Barnewitz ; ich habe schon im Vorübergehen ein paar Worte gegen Hortense fallen lassen ; ich sage Dir : sie wurde bleich wie die Wand . Der verdammte Hallunke ! Das war sehr unrecht und sehr unritterlich , mein Ritter von der traurigen Gestalt , sagte Oldenburg ; alte Weiber schwatzen , Männer handeln ; solche Scenen zwischen einem heulenden Weibe und einem polternden Ehemanne finde ich über alle Begriffe plebejisch und gemein , und das Bewußtsein , daß wir im Rechte , der andere im Unrechte ist , sollte uns doppelt mild , zartfühlend und nachsichtig machen . Im Unrecht sein , und es noch dazu eingestehen müssen , ist an sich schon Unglück genug . Ach Oldenburg , das ist Alles für mich zu hoch . Und dann , Du kennst die Weiber nicht , wenn Du glaubst , sie nehmen sich dergleichen so sehr zu Gemüth . Zum einen Ohr hinein , zum andern wieder heraus . Komm Oldenburg , und überzeuge Dich , ob Du Hortense ansehen kannst , daß ich ihr vor zehn Minuten gesagt habe , ich würde Cloten die Knochen im Leibe entzwei schlagen , wenn die verdammte Geschichte nicht sofort ein Ende nähme . Ja , ja , Du bist der wahre Othello ! Und ich in meiner gutmüthigen Dummheit versuche diesen brutalen Mohren zu einem civilisirten Europäer zu waschen ! Quelle bêtise ! Als Oswald die Stimmen der Redenden nicht mehr vernahm , und die Musik , die aus dem Saale herübertönte , zeigte , daß der Tanz wieder begonnen hatte , kam er aus seinem Versteck hervor . Er vermuthete , daß diese Flucht von Zimmern auf einem langen Corridor enden müsse , den er beim Hinaufgehen in den Speisesaal bemerkt hatte . Er hatte sich nicht getäuscht . Schon aus dem nächsten Zimmer führte eine Thür auf den Corridor . Aus demselben gelangte er auf den Hausflur und von dort , ohne irgend Aufsehen zu erregen , in den Empfangsaal und die Gesellschaftszimmer . Hier und da wurde noch gespielt , aber die meisten Herrschaften hatten sich nach dem Ballsaale begeben , wo demnächst der Cotillon getanzt werden sollte . Dahin begab sich denn auch Oswald . Sein Auge suchte und fand alsbald Emilie von Breesen . Er traute seinen Augen kaum , so ganz schien sie ihm verwandelt ; aus dem wilden Mädchen von heute Nachmittag war eine Jungfrau geworden . Sie erschien ihm größer und bedeutender ; ihr vorher rosiges Antlitz war jetzt bleich , aber ihre Augen leuchteten mit einem ganz ungewöhnlichen Feuer , und für die Scherze ihres Tänzers hatte sie kein Lächeln mehr . Sobald sie Oswald ansichtig wurde , zuckte ein Freudenblitz über ihr Gesicht . Eifrig wandte sie sich zu ihm , als er in ihre Nähe trat . Auf ein Wort , Herr Doctor ! - und dann im leisen Ton : Ich tanze den Cotillon mit Ihnen , ich weiß , Sie sind noch nicht engagirt ; ich habe den Grafen Grieben so zur Verzweiflung gebracht , daß er soeben mit seinen Eltern fortgefahren ist . Er vermuthet wahrscheinlich , das werde großen Eindruck auf mich machen , der Narr ! Entschuldigen Sie , Herr von Sylow , ich bin noch zu angegriffen . Tanzen Sie eine Extratour mit meiner Cousine . Sie schmachtet nach Ihnen . - Gott sei Dank , daß er fort ist ! - Oswald , liebst Du mich ? liebst Du mich wirklich ? Ich kann es kaum glauben . Mir schwindelt der Kopf ; ich möchte laut aufjauchzen vor Wonne . O , bitte , bitte , sieh ' mich nicht so an , ich muß - muß Dir sonst um den Hals fallen und Dich küssen , wie vorhin . Bist Du mir bös , Oswald ? Es war wohl recht schlecht von mir . Aber sieh , ich konnte nicht anders . Warum sprichst Du nicht Oswald ? Weil es so süß ist , Ihrem Geplauder zuzuhören . Ich bin wohl ein rechtes Kind , nicht wahr ? Aber warum nennen Sie mich nicht Du ? Glaubst Du denn , Holde , daß man nur die liebt , die man Du nennt ? Nein , aber daß man die Du nennt , die man liebt . O , ich finde dies Du so himmlisch . Gott sei Dank , der Tanz ist zu Ende . Komm , wir wollen uns einen guten Platz suchen , den dort in der Ecke am Fenster . Die Herren waren eifrig beschäftigt , nach den vorher von ihren Damen eingeholten Instructionen , die Stühle zu arrangiren ; schon war der Kreis fast geschlossen , als plötzlich durch das Plaudern und Lachen der übermüthigen Jugend , und das Quinquiliren der armen gequälten Musiker auf ihren seit einiger Zeit sehr widerspänstigen , Instrumenten , und das Klappern der Gläser und Tassen auf Präsentirtellern und in den Händen der Durstenden - Stimmen aus dem Nebenzimmer ertönten , die nichts weniger als festlich klangen - laute , von Wein und Wuth heisere Stimmen , drohende Worte hinüber und herüber - nur ein paar Worte , aber gerade genug , um wenigstens alle , die sich auf dieser Seite des Saales befanden , für einen Moment aus ihrem Freudentaumel aufzuschrecken . Freilich auch nur für einen Moment , denn ein mit unfeinen Worten geführter Streit war der hier versammelten Gesellschaft nichts Unerhörtes und dauerte nicht immer so kurze Zeit , wie diesmal . Auch dieser Vorfall würde , wie so viele andere ähnliche , kein weiteres Aufsehen erregt haben , wenn nicht ein zweiter Vorfall , der sich in dem Ballsaale ereignete , dem ersteren eine eigenthümliche , und für die Scharfsinnigeren wenigstens keineswegs räthselhafte Bedeutung gegeben hätte . Kaum waren nämlich die drohenden , heiseren Stimmen nebenan von einer dritten , die eine große Autorität über die trunkenen Lapithen ausüben mußte , zum Schweigen gebracht , als Hortense von Barnewitz , die mit dem jungen Herrn von Süllitz den Cotillon