ich schäme mich meines dicken Briefs , in dem viel Unsinn stecken mag . Wenn Du nicht frei Porto hättest , ich schickte ihn nicht ab . Von der Mutter hab ich die besten Nachrichten . Bettine Zweiter Teil An Goethe Da ich Dir zum letztenmal schrieb , war ' s Sommer , ich war am Rhein und reiste später mit einer heiteren Gesellschaft von Freunden und Verwandten zu Wasser bis Köln ; als ich zurückgekommen war , verbrachte ich noch die letzten Tage mit Deiner Mutter , wo sie freundlicher , leidseliger war als je . Am Tag vor ihrem Tod war ich bei ihr , küßte ihre Hand und empfing ihr Lebewohl in Deinem Namen . Denn ich hab Dich in keinem Augenblick vergessen ; ich wußte wohl , sie hätte mir gern Deine beste Liebe zum Erbteil hinterlassen . Sie ist nun tot , vor welcher ich die Schätze meines Lebens ausbreitete ; sie wußte wie und warum ich Dich liebe , sie wunderte sich nicht darüber . Wenn andre Menschen klug über mich sein wollten , so ließ sie mich gewähren und gab dem Wesen keinen Namen . Noch enger hätte ich damals Deine Knie umschließen mögen , noch fester , tiefer Dich ins Auge fassen und alle andre Welt vergessen mögen , und doch hielt dies mich ab vom Schreiben . Später warst Du so umringt , daß ich wohl schwerlich hätte durchdringen können . Jetzt ist ein Jahr vorbei , daß ich Dich gesehen habe , Du sollst schöner geworden sein , Karlsbad soll Dich erfrischt haben . Mir geht ' s recht hinderlich , ich muß die Zeit so kalt hinstreichen lassen ohne einen Funken zu erhaschen , an dem ich mir eine Flamme anblasen könnte . Doch soll es nicht lange mehr währen , bis ich Dich wiederseh ; dann will ich nur einmal Dich immer und ewig in meinen Armen festhalten . Diese ganze Zeit hab ich mit Jacobi beinah alle Abende zugebracht , ich schätze es immer als ein Glück , daß ich ihn sehen und sprechen konnte ; aber dazu bin ich nicht gekommen , - aufrichtig gegen ihn zu sein , und die Liebe , die man seinem Wohlwollen schuldig ist , ihm zu bezeigen . Seine beiden Schwestern verpallisadieren ihn , es ist empfindlich , durch leere Einwendungen von ihm abgehalten zu werden . Er ist duldend bis zur Schwäche und hat gar keinen Willen gegen ein paar Wesen , die Eigensinn und Herrschsucht haben , wie die Semiramis . Die Herrschaft der Frauen verfolgt ihn bis zur Präsidentenstelle an der Akademie , sie wecken ihn , sie bekleiden ihn , knöpfen ihm die Unterweste zu , sie reichen ihm Medizin , will er ausgehn , so ist ' s zu rauh , will er zu Hause bleiben , so muß er sich Bewegung machen . Geht er auf die Akademie , so wird der Nimbus geschneutzt , damit er recht hell leuchte : da ziehen sie ihm ein Hemd von Batist an mit frischem Jabot und Manschetten und einen Pelzrock mit prächtigem Zobel gefüttert , der Wärmkorb wird vorangetragen , kommt er aus der Sitzung zurück , so muß er ein bißchen schlafen , nicht ob er will ; so geht ' s bis zum Abend in fortwährendem Widerspruch , wo sie ihm die Nachtmütze über die Ohren ziehen und ihn zu Bette führen . Der Geist , auch unwillkürlich , bahnt sich eine Freistätte , in der ihn nichts hindert zu walten nach seinem Recht , was diesem nicht Eintrag tut , wird er gern der Willkür andrer überlassen . Das hat die Mutter oft an Dir gepriesen , daß Deine Würde aus Deinem Geist fließe , und daß Du einer andern nie nachgestrebt habest ; die Mutter sagte , Du seist dem Genius treu , der Dich ins Paradies der Weisheit führt , Du genießest alle Früchte , die er Dir anbietet , daher blühen Dir immer wieder neue , schon während Du die ersten verzehrst . Lotte und Lene aber verbieten dem Jacobi das Denken als schädlich , und er hat mehr Zutrauen zu ihnen als zu seinem Genius , wenn der ihm einen Apfel schenkt , so fragt er jene erst , ob der Wurm nicht drin ist . Es braucht keinen großen Witz , und ich fühle es in mir selber gegründet : im Geist liegt der unauslöschliche Trieb , das Überirdische zu denken , so wie das Ziel einer Reise hat er den höchsten Gedanken als Ziel ; er schreitet forschend durch die irdische Welt der himmlischen zu , alles was dieser entspricht , das reißt der Geist an sich und genießt es mit Entzücken , drum glaub ich auch , daß die Liebe der Flug zum Himmel ist . Ich wünsch es Dir , Goethe , und ich glaub es auch fest , daß all Dein Forschen , Deine Erkenntnis , das , was die Muse Dir lehrt , und endlich auch Deine Liebe vereint Deinem Geist einen verklärten Leib bilden , und daß der dem irdischen Leib nicht mehr unterworfen sein werde , wenn er ihn ablegt , sondern schon in jenen geistigen Leib übergeströmt . Sterben mußt Du nicht , sterben muß nur der , dessen Geist den Ausweg nicht findet . Denken beflügelt den Geist , der beflügelte Geist stirbt nicht , er findet nicht zurück in den Tod . - Mit der Mutter konnte ich über alles sprechen , sie begriff meine Denkweise , sie sagte : » Erkenne erst alle Sterne und das letzte , dann erst kannst Du zweifeln , bis dahin ist alles möglich . « Ich habe von der Mutter viel gehört , was ich nicht vergessen werde , die Art , wie sie mir ihren Tod anzeigte , hab ich aufgeschrieben für Dich . Die Leute sagen , Du wendest Dich von dem Traurigen , was nicht mehr abzuändern ist , gerne ab , wende Dich in diesem Sinne nicht