Er würde es niemals vergeben , und dem Schuldlosen vielleicht weniger als mir , die er sich zu lieben gewöhnt hat . Alles das mag Selbsttäuschung sein ; auch die Scheu , das ätzende Gift in eine vertrauende Seele zu gießen . Kann eine sich selber kennen , deren ganzes Leben eine Lüge ist ? So sage ich denn einfach , ich habe nicht den Mut , die Wahrheit zu bekennen . Und dann : ich habe nicht mehr die Kraft , es zu tun . Sooft ich reden will , überfällt mich der Krampf , dessen Zeugin Sie vorhin waren . Wollte ich schreiben , die Hand würde mir erstarren . Es ist keine Krankheit ; es wird mich nicht töten ; ich werde alt dabei werden , oder - oder - « Sie deutete auf die Stirn mit einem Ausdruck , der mich schaudern machte . » Haben Sie Kinder ? « fragte ich nach einer langen Stille . Sie schüttelte den Kopf . » Gott ist gerecht , « sagte sie nach einer langen Pause . » Nein , er ist barmherzig . Ich würde keinem Kinde eine Mutter sein können . « » Und Ihr Gemahl ? « » Vermißt sie nicht , oder zeigt mir nicht , daß er sie vermißt . Er ist sehr , sehr schonend gegen mich - und noch immer so besonders , « setzte sie hinzu , indem zum erstenmal etwas , das einem Lächeln glich , über ihre Züge lief . » Du bist mein Kind , Dorothee , hat er mir mehr als einmal gesagt . Kein Arzt wünscht einem geliebten Weibe das Martyrium und die Sorgen der Mutterschaft . Er sieht der Qualen genug außer seinem Hause . « » Und haben Sie seine Liebe erwidern lernen ? « fragte ich nach einer neuen Stille . Sie sah mich einen Moment groß an , als ob sie über eine wahrhaftige Antwort nachdenke . Dann sprach sie : » Ich glaube , daß ich meine kindische Scheu überwunden und ihn liebgewonnen haben würde , wäre ich sein eigen geworden , damals , als ich keine Ursache hatte , ihn zu fürchten . Heute aber , wo ich sie habe - lieben ? - o nicht einmal wie einen Wohltäter , einen Bruder , einen Freund . Im Sklavendienst der Sünde erstirbt das Gemüt . « » Und auch diesen Mangel fühlt er nicht ? « » Nicht , daß ich es jemals gespürt hätte . Meine kühle Zurückhaltung paßt zu dem Traumbilde , das er sich von mir geschaffen hat . Ich glaube , daß meine ursprüngliche Natur ihm lästig geworden sein würde . Entweder , Fräulein von Reckenburg , ist die Liebe ein Rätsel mit vielen Auslegungen , oder dieser Mann ahnet nicht , was lieben ist . « Wir saßen nach diesen Worten eine Weile schweigend nebeneinander , dann fuhr sie in der Mitteilung fort , die meine Frage unterbrochen hatte . » Der Propst beredete mich , die Nacht in der Stadt in meinem alten Zimmer zu verbringen . Dort wollte er mir am Morgen den Knaben unter irgendeinem Vorwande zuführen . Er begleitete mich nur bis ans Stadttor , da ich in seiner Gesellschaft nicht gesehen und vielleicht erkannt werden sollte . Weder er noch ich ahnten ja das Schicksal , das dieses Haus betroffen hat . Ich sah Licht im unteren Zimmer und fand die Haustür unverschlossen . Ich hätte mich still hinaufschleichen mögen . Aber konnte ich unbemerkt bleiben ? So trat ich ein . Der alte Soldat schlief im Stuhle neben dem verhüllten Lager und erwachte nicht . Ich hob das Tuch und sah in das tote Antlitz des Mannes , den ich mehr als meinen eigenen Vater geliebt hatte . Ich stieg die Treppe hinan und beugte mich noch einmal über eine , die ich verehrt und die der Tod bereits erfaßt hat . Nun wollte ich mich ungesehen aus dem Hause entfernen , Ihnen meinen Anblick ersparen , heute und immerdar . Der Krampf überfiel mich . Vergeben Sie mir , Fräulein von Reckenburg . « Ich kann es nicht mit Worten aussprechen , wie dieser Ausdruck dumpfer Resignation mir durch die Seele schnitt . Was mußte das bewegliche Kind gekämpft haben , um so seiner Impulse Herr zu werden , und was gelitten ! Ich zog ihren Kopf an mein Herz , drückte ihre Hand und sprach : » Der Tote hat dich liebgehabt wie sein eigenes Kind - laß die bösen Erinnerungen zwischen uns gelöscht sein , Dorothee . « Ein Hauch , so rosig wie in ihrer glücklichsten Zeit , flog über das bis dahin schattenbleiche Gesicht . Sie beugte sich über meine Hände und warme Tränen rieselten auf sie herab . Die Wanduhr schlug eben Mitternacht . » O , Fräulein Hardine ! « rief sie , » wenn das Ihr Ernst ist - und Sie haben ja niemals ein Wort gegeben , das Sie nicht wahr gemacht - o so betätigen Sie es auch heute , diese Nacht vielleicht zum letzten Mal , daß wir im Leben beieinander sind . Ruhen Sie und lassen Sie mich wachen bei der teuren Frau , noch einmal sie pflegen wie sonst . Sie brauchen Kraft für den morgenden Tag , und ich , könnte ich in seiner Erwartung ruhen ? Gönnen Sie mir die Wohltat dieses Vertrauens , Fräulein Hardine ! « » Ja , wache bei meiner Mutter , Dorothee , « antwortete ich ohne Besinnen , » ich will in deinem Bette drüben schlafen . « Wie auf ein Zauberwort war sie plötzlich wieder die alte Dorl , küßte meine Hand , fragte nach der ärztlichen Vorschrift , richtete geschäftig alles für die Nachtpflege ein , zündete dann Licht an und leuchtete mir hinüber in ihre Mädchenstube . Unter der Tür stockte ihr Fuß ; sie sah den Raum sauber in Ordnung gehalten , unverändert , wie sie ihn verlassen hatte . Im Fenster breitete