« » Der Arzt behauptete ja , daß der Junge einstweilen noch geschont werden müsse , « brummte Normann in sichtlicher Verlegenheit , » und da hat er natürlich gekritzelt vom Morgen bis zum Abend . Aber wart nur , jetzt bist du gesund , nun nimmt das Herrenleben ein Ende und das Kritzeln auch – und übrigens kannst du jetzt Fräulein Dora und mir Glück wünschen , wir sind ein Brautpaar und werden uns heiraten . « » Ja – das hab ' ich schon in Schlehdorf gewußt ! « versetzte Friedel mit Seelenruhe . » Nun , da hast du mehr gewußt als wir selber , « scherzte Dora , aber ihr Schützling sah mit pfiffigem Lächeln zu ihr auf . » Ich hab ' s auch erst gemerkt , als das Fräulein fort war und der Herr Professor nichts that , als den Schleier anschauen . Den Schleier hab ' ich aber gestohlen und wurde so arg gescholten darum , und dann nahm ihn mir der Herr Professor fort und behielt ihn selbst und hat ihn angeschaut morgens und abends und mittags auch noch , und der Sepp – « » Du verwünschter Junge , willst du wohl schweigen ! « fuhr Normann auf und wollte ihn beim Schopf nehmen , allein seine Braut trat dazwischen . » Meinen Schleier , den ich bei der Abreise vermißte ? Und was hat denn der Sepp damit zu thun ? « » Untersteh dich und sage ein Wort ! « drohte der Professor , während Dora lachend den Knaben ermutigte : » Erzähle nur , Friedel ! Es geschieht dir nichts . « Friedel schien ein untrügliches Ahnungsvermögen zu besitzen , er wußte bereits ganz genau , wem er zu gehorchen hatte , und hielt es mit der stärkeren Partei . Unter ihrem Schutz fing er vergnüglich an zu schwatzen und erzählte die ganze Geschichte von Anfang bis zu Ende . » Aber Kollege , Kollege ! « sagte Herwig halb lächelnd , halb vorwurfsvoll . » Ein Mann der Wissenschaft und Aberglaube ! Wie reimt sich das ? « » Pah , die Liebe ist auch ungereimt , « erklärte Normann und sah seine Braut an , die ihn auslachte , so hell , so lustig und übermütig wie einst in den Bergen . » Und da verlangte dieser Herr Professor , daß man Respekt haben soll vor seinem › höheren Standpunkte ‹ ! Julius , schämst du dich denn gar nicht vor Papa und mir ? « Der Herr Professor war viel zu glücklich , um sich zu schämen . Er hatte sich auf seinem höheren Standpunkte nicht halb so wohl befunden wie bei diesem Herabsinken zum schmählichsten Aberglauben , und was hatte es denn überhaupt mit dem Aberglauben zu thun , wenn man den Schleier seiner Dame bei sich trug und bisweilen anschaute ? Das war Herzenssache . Daß aber der dumme Junge , der Friedel , plaudern mußte ! Normann hatte große Lust , ihn dafür noch nachträglich beim Kragen zu nehmen ; als er jedoch dies helle , herzerfrischende Lachen hörte , das er so lange hatte entbehren müssen , gab er die Rachegedanken auf und – lachte mit . Der alte Gärtner erschien jetzt , um zu melden , daß das Gepäck des Herrn Professors vom Bahnhofe gekommen sei . Herwig ging voran ins Haus , um das Nötige anzuordnen , und das Brautpaar folgte langsam . Da blieb Dora auf einmal stehen und wies auf einen Rosenstrauch , der , all seinen Gefährten voraus , schon über und über voll frischer zartgrüner Triebe war . » Das ist mein Pflegling vom vergangenen Jahre ! Sieh nur , wie kräftig er treibt , im Sommer bringt er sicher wieder eine Fülle von Rosen . – Und was den Friedel betrifft – den behalten wir doch im Hause ? « » Damit er dort auch überall herumspioniert wie in Schlehdorf – ich werde mich hüten ! « sagte Normann . » Morgen gehe ich mit ihm zu deinem Lehrer , der ihn wohl auch wieder für ein Wunderkind erklären wird , wie alle die Herren Künstler , die ich daheim um Rat fragte . Sie sind ja einig über dies sogenannte großartige Talent des Jungen . Er kommt in die Zeichenschule und später geht er zur Akademie , und wenn er in zehn Jahren nicht ein großer Mann ist , dann drehe ich ihm noch nachträglich den Hals um ! « Friedel vernahm weder diese Entscheidung über seine Zukunft noch die fürchterliche Drohung , die sich daran knüpfte . Er war mit dem Professor Herwig vorausgegangen , und die Geschichte mit dem Schleier ging ihm noch immer im Kopfe herum . Er hatte doch den Schleier gestohlen und der Herr Professor gewann die Braut , das paßte eigentlich gar nicht und wollte dem Friedel auch durchaus nicht einleuchten . Aber er tröstete sich schließlich mit der Ueberzeugung , daß er trotz alledem die Hauptperson bei der ganzen Sache gewesen war , denn – wie der alte Sepp so nachdrücklich betonte – » gestohl ' n muß es halt sein ! « Der Lebensquell In voller Fahrt durchschnitt der Dampfer die tiefblaue Flut des Ionischen Meeres , die , leise wogend , nur von einem leichten Windhauche bewegt , das leuchtende Blau des Himmels widerzuspiegeln schien . Auf dem Vorderdeck stand eine kleine Gruppe von Reisenden und blickte in das Meer hinaus , wo fern am Horizont , noch in bläulich nebelhaften Umrissen , eine Küste mit steil aufragenden Bergen sich zeigte . Die schlanke Dame , die an der Brüstung lehnte , mochte am Ende der Zwanzig stehen . Es war eine zarte , höchst anziehende Erscheinung , mit einem etwas bleichen Gesicht und großen dunklen Augen , aber es lag ein Hauch tiefer Müdigkeit und Gleichgültigkeit auf dem noch so jugendlichen Antlitz . Auf dem dunklen Haar saß ein graues Filzhütchen , dessen Schleier in dem frischen Morgenwinde auf und nieder flatterte ,