alles Heilige sich ihm in den Weg stellen : es soll etwas geschehen , was ihm recht ist , was uns nicht recht scheint ; und so greift es zuletzt durch , wir mögen uns gebärden , wie wir wollen . Doch was sag ich ! Eigentlich will das Schicksal meinen eigenen Wunsch , meinen eigenen Vorsatz , gegen die ich unbedachtsam gehandelt , wieder in den Weg bringen . Habe ich nicht selbst schon Ottilien und Eduarden mir als das schicklichste Paar zusammengedacht ? Habe ich nicht selbst beide einander zu nähern gesucht ? Waren Sie nicht selbst , mein Freund , Mitwisser dieses Plans ? Und warum konnte ich den Eigensinn eines Mannes nicht von wahrer Liebe unterscheiden ? Warum nahm ich seine Hand an , da ich als Freundin ihn und eine andre Gattin glücklich gemacht hätte ? Und betrachten Sie nur diese unglückliche Schlummernde ! Ich zittere vor dem Augenblicke , wenn sie aus ihrem halben Totenschlafe zum Bewußtsein erwacht . Wie soll sie leben , wie soll sie sich trösten , wenn sie nicht hoffen kann , durch ihre Liebe Eduarden das zu ersetzen , was sie ihm als Werkzeug des wunderbarsten Zufalls geraubt hat ? Und sie kann ihm alles wiedergeben nach der Neigung , nach der Leidenschaft , mit der sie ihn liebt . Vermag die Liebe , alles zu dulden , so vermag sie noch viel mehr , alles zu ersetzen . An mich darf in diesem Augenblick nicht gedacht werden . Entfernen Sie sich in der Stille , lieber Major . Sagen Sie Eduarden , daß ich in die Scheidung willige , daß ich ihm , Ihnen , Mittlern die ganze Sache einzuleiten überlasse , daß ich um meine künftige Lage unbekümmert bin und es in jedem Sinne sein kann . Ich will jedes Papier unterschreiben , das man mir bringt ; aber man verlange nur nicht von mir , daß ich mitwirke , daß ich bedenke , daß ich berate . « Der Major stand auf . Sie reichte ihm ihre Hand über Ottilien weg . Er drückte seine Lippen auf diese liebe Hand . » Und für mich , was darf ich hoffen ? « lispelte er leise . » Lassen Sie mich Ihnen die Antwort schuldig bleiben , « versetzte Charlotte . » Wir haben nicht verschuldet , unglücklich zu werden , aber auch nicht verdient , zusammen glücklich zu sein . « Der Major entfernte sich , Charlotten tief im Herzen beklagend , ohne jedoch das arme abgeschiedene Kind bedauern zu können . Ein solches Opfer schien ihm nötig zu ihrem allseitigen Glück . Er dachte sich Ottilien mit einem eignen Kind auf dem Arm , als den vollkommensten Ersatz für das , was sie Eduarden geraubt ; er dachte sich einen Sohn auf dem Schoße , der mit mehrerem Recht sein Ebenbild trüge als der abgeschiedene . So schmeichelnde Hoffnungen und Bilder gingen ihm durch die Seele , als er auf dem Rückwege nach dem Gasthofe Eduarden fand , der die ganze Nacht im Freien den Major erwartet hatte , da ihm kein Feuerzeichen , kein Donnerlaut ein glückliches Gelingen verkünden wollte . Er wußte bereits von dem Unglück , und auch er , anstatt das arme Geschöpf zu bedauern , sah diesen Fall , ohne sichs ganz gestehen zu wollen , als eine Fügung an , wodurch jedes Hindernis an seinem Glück auf einmal beseitigt wäre . Gar leicht ließ er sich daher durch den Major bewegen , der ihm schnell den Entschluß seiner Gattin verkündigte , wieder nach jenem Dorfe und sodann nach der kleinen Stadt zurückzukehren , wo sie das Nächste überlegen und einleiten wollten . Charlotte saß , nachdem der Major sie verlassen hatte , nur wenige Minuten in ihre Betrachtungen versenkt ; denn sogleich richtete Ottilie sich auf , ihre Freundin mit großen Augen anblickend . Erst erhob sie sich von dem Schoße , dann von der Erde und stand vor Charlotten . » Zum zweitenmal « - so begann das herrliche Kind mit einem unüberwindlichen , anmutigen Ernst - » zum zweitenmal widerfährt mir dasselbige . Du sagtest mir einst , es begegne den Menschen in ihrem Leben oft Ähnliches auf ähnliche Weise und immer in bedeutenden Augenblicken . Ich finde nun die Bemerkung wahr und bin gedrungen , dir ein Bekenntnis zu machen . Kurz nach meiner Mutter Tode , als ein kleines Kind , hatte ich meinen Schemel an dich gerückt ; du saßest auf dem Sofa wie jetzt ; mein Haupt lag auf deinen Knieen , ich schlief nicht , ich wachte nicht ; ich schlummerte . Ich vernahm alles , was um mich vorging , besonders alle Reden sehr deutlich ; und doch konnte ich mich nicht regen , mich nicht äußern und , wenn ich auch gewollt hätte , nicht andeuten , daß ich meiner selbst mich bewußt fühlte . Damals sprachst du mit einer Freundin über mich ; du bedauertest mein Schicksal , als eine arme Waise in der Welt geblieben zu sein ; du schildertest meine abhängige Lage und wie mißlich es um mich stehen könne , wenn nicht ein besondrer Glücksstern über mich walte . Ich faßte alles wohl und genau , vielleicht zu streng , was du für mich zu wünschen , was du von mir zu fordern schienst . Ich machte mir nach meinen beschränkten Einsichten hierüber Gesetze ; nach diesen habe ich lange gelebt , nach ihnen war mein Tun und Lassen eingerichtet zu der Zeit , da du mich liebtest , für mich sorgtest , da du mich in dein Haus aufnahmst , und auch noch eine Zeit hernach . Aber ich bin aus meiner Bahn geschritten , ich habe meine Gesetze gebrochen , ich habe sogar das Gefühl derselben verloren , und nach einem schrecklichen Ereignis klärst du mich wieder über meinen Zustand auf , der jammervoller ist als der erste . Auf deinem Schoße ruhend , halb erstarrt , wie aus einer fremden Welt vernehm ich