostete mich Übung , meine unerfahrene Philosophie einigermaßen in Form und Zusammenhang zu bringen . Leichter wurde es , einen Teil der Briefe in ein Gewand ausschweifender Phantasie zu hüllen und mit dem meinem Jean Paul nachgemachten Humor zu verbrämen ; allein wie sehr ich mich auch erhitzte und allen meinen Eifer aufbot , so übertrafen die Antworten des Freundes dieses alles jedesmal sowohl an reiferen und gediegenen Gedanken als an wirklichem Witze , der beschämend das Schreiende und Unruhige meiner Ergüsse hervorhob . Ich bewunderte meinen Freund , war stolz auf ihn und nahm mich , doppelt zusammen , indem ich mich an seinen Briefen bildete , würdige und ebenbürtige Sendungen aufzubringen . Doch je mehr ich mich erhob , um so höher und unerreichbarer wich er zurück , wie ein glänzendes Luftbild , welches ich fruchtlos zu ergreifen strebte . Dazu trugen seine Gedanken die abwechselndsten Farben gleich dem ewigen Meere , ebenso reizend launenhaft und überraschend und ebenso reich an Quellen , die aus der Tiefe , von Gebirgen herab und vom Himmel zugleich zu strömen schienen ; ich staunte den fernen Genossen an wie eine geheimnisvolle großartige Erscheinung , deren herrliche Entwicklung von Tag zu Tage Größeres versprach , und rüstete mich mit Bangen , an ihrer Seite ins Leben hinaus möglichst Schritt zu halten . Da fiel mir eines Tages Zimmermanns Buch über die Einsamkeit in die Hände , von welchem ich schon viel gehört und das ich deshalb nun mit doppelter Begierde las , bis ich auf die Stelle traf , welche anfängt : » Auf deiner Studierstube möchte ich dich festhalten , o Jüngling ! « , Jedes Wort ward mir bekannter , und endlich fand ich einen der ersten Briefe meines Freundes hier wortgetreu abgeschrieben . Bald darauf entdeckte ich einen andern Brief in Diderots unmaßgeblichen Gedanken über die Zeichnung , welche ich bei einem Antiquar erworben , und fand so die Quelle jener Schärfe und Klarheit , die mich so erregt hatten . Und wie lange säumende Ereignisse und Zufälle plötzlich haufenweise zutage treten , so trat nun rasch eine Entdeckung nach der anderen hervor und enthüllte eine seltsame Mystifikation . Ich fand Stellen aus Rousseau wie aus dem Werther , aus Sterne und Hippel sowohl wie aus Lessing , glänzende Gedichte aus Byron und Heine in briefliche Prosa umgewandelt , sogar Aussprüche tiefsinniger Philosophen , die , unverstanden , mich mit Achtung vor dem Freunde erfüllten . Mit solchen Sternen hatte ich ohnmächtig gerungen ; ich war wie vom Blitz getroffen , ich sah im Geiste meinen Freund über mich lachen und konnte mir seine Handlungsweise nur durch eigenen Unwert erklären . Doch fühlte ich mich schmerzlich beleidigt und schrieb nach einigem Schweigen einen anzüglichen Brief , mittelst dessen ich seine angemaßte geistige Herrschaft abzuwerfen , doch nicht unsere Freundschaft aufzuheben , vielmehr ihn zu treuer Wahrheit zurückzufahren gedachte . Allein mein verletzter Ehrgeiz ließ mich zu heftige und spitze Ausdrücke wählen ; mein Gegner hatte sich nicht über mich lustig machen , sondern nur mit wenig Mühe meinem Eifer die Waage halten wollen , wie er sich auch nachher , in ernsteren Dingen , immer mit solchen Mitteln zu helfen suchte , obgleich er die Talente zu wirklichem Streben in vollem Maße und daher auch Selbstgefühl besaß . So kam es , daß er , um seine Verlegenheit zu bedecken und ärgerlich über meine