noch sein Tieferes und Besseres abzuringen suchte , ganz verhaßt machen konnte ... Unrichtig getauft zu sein hatte Bonaventura nur damals schrecken können , als er es zuerst erfuhr und das Bekenntniß eines verbitterten Hypochonders in den Händen einer rachsüchtigen Feindin wußte ... Diese Feindschaft hatte sich durch Paula ' s Heirath , durch Lucindens nothwendig gewordene Beichte zu Maria-Schnee in Wien gemildert , ja sie hatte wieder der alten Hoffnung und dem alten Werben um Bonaventura ' s Liebe das Feld geräumt ... In Bonaventura ' s Innern gingen soviel Veränderungen vor , daß ihm an ein Verhältniß , das er nur zum größten Triumph derjenigen Richtungen hätte aufklären können , die er bekämpfte , die Gewöhnung kam ... Einen Augenblick , der in den immer höher gesteigerten Wirren der Zeit einst ihm noch kommen müsse , einen Augenblick großer Entscheidungen dachte er als ihm ganz gewiß beschieden . Dann wollte er zur Widerlegung des tridentinischen Concils sich erheben und sagen : » Priester oder Gott - das ist die Frage ! Hat Christus seine Vertretung in der Gemeinde oder nur im geweihten Vorstand derselben ? Kann der Wille eines schwachen Menschen deshalb , weil er gesalbt wurde , die Menschenseele zu seinem Spielball machen ? Seht , ich bin getauft nach allen Regeln der apostolischen Einsetzung der Taufe ! Und doch , doch bin ich ein Heide , wenn unsere Seele von Priestern abhängt ! Unsere Kirche steht und fällt mit der Entscheidung über mein Lebensschicksal ! « ... Dann sich denkend , daß alle seine Würden von ihm niedergelegt werden müßten , alle kirchlichen Acte , die er vollzogen , für ungültig erklärt , sich vorstellend , daß er in ein Kloster gehen , sich neu taufen , neu weihen lassen müßte , fühlte er das mächtigste Verlangen , bei irgend einer großen Krisis der Zeit seine Lage selbst zu offenbaren ... Einstweilen hatte er Leo Perl ' s Beispiel befolgt und eine Urkunde aufgesetzt , die nach seinem Tode erbrochen werden sollte ... In ihr hatte er seinen Fall ausgeführt ... Noch wußte er nicht und kämpfte mit sich , ob er dies Bekenntniß in die Hände des römischen Stuhls selbst oder nur in die seiner näherverbundenen Freunde legen sollte ... Innerlich war er mit sich im Reinen - er verachtete den Spuk des Zufalls ... Nur der höhnende Schatten desselben konnte ihn zuweilen schrecken - Lucinde ... Aber selbst als sie von Castellungo im äußersten Zorn damals geschieden war , selbst da hatte sie zu Bonaventura , der sie , um Abschied von ihr zu nehmen , im Kloster der Herz-Jesu-Damen besuchte , auf ein Kästchen gedeutet und versöhnt gesagt : » Dort liegt mein Testament ! Sie überleben mich und ich vermache Ihnen alles , was ich hinterlasse - cum beneficio inventarii - meinen Schulden ! Sie finden Serlo ' s Denkwürdigkeiten , die , wie ich Ihnen schon vor Jahren sagte , die Schule meiner Kunst wurden , Leiden zu ertragen . Glauben Sie mir , Thomas a Kempis war nichts als der geistliche Serlo und Thomas a Kempis hat ganz die nämliche Philosophie , nur daß der Mönch seine Verachtung der Welt und Menschen in religiöse Vorschriften kleidete ... Wenn Thomas a Kempis anräth , Gott zu lieben , so wollte er nur wie der Schauspieler Serlo sagen : Verachtet die Welt und die Menschen ! ... Dann finden Sie - noch - « setzte sie stockend und leise hinzu : » die Hülfsmittel jener - Rache , die ich Ihnen einst in einem kindischen Wahnsinnanfall geschworen hatte - « ... Und die Sie noch immer nicht Ceccone oder Fefelotti auslieferten ? warf Bonaventura ein ... Lucinde erhob sich , nahm einen Schlüssel , der an dem immer auf ihrer Brust blinkenden goldenen Kreuze hing , ging an ihr Kästchen und schloß es auf ... Nehmen Sie , sagte sie und deutete auf ein gelbes , vielfach gebrochenes großes Schreiben mit zerbröckeltem Siegel ... Es war ein Moment , an den Bonaventura oft zurückdenken mußte ... Damals drängte sich alles zusammen , was oft so centnerschwer auf seiner Brust lag und nun - ein Augenblick der seligsten Erleichterung - ! ... Aber wie ein Blitzstrahl fuhr es auch zu gleicher Zeit durch sein Inneres : War und ist dein Leben und Ringen wirklich nicht mehr , als die Furcht vor diesem zufälligen Verhängniß ? Bist du nicht Herr deines Willens , Schöpfer deiner Freuden und Leiden ? Wie kannst du erbangen vor einer Anklage , die du verachtest , weil sie die teuflische Verhöhnung der christlichen Idee ist ? ... Bonaventura wandte sich und sagte : Behalten Sie ! ... Lucinde verstand diese Weigerung im Sinn eines ihr geschenkten Vertrauens und wurde davon so überwältigt , daß sie eine Weile hocherglühend und in zitternder Unentschlossenheit stand , dann ihr Knie beugte und sich vor Bonaventura zur Erde niederließ ... Gräfin , lassen Sie ! bat er erbebend und der alten Scenen gedenkend ... Lucinde neigte den Kopf bis auf seine Füße ... Ein in der Nähe entstandenes Geräusch mußte sie bestimmen , sich zu erheben ... Man hörte Schritte ... Noch ehe sie den Schrein geschlossen , den Schlüssel wieder zu sich gesteckt hatte , trat die Aebtissin der Herz-Jesu-Damen ein , die nicht verfehlen wollte , dem Erzbischof bei seinem Klosterbesuch die schuldige Ehrfurcht zu bezeugen ... Einige Zeit nach einem ihm unvergeßlichen Seelenblick , den damals Lucinde auf ihn warf , war es Bonaventura , als fand sich in den Drohungen Sturla ' s , der von Genua kam , ein Anklang an die Urkunde Leo Perl ' s ... Doch konnte er sich auch irren ... Der kecke Jesuit hielt ihm ein Bild der deutschen Geistlichkeit vor , dessen Züge auf den fremden Eindringling passen sollten , und unter anderm lief die Bemerkung unter : » Unglaublich , was die Archive Roms von Deutschland mittheilen könnten , hätte nicht die Kirche vor allem an ihren eigenen Organen Aergerniß zu