Leonhard Hagebuchers ; aber er trug jetzt nicht mehr eine Kornähre in der Hand . » Krieg ! Krieg ! « rief er laut hinaus . » Krieg für alle , denn wir wollen ihn alle ! Die Täler sollen sich regen und die Höhen von Waffen leuchten , und wer die Schlacht überlebt , dem soll ' s erlaubt sein , sich zu wundern über den Sieg . « Er horchte , als ob jetzt der Klang von tausend Trompeten die Nacht durchbrechen müsse , und als es nun doch still blieb , dachte er von neuem an den alten wunderlichen Vater , und wie er denselben so sehr geärgert und in seinen einfachsten und natürlichsten Erwartungen getäuscht habe . Dadurch wurde er wieder schneller vorwärts getrieben , bis der Brunnen , aus welchem er vor einem Jahre als ein ganzer Narr und ein halber Verliebter trank , an der Landstraße vor ihm rauschte . Damals war er , wie wir wissen , längere Zeit niedergesessen , um sich über die neu hervorbrechenden Quellen der Hoffnung , des Lebensmutes zu freuen ; diesmal hielt er bloß einen flüchtigen Augenblick an , um wie in jener Sommernacht von dem klaren Strahl zu trinken . Als er sich aufrichtete , lächelte er doch wieder , trotz allem , was ihn bedrängte . Und so wandelte er für der und gab in Gedanken seinem armen Freunde , dem träumenden Schneider Felix Täubrich , genannt Täubrich-Pascha , von allen Empfindungen , Gefühlen , Worten und Handlungen des heutigen Tages Bericht , bis er den ersten Bumsdorfer Hahn krähen hörte . Damit versanken alle Gestalten , die außerhalb des Vaterhauses in seinem Gesichtskreis sich bewegten , selbst die der Frau Klaudine und des Herrn van der Mook . Die Familie trat zum erstenmal wieder ganz und gar in den Vordergrund , und naturgemäß mußte jeder Streit und Kampf für und um die eigene Existenz oder die anderer aufhören ; denn es lag ein Sterbender oder ein Toter in der Familie , und die Toten verstehen es , Stille zu gebieten . - Der Hahn krähte , aber er bedachte sich , und indem er nach der Uhr zu sehen schien , schloß er den Schnabel , ehe er seinen Weckruf vollständig hervortrompetet hatte . In den warmen Ställen regten sich die Kühe , und ein Gaul schien unter einem schweren Traum zu leiden und wurde von einem erbosten schlaftrunkenen , fluchenden Knechte zur Ruhe verwiesen . Mitternacht war kaum vorüber , als der Wanderer am Ende der Dorfgasse das einzige Licht des Dorfes , das Licht in der Kammer seiner Eltern , zu Gesicht bekam , und im heftigsten Laufe erreichte er das Haus . Der sonst so zierlich geglättete Kies in den Wegen des Gartens war von vielen Fußtritten zerstampft , ja sogar der Buchsbaum , welcher die Beete einfaßte , der Stolz des Alten , war an mehreren Stellen niedergetreten . Die Haustüre stand offen , und schwer fiel dieses deutlichste Zeichen , daß der Herr des Hauses nicht mehr über dem Seinigen wache , dem Sohne auf das Herz . Die Schlüssel lagen nicht mehr unter dem Kopfkissen des Steuerinspektors Hagebucher ; eine in Schmerz und Schrecken zitternde Hand hatte sie unter dem sorglichen , sorgenvollen , ängstlichen Haupte hervorgezogen - das mächtigste Königreich kann auf die gleiche Weise zerfallen oder in die Gewalt eines andern übergeben . Auf dem Flur stieß Leonhard auf einen feuchten Mantel und einen Mann drin , auf den Reichsvikar des Hauses Hagebucher , den Vetter Wassertreter , der soeben einen Erfrischungslauf durch den Garten und das Dorf gemacht hatte , jetzt den Afrikaner mit einem leisen » Wer da ? « empfing , ihn sodann in höchster Überraschung in die Arme schloß , um ihm das ewige , trostlose » Zu spät ! « zuzuflüstern . Wie die Frau Klaudine wußte auch er sich dieses plötzliche Erscheinen Leonhards nicht zu erklären ; aber noch war die Zeit für solche Erklärungen nicht gekommen . » Gegen neun Uhr ist er gestorben « , sagte er . » Herrgott , welch ein Trost , daß du da bist ! O Leonhard , ich , ich habe ihn auf dem Gewissen , und wenn er auch einen schönen Tod hatte , so verzeihe ich es mir doch mein Leben lang nicht , ihm dazu verholfen zu haben . Willst du dich erst fassen , mein Junge , oder soll ich dir meine Beichte auf der Stelle ablegen ? « » Was macht die Mutter ? Wo ist die Schwester ? « fragte Leonhard , die eigentümliche Selbstanschuldigung des Wegebauinspektors wenig beachtend . » Sie sind natürlich außer sich ! « rief der Vetter Wassertreter . » Aber auch sie wird deine Ankunft unmenschlich trösten . « Er öffnete dem Afrikaner die Tür der Wohnstube im untern Stockwerk des Hauses und führte ihn in dieses Gemach , worin vordem jener große Familienrat unter dem Vorsitz der Tante Schnödler gehalten wurde . » Ich will das Kind rufen . Die Alte sitzt natürlich neben dem Alten und will nicht davon weichen . Wärme dich , wenn du es kannst , und mache dem armen kleinen Mädchen das rechte Gesicht , sie hat es nötig . « Der Vetter zog leise die Tür hinter sich zu , und Leonhard stand in dem dunkeln Zimmer , in welchem noch ein letzter warmer Hauch des erkaltenden Ofens schwebte . Die Uhr , welche der Vater noch aufgezogen hatte , setzte ihren Weg durch die Zeit auch jetzt in ihrem Winkel fort ; der runde Tisch in der Mitte des Zimmers stand noch an seiner Stelle , und als der Sohn des Hauses an demselben einen Stützpunkt suchte , stieß er mit der Hand an die Schnupftabaksdose des Alten und erschrak sehr darüber . Der Raum war so voll von Gespenstern wie in der vergangenen Nacht die Stube des Leutnants Kind , und der Spuk von Nippenburg und Bumsdorf zupfte kaum weniger an den