vermeiden ! « ... Wie bitter , und sogar triumphirend waren im Briefe Lucindens die Andeutungen über Paula ! ... Auch er fühlte es ja nach , was die lutherischen und abgefallenen Freunde der Familie oft genug unter sich sagten : Solch ein unnatürliches , jede Empfindung verletzendes Verhältniß ist nur auf katholischem Gebiete möglich ! ... An sich , vor den Augen der Welt war jede Rücksicht auf Misdeutung gewahrt - Paula war die Nichte des Kronsyndikus , Bonaventura der Sohn des Präsidenten , ihres Vetters - die Verwandtschaft war die allernächste des Blutes und Graf Hugo durfte , ohne Anstoß zu erregen , in Coni einen schönen Palast bewohnen , wo im Kreise einer Geselligkeit , die Paula mit Mitteln zu unterhalten wußte , die sich ihr in dem fremden Lande mit sonst nicht gewohnter sicherer Beherrschung zu Gebote stellten , allabendlich der Erzbischof verweilte ... Meist war Musik das Organ der Verschmelzung oft schroffer Gegensätze , ja Paula wurde erfinderisch und ergab sich jenem schönen Triebe , nach- und vorauszudenken allem , was über rauhe Stunden des Lebens zerstreuend hinweghelfen kann ... Aber ein Vorwurf des Gewissens fehlte nicht bei Alledem - es war ein Verhältniß , an dem , wie sich Bonaventura sagte , » Gott keine Freude haben konnte « ... Ein zärtliches Ueberwallen der Liebe hatte sich in Bonaventura und Paula längst gemildert ... Auf Entsagung blieb ihr Gefühl ja auch gleich anfangs begründet ... Und lenkt nicht jede Liebe , selbst die leidenschaftlichste , zuletzt die Flut in ruhiger wallende Strömung ? ... Kuß und Umarmung ! Was sind sie denn , als ein letztes Ziel , ein Zerreißenwollen jedes Rückhaltgedankens , der Brücke , die den geliebten Gegenstand noch einmal zur alten persönlichen Freiheit zurückführen könnte ; Kuß und Umarmung werden begehrt und gewährt , weil sie den Begehrenden und Gewährenden als Ich vernichten , künstlich gleichsam eine gemeinschaftliche Schuld erzeugen , die beide Theile fast zwingt , auf ewig Eins zu sein ... Aber bald tritt die volle Beseligung der Liebe nur im Austausch des seelischen Lebens ein . Ineinander zu leben ist dann nur noch ein Bedürfniß des Herzens . Kommen erweckt ein Jauchzen der Brust und Gehen ist die Hoffnung nur auf den Gruß , auf das Lächeln des Wiedersehens ... Dann zerlegt sich in seine Stunden der Tag , in ihre Minuten die Stunde , jedes Atom der Zeit ist erfüllt vom Glück der Gewöhnung an so viel willkommene Freuden und noch willkommenere Sorgen - Das ist das Glück , das auch in der Ehe , lange schon vorm Ersterben der Leidenschaft , Ausdruck des wahren Besitzes bleibt ... In diesem letzten Stadium des Verbundenseins der Liebe befand sich der Erzbischof , nachdem er in jedem früheren längst überwunden hatte ... Jeden Abend war er auf dem Schloß des Grafen , das mitten in der Stadt lag und einer der vielen weiland großen Familien des Landes gehört hatte , die im Lauf der Zeiten zu Grunde gingen und nichts behielten , als die glänzende Hülle ihrer Vergangenheit ... An diesen Palast schloß sich ein Garten , altmodischen Geschmacks , wie die Gärten auf den Borromäischen Inseln ... Der Graf hatte eine Aufgabe , diesen Garten der freien Natur zurückzugeben ... Ein geselliger Kreis wurde vor dem Kriege durch nichts gestört ... Später blieben freilich nur Einige , die sich durch die Empfindungen des Grafen nicht stören ließen ... Gewiß wäre der Graf , als die Revolutionen ausbrachen , nach seinem deutschen Vaterland zurückgekehrt , wenn nicht auch dort die Verwirrung für seine Denkweise das Maß überschritten hätte ... Seit lange hatte Oesterreich gesiegt - er mäßigte den Ausdruck seiner Freude und konnte infolge dessen bleiben ... Bonaventura kannte die Sehnsucht nach Thätigkeit , die den Grafen bestimmen mußte , entscheidende Entschlüsse zu fassen , ja er kannte des Grafen Sehnsucht - nach einem Erben - ... Noch mehr , Graf Hugo liebte Paula ... Es mußte kommen , daß dies zehnjährige Zusammenleben in Coni aufhörte ... Und doch , doch kannte er den Grafen dafür , daß dieser im Stande war , die Nachricht von seiner Berufung zur Mutter nach Rom mit den Worten aufzunehmen : Die Frau Präsidentin ist krank und Herr von Wittekind in Rom ? Das wird Ihre Kraft übersteigen , mein theurer Freund , wir müssen Sie begleiten ; wir gehen mit nach Rom ... In solchen , sein Inneres zerreißenden Stimmungen , zu denen sich an jedem der ihm besonders wichtigen Gedenktage seines Lebens noch der Hinblick auf den mit jedem Tag sich dem Abscheiden vom Leben nähernden Vater gesellte , verweilte Bonaventura heute unter seinen Büchern ... Hier , wo ihn so oft die nächtliche Stille geheimnißvoll umfing - hier , wo sein Gemüth der Muttersprache noch zuweilen ein Opfer brachte , wie in den Versen : Du wunderbare Stille , Wer deutete dich schon , Im Erd- und Himmelschweigen Den Weltposaunenton ! Die namenlose Sehnsucht In flücht ' ger Welle Gang , In stiller Brunnen Plätschern Den mächt ' gen Rededrang ! Wenn Mondenglanz die Rose Sanft zu entschlummern ruft Und Nachtviole trinket Den Thau der Abendluft , Wenn frei die Sterne treten Aus ihrem blauen Zelt , Worin das Licht der Sonne Sie Tags gefangen hält - Wie predigt da die Rose ! Viole singt im Chor ; Das kleinste Blatt hält Tafeln Der Offenbarung vor ! Es rauschet und es klinget Ein jeder todte Stein ; Der Stäubchen allgeringstes Will nur verstanden sein ! Nur in die dunklen Schatten Hat Gott das Licht gestellt , Nur in die öde Wüste Die Herrlichkeit der Welt ; Nur brechend nimmt ein Auge Den rechten Lebenslauf ! O , schließet euch , ihr Zauber Der ew ' gen Stille , auf ! Der buntfarbigen Blume sich zu vergleichen , die , hochragend und stolz , doch erst aus welken Blättern emporsteigt - so erhebt sich die Lilie über den am Fuß des Schaftes schon beginnenden Tod - dafür besaß seine Selbstschau zu