unglückseligen Vorstellung zugrunde gegangen ! Es liegt eine unendlich bittere Ironie in diesem Spiel des Schicksals mit den Menschen . Von Tag zu Tag hatte sich bei dem Bankier der Gedanke , daß er bankerott , daß sein Name ehrlos sei , fester gesetzt . Da half kein vernünftiges Zureden , keine Aufforderung , sich zu fassen . Am liebsten möchte sich der arme Kranke in dem tiefsten Grund der Erde verbergen , wenn nicht auch da der Hungertod so schrecklich wäre . Wer kann die gräßlichen Fratzen und Gespenster verscheuchen , die aus allen Ecken und Winkeln hohnlachen ? Niemand ! Niemand ! Nun treibt die Angst , die Verzweiflung den Irrsinnigen auf . Er springt empor , er durchsucht das Gemach , das Haus ; Abfall aller Art , Lumpen , Papierschnitzel , zerbrochenes Glas , Bindfadenstückchen rafft er auf und trägt sie zusammen . Seine Taschen strotzen von den verschiedenartigsten Dingen ; er macht Schatzkammern , Vorratskammern daraus ; er hat einen Platz , wo er alles Gesammelte anhäuft , vor welchem er wacht wie der Drache vor dem verzauberten Schatze . Wagt es nicht , euch diesem Platze zu nähern ; der Kranke würde Riesenstärke in der Verteidigung desselben gewinnen ; er würde euch töten , wenn ihr die Hand danach ausstrecktet . Der berühmte Bankier Wienand will auch nicht mehr essen . Wie Verschwendung , leichtsinnigste Vergeudung des letzten Notpfennigs erscheint ihm alles , was zum Leben nötig ist . Harte Brotrinden und Wasser sind das einzige , was er annimmt , und auch nach diesen greift er nur zitternd und im höchsten Hunger und Durst . Was wäre aus der armen Helene geworden , wenn sie in Dunkelheit , Jammer und Elend nicht den Gedanken an den Schützling des Polizeischreibers Fiebiger , den Schüler des Sternsehers Ulex gehabt hätte ? Was wäre aus ihr geworden , wenn sie gewußt hätte , welche Pläne der Freiherr Leon von Poppen , gegenüber in dem großen altersschwarzen Hause , im Busen bewegte ? Was wäre aus ihr geworden , wenn sie endlich gewußt hätte , wie unendlich günstig das Schicksal in diesem Augenblick auf die Pläne und Wünsche des trefflichen jungen Barons , der leider noch lange nicht der letzte seiner Art war , herablächelte ? Ja , der Baron Leon von Poppen hatte Aussichten auf Erfolg seiner Pläne . Wünschen wir ihm alles Glück dazu ; denn was hilft ' s , wenn wir uns darüber ärgern oder gar grämen ? Laissez aller ! Einundzwanzigstes Kapitel Große Krisis in Nummer zwölf - höchst tragisches Kapitel . Der Polizeischreiber Fiebiger entdeckt etwas , was andere Leute längst wissen Der dichte Nebel eines dunkeln Vorwintermorgens lag schwer über der Stadt . Vor einer großen aufgeschlagenen Bibel saß der Sternseher Heinrich Ulex in seinem warmen Gemache und blickte ernst in die weißgraue Dämmerung , welche der neue Tag nicht hatte verscheuchen können . Es war ein Sonntagmorgen , und der Klang der Glocken , welche zur Kirche riefen , kam zum Ohr des gelehrten Greises bei der schweren feuchten Luft wie aus weitester Ferne . Man konnte fast nicht sagen , ob diese Tonwellen aus der Höhe nach der Tiefe oder aus der Tiefe nach der Höhe rollten . Geheimnisvoller als sonst sprachen die Glocken zu den Herzen der Menschen ; es war , als hätten sie mehr zu sagen und mehr zu verschweigen ; ihr Klingen gab viel zu bedenken ; die meisten Leute dachten jedoch nicht sehr viel dabei . Der Sternseher Heinrich Ulex gehörte aber nicht zu denjenigen , welche den Sonntagmorgen nur insoweit schätzen , als man an ihm ungestört einige Stunden länger schlafen kann . Er stand im Gegenteil an diesem Tage früher als gewöhnlich auf ; die ersten Stunden desselben waren dem tiefsten Nachdenken gewidmet ; er ließ sich höchst ungern darin stören und verriegelte und verrammelte seine Wohnung womöglich noch fester als zu anderer Zeit . Den wallenden Nebel schätzte er auch mehr als andere , weniger phantasiebegabte Menschen . Er konnte Bilder darin aufbauen , Gestalten darin hervorzaubern , er konnte ihn formen wie der Bildhauer den Ton , er konnte darauf zeichnen wie der Maler auf der grauen Leinwand . So saß er denn auch an diesem gegenwärtigen Sonntagmorgen , blätterte in dem weisheitvollen Buche , ließ die Poesie des sonnigen Orients im winterlichen Norden emporsteigen und verknüpfte die Sprüche und Erzählungen der jüdischen Seher und Propheten mit den Ereignissen , den Empfindungen , den Hoffnungen und Befürchtungen , den Freuden und Schmerzen des eigenen Daseins . Wie der Nebel über die Dächer rollte , wie er sich ballte und löste ! Jetzt war die weite schwarze Brandstätte ganz verdeckt und nur die nächste Nähe , in einen feuchten Schleier gehüllt , sichtbar ; - jetzt tauchten in der Ferne die Baugerüste , die sich bereits hier und da wieder inmitten der Trümmerhaufen erhoben , auf , und traurig dunkel schimmerte der Grund durch den schwankenden Dunst . Des Alten Seele war sehr häufig an diesem Morgen in der niedrigen Kammer des Meisters Johannes Tellering , dessen Tod man nunmehr täglich , stündlich erwartete . » Jetzt siehet man das Licht nicht , das in den Wolken helle leuchtet ; wenn aber der Wind weht , so wird ' s klar « , las er aus dem Buche Hiob . Wieder blickte er in den Nebel hinein und dachte an seinen Schüler , seinen jungen Wolf aus seinem Heimatswalde , und wieder schlug er ein Blatt um und las : » Die dicken Wolken scheiden sich , daß es hell werde , und durch den Nebel bricht das Licht . Er kehret die Wolken , wohin er will , daß sie schaffen alles , was er ihnen gebeut , auf dem Erdboden , es sei über ein Geschlecht oder über ein Land . « Lang schaute er wieder zu , wie der Dunst wogte und sich kurz vor seiner Verflüchtigung immer seltsamer gestaltete . Wieder las er : » Alle