er seine Stellung zu wahren wisse . » O mein Fräulein , wie seltsam führt uns das Schicksal wieder zusammen , und wie sehr habe ich demselben dafür zu danken ! « rief Hans ; das Fräulein aber legte den Finger auf den Mund und flüsterte : » Ich habe meinen Onkel Rudolf gesehen - habe ihn gesprochen - - - er hat mir von Ihnen erzählt . O mein armer , treuer , lieber Onkel Rudolf ! « Sie schwieg , aber Hans Unwirrsch sah eine Träne an ihren Wimpern ; er wagte es nicht mehr , sie anzureden , sondern folgte ihr stumm in das zweite Stockwerk des Hauses . Im Innersten seiner Seele sagte er : Gottlob ! Er mußte wohl Ursache dazu haben . » Hier ist Ihr Gemach « , sagte Franziska , eine Tür aufschließend . » Mögen Sie frohe und glückliche Stunden darin verleben ! Es ist mein herzlicher Wunsch und auch der meines Onkels Rudolf , welcher Sie sehr gern zu haben scheint . « » Wie danke ich Ihnen , wie dem Herrn Leutnant ! Und es ist alles so unverdient , was der Herr Leutnant an mir getan hat ! Es ist so traumhaft , wie er mein Geschick in die Hand genommen und mich in dieses Haus geführt hat . « » Er hat oft von Ihnen gesprochen seit jenem Abend , an welchem wir in jenem Wirtshaus zusammentrafen . Ich war damals sehr bekümmert , sehr unglücklich . O der gute Onkel Rudolf ! Auch mein armes Leben hat er geführt . Ach wenn Sie ihn ganz , ganz kennten , Herr Kandidat ! « » Ich hoffe , ihn nach seinem vollen Wert kennen-und schätzenzulernen ! « rief Hans . » Bei längerm Aufenthalt in diesem Hause - « Wie erschrocken legte Franziska wieder den Finger auf den Mund . » In diesem Hause dürfen Sie nicht zuviel von dem Onkel Rudolf reden ! « sagte sie . » Die Tante liebt ihn nicht . Es ist recht traurig . « » Ah ! « seufzte Hans Unwirrsch , und im nächsten Augenblicke hatte ihn des Leutnants Fränzchen allein in seinem neuen Aufenthaltsort gelassen ; er konnte sich ihn genauer betrachten und aus dem Fenster sehen , nachdem er die vier Wände und die Gerätschaften gemustert hatte . Die blautapezierten Wände , die vier Stühle , der Tisch , der Kleiderstock , das kleine Sofa und der kleine Kanonenofen hatten nichts Außergewöhnliches an sich : der Blick aus dem Fenster dagegen war nicht so leichthin abgetan . Jetzt sprang der Brunnen inmitten des Grasplatzes und spielte lustig im Sonnenschein mit einer glänzenden Messingkugel . Da war das zierliche Eisengitter , welches das geheimrätliche Besitztum von dem Spazierweg der großen Stadt schied . Es war etwas Wunderbares für Hans Unwirrsch , auf diesen Weg und sein Gewühl von Wagen , Reitern und Fußgängern hinabzublicken und vergeblich zu warten , daß der bunte Strom sich verlaufe . Und da war jenseits des Weges für Rosse , Wagen und Fußgänger der waldähnliche Park und die schnurgraden Alleen , in die man hineinsah wie in einen Guckkasten . Und wie mußte das alles sein , wenn erst die Bäume grün waren ! Wahrlich , diese Hoffnung auf dieses Grün konnte allein schon einigen Trost im Grau der Gegenwart gewähren . Der Hausknecht vom Grünen Baum brachte jetzt mit einem Gruß des Herrn Leutnants Götz die Reisetasche des Kandidaten und entriß denselben dadurch seinen Fensterbetrachtungen . An den Faktor zu Kohlenau mußte der zurückgelassenen Habseligkeiten wegen geschrieben werden ; aus dem Taschenexemplar des griechischen Neuen Testamentes , das Hans auf den Tisch legte , fiel die Karte , auf welcher fein in Stahl gestochen zu lesen war : Dr. Theophile Stein Hedwigstr . 25 , 2 Tr . Hans Unwirrsch hatte keine Zeit mehr zu träumen ; er mußte überlegen , so gut ihm das bei dem Durcheinander der Gestalten und Verhältnisse in seinem Innern möglich war . Moses Freudenstein und der Leutnant Götz , Moses Freudenstein und Franziska Götz , Franziska und die gnädige Frau , die gnädige Frau und Kleophea , der Geheime Rat , Jean in Grün und Gold - bellum omnium contra omnes , und Hans Unwirrsch , candidatus theologiae und Präzeptor , mittendazwischen ! Es war ein Zustand , in welchem der Mensch wohl berechtigt war , nach der Stirn zu greifen , wie jemand , der mit verbundenen Augen längere Zeit im Kreise gedreht wurde und der nach abgenommener Binde sich durchaus nicht fest auf den Füßen fühlt und noch weniger weiß , was er von seiner Umgebung denken soll . Auch Hans Unwirrsch fühlte das unabweisbare Bedürfnis , einige Federn seines Wesens schärfer anzuspannen und einige Schrauben desselben anzuziehen . Er las ein Kapitel des Neuen Testamentes und darauf eine Seite in einer Taschenausgabe des Epiktet . Nachher konnte er mit größerer Fassung dem stattlichen Jean unter die Augen treten , als dieser ihn zum Diner herniederentbot und die Bemerkung fallenließ , daß es anständig sei , mit weißen Handschuhen dabei zu erscheinen . Zum erstenmal aß Hans Salz und Brot mit seiner neuen Lebensgenossenschaft . Wieder hatte er viele Fragen nach seiner Präexistenz zu beantworten , und es zeigte sich , daß in seiner Präexistenz viele der Dinge , welche auf die Tafel kamen , noch nicht vorgekommen waren . Die gnädige Frau blieb auch jetzt eine Geborene von Lichtenhahn , der Geheime Rat blieb , was er war ; Kleophea lächelte und zuckte die Achseln , Aimé war sehr unaimable , und Fränzchen saß zuunterst am Tisch neben dem Kandidaten Hans Unwirrsch . Achtzehntes Kapitel Der neue Hauslehrer orientierte sich nun in dem Hause des Geheimen Rates Götz , so gut es angehen wollte . Den Leutnant bekam er richtig nicht wieder zu Gesicht , und so war er im Anfang vollständig auf sich allein angewiesen . Daß das Regiment des Hauses in den Händen der gnädigen Frau lag , mußte auch dem