Natur , als Kinder in solchem Alter zu sein Pflegen . Sie waren selbst schon Schauspieler . Auch Klingsohr hatte anfangs Gefallen an dieser Bekanntschaft , die ihm Lucinde mittheilte und in die sie ihn einführte . Ihm hatte diese Sphäre ganz bewußt und in poetischer Wahrheit den Reiz , der im Wilhelm Meister nur zu künstlich um sie gebreitet ist . Lucinde fühlte sich tastend , doch desto verhängnißvoller hinein . Bedrängt und verurtheilt von der öffentlichen Meinung , hatte sie bei Madame Serlo ein Asyl gefunden , wo sie sich aussprechen und in ihrer Art ganz gehen lassen konnte . Ihr Scharfsinn entdeckte bald den geheimen Schaden dieser unglücklichen Künstlerverbindung . Serlo litt unter der Kälte und Herzlosigkeit seiner Lebensgefährtin bis zur Verzweiflung . Das ganze Leben dieser Frau war nur ein einziger Vorwurf gegen den Vater ihrer Kinder . Sie behauptete , um ihn die glänzendste Laufbahn verfehlt zu haben , während Serlo doch nur ein Opfer seiner Begegnung mit ihr geworden war . Lucinde wurde , wie das geschieht , die Vertraute , die Rathgeberin beider , die Vermittlerin zweier Gegensätze , die mit höchst ungleichen Waffen kämpften . Dort die kalte frischeste Gesundheit , hier ein Siechthum , das Schonung und Liebe bedurfte . Lucindens Empfindungen über Klingsohr wurden von der listigen Madame Serlo bald errathen . Sie verurtheilte den Doctor , wie sie ihrerseits alle Männer verurtheilte , ausgenommen die , die ihr huldigten . Lucinde fand für alles das , was sie an Klingsohrn nicht mochte , den weltgewandtesten Ausdruck . Kaum stand es fest , daß sie Klingsohrn nicht mehr liebte , so hatte Madame Serlo auch schon den Plan fertig , das räthselhafte , schöne und aus unbekannten Hülfsquellen reich mit Mitteln ausgestattete Mädchen an sich zu ziehen . Sie schmeichelte ihr zunächst mit dem unverkennbaren Urtheil , das sie über die Bühne hätte , dann sogar mit einem Berufe für sie . Sie löste Lucinden immer mehr von den Beziehungen ab , die sie noch hier und da in der Gesellschaft hatte . Als der Augenblick der Auflösung des Theaters heranrückte und von einem kleinen Seebade gesprochen wurde , in dem die Trümmer der Gesellschaft im Sommer Vorstellungen geben wollten , bedurfte es bei Lucinden keiner langen Ueberredung . Sie entschloß sich eine Stadt zu verlassen , die ihr durch Klingsohrn sowol wie durch die stete Erörterung ihrer Intrigue mit dem Prinzen unerträglich geworden war . Ueber Klingsohrn hatte ihr Madame Serlo , die das Leben kannte , ein Bild entworfen , dessen Wahrheit sich nicht widerlegen ließ . In voller Gewißheit ging ihr auf , daß die Ueberschwenglichkeit dieses zu so Edelm berufenen und bedeutsamen Mannes eine Folge der Aufregung war , die ihren Ursprung in der Gewohnheit unmäßigen Trinkens hatte . Die Trunksucht war bei Klingsohrn entstanden wie im Traume , wie bewußtlos , wie die natürliche Begleiterin genialer Ueberspannung . Wie sie auch gekommen , sie war da , und Madame Serlo schonte die Farben nicht , diesen Zustand auszumalen . Sie kannte die Nachtseiten des Lebens und sparte keinen Zug an dem Bilde der Zukunft , das sie für Klingsohrn aufrollte . Sie behauptete , schon gehört zu haben , daß er Opium nähme ; sie schilderte die Folgen dieser Neigung in einer Weise , die die zum ersten male von solchen Dingen Hörende nicht an der Wahrheit des Gerüchts zweifeln ließen . Sie hatte ja Klingsohrn oft genug schon gesehen , wie er , wenn er mit ihr ging , sie starr betrachtete und sie ihn unmuthig anrufen mußte , um ihn nur zur Besinnung zu bringen . Die Abneigung , die sie immer tiefer gegen ihn empfand , bekam jetzt Grund und Ausdruck . Da sie wußte , wie er nach ihr verlangen , sie verfolgen würde , so hüllte sie die Entfernung von Kiel , die sie in der That drei Monate vor Ende der Gefangenschaft Klingsohr ' s ausführte , gerade so weit in Dunkel , als ihr mit Beistand jener verschmitzten Frau nur irgend möglich wurde . Mit ihren noch ausreichenden Mitteln , mit dem reichen Schatze ihrer Kleider und Schmucksachen war sie Madame Serlo willkommen wie ein Engel des Lichts . Die andern Schauspieler reisten ab , geradeswegs nach jenem Bade . Nach einigem Hin- und Herreisen , um ihre Spur zu verbergen , erschien auch Lucinde in jenem noch menschenleeren Strandorte . Sie war nun in diesen neuen Kreis , eben aus Furcht vor Klingsohrn , wie gebannt . Von ihrer eigenen Vergangenheit deckte sie nicht viel auf , wie überhaupt Verschwiegenheit zu ihren Tugenden gehörte . Daß sie aber schon ein bewegtes Leben geführt , wurde sogleich erkannt , wie auch der Name des Kronsyndikus haften blieb als desjenigen , vor dem sich Lucinde zu rechtfertigen hätte und auf dessen Gunst und Unterstützung hier alles ankam . Die sich mehrenden Spuren der Nachforschungen , die um sie angestellt wurden , veranlaßten das engste Zusammenwohnen Lucindens mit der Serlo ' schen Familie . Sie gab dabei uneigennützig , was sie besaß . Madame Serlo war eine Meisterin in der Kunst des Schmeichelns . Sie hatte jetzt das sehnsüchtigste Ziel wieder eines Engagements an solchen Plätzen , wo sie den reichen Schmuck und die kostbaren Kleiderstoffe , die ihr Lucinde gern zu Gebote stellte , verwerthen konnte . Die eigentliche Fessel aber , die diese Eroberung festhielt , war in der That der von Lucinden gepflegte und gegen die Kälte der Frau geschützte Mann . Serlo hatte etwas Vergeistigtes . Er besaß ganz jene verklärte Schönheit , die bei Brustleidenden bis an das Ende ihrer Tage sich noch zu steigern pflegt . Sein Auge blickte voll sanfter Glut , wenn er am wenigsten beobachtet wurde . Die Formen seines Antlitzes waren so edel , daß sie den Meißel des Bildhauers herausfordern konnten . Das Haar hing in den Nacken mit seinem grauen Schimmer , wenn es nicht gefärbt wurde der » Komödie « wegen . Alles , was Serlo sprach