schnell , was ihm wohlgethan hat ? Das ist nicht gut , es führt zur Undankbarkeit gegen Gott und Menschen , und eben darum ist vielleicht auch die Begierde nach Rache bei rohen Menschen der mächtigste und unauslöschlichste Trieb . Für mein Gefühl ist keine Zeit zwischen jenen selig düstern Tagen und dem gegenwärtigen Augenblick . Alles steht hell vor mir , Alles lebt um mich wie damals , nur Eins , Eins fehlt , und dies Eine ! - Es ist kein Wahn , kein Werk der erhitzten Einbildungskraft - ich werde dies Eine nie vergessen ! Warum sind die freundlichen Erinnerungen an meinen letzten Aufenthalt in Nikomedien , an Alles , was sich dort vereinigte , um ihn mir zu einem schönen hellen Punkte in meinem Leben zu machen , so ganz verschwunden ? Warum drängt sich , wenn ich sie ja zuweilen geflissentlich zurück rufe , um mich zu zerstreuen , nur der einzige Schatten , der darauf liegt - die Eitelkeit und Absichtlichkeit des Wesens , das sonst so liebenswürdig ist , mächtig hervor , und wirft seinen düstern Schein auf das ganze Gemälde , und macht seine fröhlichen Farben erblassen , und kehrt , indem er mich auf den scharfen Gegensatz zwischen Calpurnien und meiner verkärten Jugendfreundin hinweiset , den Stachel grausam gegen mein Herz ? Doch , wo gerathe ich hin ? Was ich noch kurz zuvor als löblich und nöthig anpries , unterlasse ich sogleich selbst , und breche gegen dich , mein väterlicher Freund , was ich gegen Andere zu beobachten mir streng vornehme . Verzeih , wenn zuweilen ein schnelles Gefühl mich hinreißt ! Ich sehe die Zwecklosigkeit und Lästigkeit ewiger Klagen ein , und es ist mein fester Vorsatz , sie nicht laut werden zu lassen . Du aber , der du weißt , wie vieler Nachsicht , Geduld und Liebe mein Herz von jeher bedurfte , um zufrieden zu seyn ; du , der du sie so oft mit mir hattest , und mich Verwaisten mitleidsvoll an das deine schloßest , trage sie noch ferner , und sieh mir gütig nach , was eine schnelle Empfindung , der Vernunft zum Trotze , verbricht . Constantins Freundschaft ersetzt mir viel - und ein stilles Band , das sich mit jedem Tag mehr und mehr um meine Seele schlingt , kann nicht anders , als uns noch näher vereinigen . Er ist ein Christ , wie du weißt , und daher stets mit vielen seiner Glaubensgenossen umgeben , welche sich um ihn als einen festen und erhabenen Mittelpunkt sammeln . Mit ihm besuche ich ihre Versammlungen , und finde - ich weiß , daß trotz ihrer Verschiedenheit unsrer Denkart mein Vertrauen dich nicht beleidigt - immer mehr Grund , die gute Meinung und die schönen Hoffnungen , die ich von den Wirkungen dieser Lehre auf die Menschheit hege , zu nähren und zu vergößern . Ihr Gottesdienst , so weit ich als Ungeweihter demselben beiwohnen darf - denn bei der Feier ihrer Mysterien muß nicht allein der Nicht-Christ , sondern auch der noch auf niedrigen Stufen stehende Glaubensgenosse sich entfernen - also ihr Gottesdienst , so weit ich Zeuge davon war , besteht in gemeinschaftlichen Gebeten und Gesängen , Vorlesungen aus ihren heiligen Büchern , der Lebensgeschichte ihres Meisters , und in zweckmäßigen Reden darüber . Wie oft hat , wenn du mit mir die Reden des Cicero , des Hortendus , des Demosthenes lasest , ein stilles Feuer meine Brust ergriffen , und in schmerzlicher Erinnerung das Bild jener schönen Zeit vor meine Seele geführt ! . Da sah ich die versammelten Quiriten , ich sah den Redner vor den Rostris1 stehen , und voll glühender Vaterlandsliebe , mit begeistertem Tone die würdigen Gegenstände , die das Wohl oder Wehe des ganzen Volkes betrafen , würdig und hinreißend vortragen ; ich sah die Menge an seinen Lippen hangen , jetzt von edlem Unwillen , jetzt von großen Entschlüssen bewegt , der Gemüthsstimmung des Redners willig folgen , und in sympathetischer Rührung seine Gefühle theilen . Erhaben und über Alles groß erschien mir dann dieser Beruf , und göttlich die Macht , ein ganzes Volk nach eignen Einsichten durch die sanfte aber unwiderstehliche Gewalt der Sprache zu leiten , der Sprache , dieses Himmelsgeschenks , das ganz eigentlich und allein den Menschen über das Thier erhebt , worin seine Perfectibilität , seine schönsten Vorrechte liegen . Das sind die goldnen Ketten , die vom Munde des Hermes fließen . Aber verstummt ist der Mund der Suada , verschwunden das kräftige selbstständige Volk der alten Comitien , die Ketten des Hermes sind verrostet . Nur Sophisten und Rechtsgelehrte mißbrauchen noch zuweilen ihre entweihten Geheimnisse , um vor Unwürdigen einen unwürdigen Zweck zu erreichen . Aber in den Tempeln der Christen erhebt sich diese so gesunkene Kunst wieder in ihrer alten Reinheit und Stärke , und wenn auch die Gegenstände , an denen sie sich übt , nicht von so allgemein bemerkbarem Einfluß , die Menge , vor der sie sich zeigt , nicht ein ganzes selbstständiges Volk ist , so sind jene , die sie wählt , nicht minder würdig und gemeinnützig , und ihre Wirkung auf die versammelte Gemeinde nicht minder groß und wichtig . Mit erhebendem Gefühl , mit Rührung habe ich manche dieser Redner gehört , und mich durch Erfahrung überzeugt , daß jene schimmernden Bilder von der Macht der Beredtsamkeit und Declamation , die mir damals vorschwebten , kein jugendlicher Traum , keine Täuschung waren . Es liegt eine sympathetische Kraft in der lebhaften Rede . Noch ehe uns die vorgebrachten Gründe überzeugt haben , hat das sprechende Auge , die ausdrucksvolle Miene , der bewegte Ton uns überredet . Es ist ein Mensch , ein Wesen wie wir , das wir sich freuen , leiden , zürnen sehen ; und wir leiden , zürnen und jubeln mit ihm . Der Mensch spricht zum Menschen , die Natur ergreift uns mit unsichtbarer Gewalt , und reißt uns fort