keine größere Beleidigung entgegenzuschleudern . Und fort war sie — wie der Blitz hinausgeschlossen in Nacht und Dunkelheit . Über die Brücke jagte sie , dem Lauf des Baches folgend — “ Zum See — zum See . . . ” Das war der einzige Gedanke , der in ihr tobte , in ihren Pulsen hämmerte , in ihrem Atem keuchte . “ Ich will frei sein — frei sein ! Von ihm — von ihm — ” Ein lautes Auflachen . . . . Zitternd blieb sie stehen und lauschte . . . War sie es selbst gewesen ? Sie wagte sich keinen Schritt weiter in der fürchterlichen , einsamen Finsternis . War jemand hinter ihr ? Die Zähne schlugen ihr klirrend aufeinander vor Entsetzen . Sie hatte vergessen , daß sie den See erreichen wollte . Dicht neben ihr war das rasende Wasser — so tief stürzten die Ufer ab — so tief . . . . Das Keuchen und Arbeiten in ihrer Brust , das Saufen und Läuten in ihrem Kopfe ließ nach . Sie war totmüde . Ihre Augen schlossen sich — fast verging ihr die Besinnung . Nur eine Bewegung . . . “ Mama . . . meine liebe Mama . . . ” lallte sie , streckte die Arme aus und beugte sich vornüber . Ein Wetterstrahl fuhr blendend nieder . Sie riß die Augen auf , sah die durcheinandertobenden Strudel unter sich von fahlem Licht erhellt und fuhr zurück . Schreckendurchschüttelt stand sie atemlos , starrte in die Nacht und hörte das Krachen des Donners . Sie durfte ja nicht — sie durfte ja nicht . . . für Papa sorgen — sie hatte es doch versprochen . . . Sie durfte nicht entfliehen . Mama hatte sie gerufen . . . . Ihre Kniee schwankten , sie fühlte , daß sie umfallen mußte und ließ sich haltlos zu Boden sinken . So lag sie zusammengekauert und ließ sich vom Brausen des Wassers betäuben . Allerlei sinnloses Zeug ging ihr durch den Kopf — sie wußte nicht wie lange . Endlich erhob sie sich und schlich durch die Nacht zurück . Jetzt hatte sie Angst , sich zu verirren , und besann sich mit Anstrengung auf die Richtung , die sie einzuschlagen hatte . Und dann lief sie , so schnell sie konnte . Schaudernd vor innerer Kälte , das Gesicht von Schweiß und Thränen bedeckt , stand sie vor der Thür des Hotels still . Leise öffnete sie und floh durch den Hausflur die Treppe hinauf . Da auf dem ersten Treppenabsatz traf sie Martin . “ Agathe , wie konntest Du ! ” rief er ihr entgegen . “ Seit einer Stunde laufe ich in der Dunkelheit herum und suche Dich ! Du hast mir einen schönen Schrecken eingejagt ! ” Sie schleppte sich abgewendet an ihm vorüber und riegelte sich in ihrem Zimmer ein . So hatte Agathes Ausflug in die Freiheit ein Ende genommen . Frau Lieutenant Heidling wurde durch ein Telegramm ihres Schwiegervaters nach der Schweiz berufen . Der Regierungsrat empfing sie unten am See bei der Dampferstation . “ Mein Gott , Papa — was ist denn geschehn ? ” “ Ja — die arme Agathe . . . ” Der alte Herr blickte seine Schwiegertochter verstört und bekümmert an . “ Kannst Du Dir das vorstellen — den ganzen Tag sitzt sie und weint — aber den ganzen Tag ! Und will man sie beruhigen , dann gerät sie in eine Heftigkeit — ich habe gar nicht geglaubt , daß sie so zornig werden könnte . Ich weiß überhaupt nicht mehr , wie ich das Mädchen behandeln soll . Ich bin ganz am Ende mit meiner Klugheit . . . . Mit Martin , für den sie doch eine entscheidene Vorliebe zeigte , hat sie sich auch überworfen — jedenfalls — denn er ist plötzlich gereist . ” Der Regierungsrat ergriff Eugenies Hände , die Thränen liefen ihm in den Bart. “ Sei mir nicht böse . . . die weite Reise . . . Ich dachte , wenn Du — Ihr seid doch immer so gute Freundinnen gewesen . Wenn Du mal mit ihr sprächest ! Es muß etwas . . . Du hast ja keine Ahnung , wie das arme Kind aussieht . ” “ Na ja , Papachen , das wollen wir schon machen . In der Familie bringt man ja gern Opfer . Das überlaß mir nur alles . Ich will Agathe schon wieder zur Raison bringen . ” Als Agathe ihre Schwägerin erblickte , verfiel sie in einen Weinkrampf . Der Regierungsrat lief nach einem Doktor . Und der Doktor erklärte : die Patientin wäre sehr nervös und auch sehr bleichsüchtig . Die Bleichsucht käme von der Nervenüberreizung und die Nervenüberreizung habe ihren Grund in der Blutarmut . Es müsse etwas für die Nerven geschehen und etwas für die Bleichsucht — übrigens würde ein bißchen Stahl die Sache schon wieder in Ordnung bringen . “ Weißt Du , Papa , ” sagte Eugenie , “ ich soll auch ein bißchen Stahl trinken — - da nehme ich Agathe mit nach Röhren — das wird jetzt so sehr gerühmt . Lisbeth Wendhagen ist auch dort — es soll von einem vorzüglichen Arzt geleitet werden . Dann lasse ich Wölfchen hinkommen , der Junge sieht nach dem Scharlach immer noch so mieserig aus . Und wir amüsieren uns himmlisch miteinander ! — Gott — der Mensch hat immer mal so Zeiten , wo ihm alles nicht recht ist , und Agathe hat sich wirklich sehr angestrengt . Überlasse sie mir nur ganz unbesorgt . ” Der Regierungsrat küßte Eugenien in warmer Dankbarkeit die Hand . Wie klug und praktisch sie war . Er sah schon nicht mehr so schwarz . . . . es würde ja alles wieder werden ! “ Ich will nicht mit Eugenie ! Ich will nicht ! Laß mich hier allein , Papa — ganz mutterseelenallein , ”